Hardware Extrem cool
Anno 1993 wollte der damalige Apple-Chef John Sculley die Welt mit einer revolutionären Neuheit beglücken: mit dem »Persönlichen Digitalen Assistenten«, kurz PDA genannt. Bequem wie ein hochintelligentes Stück Papier, sollte der notizblockgroße »Newton« die Handschrift seines Meisters erkennen - ideale Gedächtnisstütze und Zeitplaner für den gehobenen Manager.
Doch statt die Umwälzung zu würdigen, kugelte sich die Welt vor Lachen angesichts der Gebrechen des High-Tech-Helfers. Nur echte Fans erfreuten sich an dem orakelhaften Charakter der Schrifterkennung, die etwa dazu neigte »Microsoft« als »Monopol« zu entziffern.
Jetzt zeigt sich ein Hoffnungsschimmer, daß der kleine Kerl doch keine Fehlgeburt war. Mit der Betriebssystemversion 2.0, nun auch in Deutschland zu haben, ist das Gerät kaum wiederzuerkennen.
Früher versuchte die Newton-Software ganze Wörter zu verarbeiten und ersetzte Unbekanntes durch - zumindest dem Computerhirn - plausibel erscheinende Einträge aus dem internen Wörterbuch. Jetzt entziffert das Programm auch einzelne Buchstaben. Gelegentliche Mißgriffe führen so nur noch zu Tippfehlern, nicht aber zur überraschenden Neuinterpretation von Texten.
Bisher durfte sich der Besitzer eines Stiftcomputers erst unter die Leute trauen, nachdem er in mehrwöchigem Training seinen Helfer an die individuelle Handschrift des Benutzers gewöhnt hatte. Dem neuen Newton hingegen gelingt das elektronische Entziffern schon vom Start weg mit einer erstaunlich hohen Trefferrate.
Vor allem hat Apple sich von der oberlehrerhaften Dogmatik verabschiedet, jeder Besitzer müsse zunächst mit eiserner Disziplin seinen Newton zur Mitarbeit anlernen. Das neue Bedienkonzept bietet zahlreiche Hilfen, falsch erkannte Buchstaben nachzubessern. Viele Merkdaten, wie etwa die Uhrzeiten im Terminkalender, lassen sich - über antippbare Symbole auf dem Display - auch ohne Schrift eingeben. Von April an können Besitzer des Newton 120 ihren Assistenten zur Verjüngungskur schicken: Für 199 Mark montiert Apple neue Speicherchips mit der verbesserten Software.
Nun wird die Vision vom elektronischen Begleiter zumindest etwas plausibler. Den Fehlstart des Newton erklärt sich Steve Capps, einer der Väter des Systems, heute so: »Ich glaube, John Sculley litt unter dem Image, nur der Verwalter des Macintosh-Erbes von Steven Jobs zu sein.« Sculley habe wohl etwas Eigenes schaffen wollen, aber die mit großem Tamtam vorbereitete Präsentation im August 1993 sei dann »wirklich beängstigend« geraten. Capps: »Als ich hörte, was Sculley der Welt versprach, war ich ziemlich deprimiert. Wenn wir den Newton damals nicht mit so hohen Erwartungen überfrachtet hätten, hätte man ihn als eine interessante Entwicklung akzeptiert.«
Eine ganz neue Generation des digitalen Dieners wird nun auf der Cebit Premiere haben: Der Newton 130 ist mit einem Display ausgestattet, das endlich nicht mehr als Taschenspiegel zu gebrauchen ist und sich dank Hintergrundbeleuchtung auch in schummrigen Lokalen entziffern läßt.
Die Innovation könnte entzücken, doch beim Marketing sorgt Apple wieder einmal für Befremden: Der neue Newton soll als »High End«-Modell für 1300 bis 1400 Mark zu haben sein, während das bisherige Modell 120 zum unverändert stolzen Preis von über 1000 Mark im Handel bleibt. »Das ist doch ein Witz«, war noch die harmloseste Schelte der Fachjournalisten bei der vertraulichen Vorstellung des neuen Produkts.
»Den ersten Newton habe ich privat auch nicht benutzt«, gab der Entwickler Capps ungewohnt offen zu, »aber jetzt mache ich alles damit.« Capps sieht den Newton gar als Rettungsanker für den angeschlagenen Computerhersteller Apple. Mit Technologien, die das Unternehmen »weniger abhängig vom PC-Markt machen«, soll der Neustart gelingen.
Einstweilen setzt Apple, Marktführer in der Klasse des Stiftcomputers, auf pragmatische Anwendungen für den handlichen Begleiter. 100 Newtons sind zum Beispiel in Baden-Württemberg unterwegs, um die Ableser von Gas- und Stromzählern bei ihrer profanen Arbeit zu unterstützen.
Vor allem die Ehe des Newton mit anderer Yuppieware soll in Zukunft Früchte tragen. Mit der neuen Software klappt die Vereinigung mit Handys fast aller Marken zum gemeinsamen Datenverkehr. Dann kann der Newton nicht nur drahtlos Faxe senden und empfangen, sondern auch im World Wide Web wühlen und elektronische Post bearbeiten.
»Ich stelle mir ein Handy vor«, erläutert Capps, »auf dessen Display ich mit dem Stift auch Notizen machen und per E-Mail versenden kann.« Als Partner komme Motorola in Betracht. Der Produzent der Macintosh-Prozessoren, gleichzeitig Schwergewicht im Handy-Geschäft, hat bereits Lizenzen für das Newton-Betriebssystem.
Unterdessen zeigt die amerikanische Firma Digital Ocean in Hannover schon erste Muster des »Seepferdchen« genannten Neulings: ein durch knuffige Gummiarmierung und massive Batterien für den harten Außeneinsatz aufgerüsteter Newton 130 mit integriertem Funkmodul.
Ende des Jahres soll das Gerät die GSM-Sprache europäischer Mobiltelefone beherrschen und damit auch als Handy zu benutzen sein. »Ein extrem cooles Ding«, verspricht Dale Marie Urie von Digital Ocean. »Die Leute werden verrückt danach sein.«