Fabel vom Löwen
(Nr. 42/1985, SPD: Der frühere SPD-Abgeordnete Olaf Schwencke über seinen Fraktionschef Herbert Wehner) *
Man muß Olaf Schwencke dankbar sein, daß er zum Modernisierungskonzept der alten Tante SPD einen belebenden Beitrag leistet. Nur durch Selbstkritik ihrer begangenen Fehler kann die SPD im Aufwind bleiben und erneut Profil gewinnen.
Dortmund DR. ALFONS SPIELHOFF
Es ist wirklich wohltuend, daß endlich mal einer der hauptberuflichen Sozialdemokraten den Mut hat, über Wehner die Wahrheit zu sagen. Alle haben bisher gekuscht vor einem, der in keiner Weise »politisches Urgestein« ist, sondern ein primitiver proletarischer, in der Wolle rot gefärbter, in Moskau geschulter kommunistischer Agitprop.
Kaarst (Nrdrh.-Westf.) DR. HEINZ WATENPHUL
Der Abdruck der »Charakter-Studie« über Herbert Wehner, verfaßt von Herrn Schwencke, dessen achtjährige Tätigkeit als Parlamentarier mir leider entgangen ist, hat mir - Verzeihung - den Schaum vors Maul getrieben vor Wut und Entsetzen.
Köln GABY MAUSER
Herbert Wehner, für mich mit eine der größten politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, war nicht nur Taktiker, sondern auch Stratege. Seine Unnahbarkeit und oft verletzende Art war in meinen Augen nur eine Art »Schutzpanzer« gegenüber seinem weichen Gemüt und seiner Empfindsamkeit. Ich lernte den Menschen Herbert Wehner in Fortsetzung eines zunächst belanglos begonnenen persönlichen Gesprächs kennen. Dieses setzte sich in einem freundschaftlichen handgeschriebenen Briefwechsel fort, wobei zum Abschluß Wehner mir sein Buch »Wandel und Bewährung« mit folgender handschriftlicher Widmung schenkte: »... in Dankbarkeit für menschliche Anteilnahme und mit guten Wünschen (gez.) Herbert Wehner«.
Ahaus (Nrdrh.-Westf.) REMBERT VAN DELDEN Ex-CDU-MdB
Dieser vorgezogene Nachruf der anderen Art auf Herbert Wehner macht eines ganz deutlich: das geradezu schluchzende Bedürfnis des Herrn Schwencke nach einer führenden Vaterfigur. Das freilich ist nicht Wehners, sondern Schwenckes Problem.
Tübingen HELMUT SCHREPPEL
Müßte man beweisen, daß die SPD eine Volkspartei ist, dann wäre der Spannungsbogen zwischen dem Buchschreiber Schwencke und der »Eiche« Wehner, an der sich der frustrierte Ex-Parlamentarier reibt, bestens dafür geeignet. Nur würde man damit dem Elaborat Schwenckes zuviel Ehre antun. Wer freilich lesen kann, der wird feststellen, wie beschränkt das Wahrnehmungsvermögen des Autors gewesen sein muß. Was er alles nicht gesehen, gehört, gemerkt, festgestellt, kennengelernt hat, sollte er nicht seinem überlegenen Widerpart anlasten. In christlicher Bescheidenheit sollte sich der Studienleiter in Loccum lieber auf den Balken im eigenen Auge konzentrieren. Immerhin hat nach meiner Einschätzung Herbert Wehner in einer Bonn-Woche mehr für die SPD und die Bundesrepublik getan, als Ex-Kollege Schwencke je für sich in Anspruch nehmen kann.
Frankfurt a. M. ERNST HAAR, SPD-MdB und Staatssekretär a. D.
Ich habe den Eindruck, daß der »Hinterbänkler« Olaf Schwencke nicht weit genug zu sehen vermochte, um das »politische Urgestein« Herbert Wehner zu erkennen.
Castrop-Rauxel NORBERT RÖMER
Die »Fehler«, die Olaf Schwencke seinem früheren Fraktionschef ankreidet, sind meines Erachtens gerade dessen Stärke.
Diez (Rhld.-Pf.) WILLIPEITER ehemals SPD-MdB
Wehner hat mehr für unser Gemeinwesen geleistet, als die vielen Schwenckes
mit ihrem frustrierten Gesabbere zu leisten imstande sind. Sicher, Herbert Wehner konnte die elitären Schleimer nicht ausstehen, deren Politikverständnis auf den Ausbau der eigenen Karriere reduziert war. Aber er konnte mitfühlen wie selten einer.
Saarbrücken HANS JÜRGEN PETERSDORF Landesgeschäftsführer der SPD-Saar
Wer berechtigte Kritik vorzubringen hat, sollte das unverzüglich tun. Glaubwürdiger wird Herr Schwencke dadurch nicht, daß er sich so lange Zeit ließ. Zur Sache selbst ist zu bemerken, daß es nicht Aufgabe einer leitenden Persönlichkeit ist, eigene Papiere vorzulegen. Sie hat zur rechten Zeit mit den rechten Instruktionen die geeigneten Leute zu beauftragen, Vorlagen auszuarbeiten. Aufgabe des Chefs ist es, diese Vorlagen zur Annahme zu bringen, falls er ihnen zustimmt. Wenn Herr Schwencke durchaus Kritik üben will, wozu er das Recht hat, könnte ihm eine längere Liste früherer und jetziger Bundestagskollegen vorgelegt werden, die weit eher und aus gewichtigeren Gründen kritikwürdig sind als der verdiente Herbert Wehner. Wo stünde die deutsche Politik heute ohne ihn?
Bonn DR. H. C. WILLIAM BORM ehem. Alterspräsident des Deutschen Bundestages
Wäre O. Schwencke heute noch im Bundestag, mit seinem Drang nach politischen Visionen käme er auf seine Kosten. Es gäbe für ihn mehr zu beschwören, als zu bewegen - abgedrängt von politischer Macht, frei von ihren Konsequenzen und Belastungen. Nicht der Mangel am großen Papier, die Defizite in der konkreten Politik wurden inzwischen zur Achillesferse des Bonner Parlamentarismus: seine geschwächte Durchsetzungskraft, die Blessuren im Ansehen, wie vor allem seine strategische Rolle und seine Verbindlichkeit in großen Fragen in Mitleidenschaft gezogen werden. Wehner hat um diese Gefahren gewußt. Er stemmte sich dagegen. Schwencke aber sieht darin nicht viel mehr als kleinlichen Umgang mit der Bonner Tagesordnung, in parlamentarischer Präsenz eine verdächtige Flucht vom Schreibtisch. Auffällig, wie neuerdings mit führenden Sozialdemokraten der Nachkriegsjahrzehnte umgesprungen wird. Daß sie der Politik Konturen gegeben, um internationale Moral und um soziale Freiheitsrechte im Innern gerungen haben, verschwindet dabei hinter einer Kulisse aus Anekdoten und Abkanzelei. So
sieht der Unterschied zwischen Geschichten und Geschichte, zwischen feuilletonistischer Selbstverwirklichung und politischem Beurteilungsvermögen aus. Herbert Wehner wird Schwenckes Nachrede überstehen. Er hat Rüderes erlebt.
Bonn HELMUT ROHDE SPD-MdB
Ein Ex-Hinterbänkler, über seine eigene Mittelmäßigkeit vergrätzt, entblödet sich nicht, mit Wehner abrechnen zu wollen. Das ist gründlich mißlungen.
Berlin GERTRAUD ASCHERMANN
Die Quintessenz des von Olaf Schwencke in holprigem Deutsch verfaßten Buches ist doch die: »Ätsch, aber Herzensgüte hatte er keine.«
Steinen (Bad.-Württ.) HEIDI GÖDRICH
Zu Schwenckes Wehner-Verriß fällt mir die Fabel vom Löwen ein, der zeitlebens von allen Tieren geachtet und respektiert war, dann aber, nachdem ihn die Kräfte verlassen hatten, erleben mußte, wie einige Tiere sich an ihn heranmachten, um ihn zu verhöhnen und zu mißhandeln. Besonders der Esel tat sich durch Tritte hervor. - Die Fabel spricht nicht gegen den Löwen.
Bonn DR. JÜRGEN SCHMUDE SPD-MdB
Mir hat an Herbert Wehner immer imponiert: sein Einsatz für Minderheiten, seine Empfindsamkeit, seine Ehrlichkeit, die Kämpfernatur und sein Mut.
Köln BRIGITTE EL MARRAKCHI Kindergartenleiterin
Oh, edler Fürst von Loccum, oh, Führer der Akademie, Beherrscher des Schreibtisches, weiser Philosoph, in Erhabenheit über dem Volke fliegender Zeus, oh, Häuptling der Akademiker, Denker, Moralist, über den Wolken schwebender Futurologe, wo sind sie, Deine Indianer? Wehner hat sich um sein Gesamtdeutsches Vaterland verdient gemacht.
Loshausen (Hessen) WALTER GLÄNZER SPD-Mitglied
BRIEFE
Frei von »Per«
(Nr. 39/1985, Umwelt: »Chemischer Zoo« im Grundwasser) *
Im Raum Kiel ist »Per« zwar im Wasser festgestellt worden, nicht aber im Trinkwasser. Das von den Stadtwerken Kiel AG in einem 320 Quadratkilometer großen Versorgungsgebiet an über 330 000 Menschen gelieferte Trinkwasser ist frei von Perchloräthylen. Die für die Trinkwassergewinnung benutzten Grundwasserleiter aus 44 bis zu 200 Meter tiefen Brunnen sind durch Tonschichten von oberflächennahen Grundwasserschichten getrennt.
Kiel HELMUT HÄNSLER Pressesprecher Versorgung und Verkehr Kiel GmbH
BRIEFE
Architektur ohne Architekten
(Nr. 40/1985, SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger über den Streit der Architekten und den Wandel im Wohnungsbau) *
Es bedarf einer Kampfansage an jene Schlachtfelder pervertierter Nachkriegsmoderne, wie sie uns in Form der Stadtrandsiedlungen, aber auch der deutschen Innenstädte begegnen. Die Nachkriegsarchitektur hat es bis heute nicht geschafft, so etwas wie einen authentischen und identifizierbaren Ort zu bilden, so daß man ihrer Einebnung keine Träne nachweinen wird.
Braunschweig KAI HORN Architektur-Student
Was in Deutschland offenbar noch nicht bekannt ist: Es gibt Architekten, die ein gut gesichertes Konzept für »vollwertiges Wohnen« haben! Der erfolgreichste dürfte Harry Glück (Österreich) sein, der seit 1974 mehrere große Sozialwohnbauten in Wien errichtet hat, wobei er sich ganz wesentlich auf die Erkenntnisse von Konrad Lorenz stützte.
Grafing (Bayern) MARTIN KIESE
Aus einer Untersuchung des Bundesbauministeriums geht hervor, daß ca. 400 000 bis 500 000 Wohnungen in Großsiedlungen liegen. Angesichts dieser Zahl sollte man mit pauschalen Verurteilungen etwas vorsichtiger umgehen; immerhin geht es um Wohnraum für weit mehr als eine Million Menschen. Diese Wohnungen als »Behälter der Massenmenschhaltung« zu diskriminieren bedeutet gleichzeitig, die Heimat der dort wohnenden Menschen in Verruf zu bringen. Gegenüber den »Neunmalklugen« in Bonn wäre es ausreichend gewesen, wenn der Autor sich klug gemacht hätte. Es hätte ihm nicht verborgen bleiben können, daß die von ihm zitierten zwei Milliarden Mark nicht für »Modellvorhaben« vorgesehen sind, sondern die Summe darstellen, die sich aus der drastischen Aufstockung der Bundesmittel für die Städtebauförderung in den Jahren 1986 und 1987 errechnet. Über den Wert dieser Mittelaufstockung besteht im übrigen weitgehende Übereinstimmung.
Bonn HORST URBAN Pressereferent - Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau
Ein Institut hat kürzlich eine Befragung im Märkischen Viertel vorgenommen. Hier einige Ergebnisse: 68 Prozent der Bewohner sind sehr und ziemlich zufrieden mit ihren Wohnungen, 27 Prozent teils, teils zufrieden, 5 Prozent ziemlich oder sehr unzufrieden. Mit der gesamten Wohnsituation im Märkischen Viertel sind 69 Prozent sehr und ziemlich zufrieden, 24 Prozent teils, teils zufrieden, 6 Prozent ziemlich unzufrieden, 1 Prozent sehr unzufrieden. Sie werden zugeben müssen, daß demnach von Exodus-Phänomenen nicht gesprochen werden kann.
Berlin DIPL.-ING. GEORG AUNAP DR. ROLF BRÜNING Vorstand der Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau
Was Sie mir als opportunistische Kehrtwende zum »biologischen Bauen« auslegen, ist für mich ein keineswegs lukratives, sondern ein entbehrungsreiches Weitergehen auf dem Weg zu einer neuen Architektur, die zwangsläufig eine Meta-Architektur sein wird - eine demokratisierte, von den Bewohnern selbst gestaltete und umweltintegrale Architektur -, eine Architektur ohne Architekten, vor allem ohne jene postmodernen Verpackungskünstler, die Sie jetzt so loben, denn die haben sich in der allgemeinen Verwirrung am weitesten verirrt.
München DIPL.-ING. RICHARD J. DIETRICH Architekt
Dynamit ist zur Beseitigung dieses Teils der »Architektur der Moderne« viel zu schade. Mein Alternativ-Vorschlag lautet: einfach mit Müll zuschieben.
Dietmannsried (Bayern) MANFRED KÜCHLE Kunstmaler und Grafiker
BRIEFE
Mit Zetteln bombardiert
(Nr. 40/1985, Sekten: Das absurde Medientheater um Bhagwans abtrünnige Vertraute Sheela) *
Wer immer, egal in welchem Zusammenhang, über den »Stern« schreibt, muß nur kurz die Hitler-Tagebücher erwähnen, und schon ist beim Leser die richtige Stimmung erzeugt. Ob der Rest stimmt, ist dann nicht mehr so wichtig.
Daß sich Bhagwans Ex-Vertraute Ma Anand Sheela im Schwarzwald versteckt hielt und dort vom »Stern« und nicht vom SPIEGEL gefunden wurde, stimmt zwar, bei Ihnen allerdings liest man, weil's so schön paßt, daß der »Stern« sie dort versteckt hielt. Daß der Bus mit den Abtrünnigen abschließend von einem Leihwagen mit »Stern«-Redakteuren begleitet wurde, stimmt zwar, aber bei Ihnen sind es zwei mit Funk ausgerüstete Autos. Daß auf der Insel Juist die Weltpresse um ein Interview mit Sheela anstand, stimmt zwar. Aber bei Ihnen wird zu erwähnen vergessen, daß der SPIEGEL die Renegatin mit Bittzetteln um einen Gesprächstermin geradezu bombardierte.
Kann es am Ende so sein, daß sich zwei rechtschaffene SPIEGEL-Redakteure über den ach so maroden, kaputten, Hitler-geschädigten »Stern« geärgert hatten, weil er schneller war als das überlebensgroße Nachrichtenmagazin? Kann es am Ende so sein, daß der sehr geehrte Erich Wiedemann seine auf Juist voller Wut ausgestoßene Drohung, den »Stern« in die Pfanne zu hauen, mit diesem Artikel in die Tat umgesetzt hat?
Kann es am Ende so sein, daß Rainer Webers gequälter Glückwunsch zum »Stern«-Scoop mit Sheela ein Hörfehler war? Stets gern bereit, von SPIEGEL-Redakteuren das Handwerk des Journalismus zu lernen, und in Gedanken an den Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen, grüßt von einem ganz anderen »Stern« als in diesem SPIEGEL-Bild beschrieben.
Hamburg MICHAEL JÜRGS »Stern«-Redaktion