GIFTMÜLL Fällige Fahndung
Für 52 Millionen Mark baut die Stadt Krefeld im Norden ihres Vororts Uerdingen eine Müll-und-Klärschlamm-Verbrennungsanlage, die von den Stadtvätern schon jetzt als »Modell für Europa« gerühmt wird. Vom April nächsten Jahres an soll das Werk den Krefelder Dreck übernehmen.
Nur wenige Meter neben dem Rohbau läßt sich feststellen, wohin giftiger Unrat bislang befördert worden ist: in ungeschütztes Gelände. Das Grundwasser einer nahen Kiesgrube weist eine so hohe Konzentration von giftigem Schwefelwasserstoff und Zinksalzen auf, daß ein vom SPIEGEL beauftragter Gutachter die Trinkwasserversorgung im Raum Krefeld »in Gefahr« sieht.
Mitte Juli hatten besorgte Bürger der Redaktion mitgeteilt, es werde »Giftzeug in einen Uerdinger Baggersee abgelassen«. Der Gutachter, ein vereidigter Gerichtssachverständiger, entnahm daraufhin an vier verschiedenen Stellen Wasserprobenwahrscheinlich zum letztmöglichen Zeitpunkt.
Denn schon am Tag der Entnahme war der ehemals 2,5 Hektar große Kiesgrubensee bis auf wenige Quadratmeter zugeschüttet, und zwar auf Geheiß der Stadt Krefeld. Die Kommune hatte die Grube Anfang 1973 erworben, weil das Gelände für die Verbreiterung einer Straße benötigt wurde. Mit dem Auffüllen des Baggersees beauftragte die Stadt ein Dutzend Firmen, die dann auch -- so der Leiter der Straßenbauabteilung des städtischen Tiefbauamtes, Franz Wilhelm Chrosch -- »dort regelmäßig Bauschutt und Straßenaushub hinfuhren«.
Was sonst noch abgekippt wurde, entging den Behörden freilich: Monatelang blieb das Auffüllgelände ohne Bewachung, und ein Wächter wurde erst abgestellt, »als wir merkten, daß da auch mal Fremdfirmen vorfuhren« (Chrosch). Dem Wächter fiel freilich sowenig auf wie dem Chemischen Untersuchungsamt der Stadt Krefeld, das den Schuttabladeplatz »ständig kontrollierte«, wie die stellvertretende Amtsleiterin Ilse Zimoski versichert. Auf die Häufigkeit von Probeentnahmen mochte sich die Chemikerin freilich nicht festlegen lassen: »So alle viertel oder halbe Jahr.« Auf die SPiEGEL-Recherchen hin analysierten die Stadtlaboranten das Kippenwasser wieder einmal, fanden aber »nichts Aufregendes« (Ilse Zimoski). Zu ganz anderen Ergebnissen kommt das nun dem SPIEGEL vorliegende Gutachten, in dem »ausgesprochene Giftstoffe« ausgewiesen sind. Die Untersuchung ergab, daß das Gewässer mit Schwefelwasserstoff und Zinksalzen durchsetzt ist.
Die Zinksalzkonzentration der Proben betrug 253,8 Milligramm je Liter Wasser -- ein Hundertstel davon würde, so der Gutachter, beim Genuß, etwa im Trinkwasser, »bereits Erbrechen und Durchfall auslösen«. Wenngleich »eine Angabe von einheitlichen Grenzwerten nicht möglich« sei, muß, so jüngst der Bonner Umwelt-Sachverständigenrat, bei Zink davon ausgegangen werden, »daß Säugetiere (auch der Mensch) schon von pflanzenverträglichen Mengen geschädigt werden«.
Als »fast ebenso giftig wie Blausäure« charakterisiert Günter Hommel, Giftexperte der westdeutschen Polizei, Schwefelwasserstoff. Wirkung laut Hommel: »Giftig für Fische und Plankton«, »Gefahr für Trinkwasser«, bei höheren Konzentrationen »Tod durch Atemlähmung«.
Ob den Krefeldern derlei ins Haus steht, hängt von der absoluten Menge des abgekippten Giftmülls ab und vom unterirdischen Weg, den das vergiftete Grundwasser nimmt. Auf die prekären Bodenverhältnisse wies das Krefelder Gesundheitsamt immerhin schon vor Jahren hin, als der Besitzer einer der jetzigen Müllkippe benachbarten Kiesgrube in Verdacht geriet, er habe nicht genehmigte Müllablagerungen an seinem Wasserloch geduldet.
Damals warnte die Behörde vor einer »Gesundheitsgefährdung«, weil Abfallstoffe, etwa Öle, in den Untergrund gelangen könnten; dadurch werde »das Grundwasser mit Flußrichtung auf Uerdingen ... unbrauchbar für den menschlichen Genuß«.
Der Baggersee war, als er zum Schuttplatz geriet, weder ausbetoniert noch auf andere Weise abgesichert worden. Flüssige Chemikalien sickern ins Grundwasser ab und werden vom »Grundwasserstrom fortgezogen«, wie einst auch das Krefelder Ordnungsamt darlegte. Das Amt befürchtete, daß »möglicherweise die Wasserversorgungsanlage ... der Gemeinde Rumeln-Kaldenhausen sowie die Wassergewinnungsanlage im Ortsbereich Uerdingen in Gefahr kommen«.
Der Gutachter argwöhnt, daß die jetzt entdeckten Giftspuren Industrieabfällen entstammen, wie sie etwa in galvanischen Betrieben anfallen, »die Metallfärbungen durch Sulfidlösungen vornehmen« -- ein Expertenhinweis für die fällige Fahndung.
Als der SPIEGEL im Mai illegale Giftmüllablagerungen in mehreren Bundesländern aufdeckte, fiel Verdacht zunächst auch auf zwei Deponien in Breitscheid bei Düsseldorf, jedoch nicht auf Krefeld. Der zuständige nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Dieter Deneke ließ Breitscheider Proben prüfen, der Befund war nicht zu beanstanden. Prompt informierte der Minister den Landtag, die Staatsanwaltschaft habe bisher »keine Hinweise gehabt, Ermittlungen in Nordrhein-Westfalen einzuleiten Nun hat sie welche.