Fahrt ums Eck - DER SPIEGEL
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AUSLÄNDER Fahrt ums Eck

Seit West-Berlin asylsuchende Pakistani mit Chartermaschinen wieder abschiebt, haben die Flüchtlingspulks ein neues Ziel: über die grüne Grenze an der Saar nach Paris.
• aus DER SPIEGEL 50/1978
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Wenn um Mitternacht in Naßweiler an der deutsch-französischen Grenze das Porno-Kino »Casino 1« schließt und junge Franzosen unkontrolliert von der linken Straßenseite, noch Saarland, zur rechten, nach Lothringen, wechseln, mischen sich häufig auch schüchterne Asiaten unters Volk: Gruppen von Pakistani und Indern, die auf Irrfahrten quer durch Europa sind.

Ihr Ziel ist Paris, ihre Hoffnung die Aufenthaltserlaubnis auf Dauer in der französischen Republik. Doch wenn die französischen Grenzer der »Police de l"air et de la frontière« die Flüchtlinge am Hauptbahnhof von Metz oder in deutschen Taxis entdecken, werden sie eingefangen und in die Bundesrepublik abgeschoben -- Opfer eines Menschenhandels, bei dem international Schleuser und Schlepper, Agenten und Anwälte gutes Geld machen.

Fleißige Mitverdiener sind Taxifahrer in Saarbrücken, Saarlouis und Völklingen. Einer der Fuhrunternehmer tönte vor Sportsfreunden beim Billard in der Saarbrücker Altstadt: »Meine Fahrer verdienen manchmal bei diesen Affenfahrten in der Woche soviel wie sonst im ganzen Jahr.«

Die » Affenfahrten«, Taxifahrer-Deutsch für den heimlichen Menschentransport über die grüne Grenze, beginnen meistens um 23.25 Uhr am Saarbrücker Hauptbahnhof, wenn der Fernschnellzug D 354 aus Berlin/Frankfurt eintrifft. Offenkundig von Schleppern dirigiert, verlassen Pakistani und Inder pulkweise den Bahnhof und lassen sich willig zu Mietwagen geleiten.

Für eine Fahrt Saarbrücken-Paris (Normaltaxe: um 500 Mark) sind 800 Mark, für eine Tour nach Metz 250 Mark fällig, mehr als doppelt soviel wie üblich. Dafür wählen die Chauffeure dann auch diskrete Um- und Schleichwege.

Meistens steuern die Pakistani-Fuhren Naßweiler an, wo nach Ansicht französischer Sicherheitsbeamter vermutlich letztes Jahr auch die Schleyer-Entführer ins Land gekommen sind. Die deutsche Dorfstraße verläuft hier parallel zur Route nationale Nr. 3, und nur ein Mitteistreifen mit Trampelpfaden markiert die Grenze -- schwierigstes Hindernis beim heimlichen Transfer.

Die Taxifahrer, so Beobachtungen des Bundesgrenzschutzes (BGS), setzen ihre pakistanischen Fahrgäste auf deutscher Seite diskret ab, geben ihnen einen Zettel mit ihrer Autonummer und den Rat, wenige Minuten später auf französischer Seite zu warten. Leer machen die Droschken dann einen Umweg um den Häuserblock, fahren über den Grenzübergang ums Eck, der nach 22 Uhr auf französischer Seite meist nicht mehr besetzt ist, und nehmen die Kundschaft wieder auf.

Offiziell würden die Asylsucher aus Fernost in Forbach abgewiesen. Zwischen Pakistan und Frankreich besteht absoluter Visumzwang; der begehrte Stempel zum Einreisen wird Pakistani nur von der französischen Botschaft daheim, nicht aber an einer französi-

* Im Aufnahmelager Sulzbach/Hirschbach.

schen Grenzstation erteilt. Jeder Pakistani also, der am Grenzhäuschen nach Frankreich vorbeischlupft, hält sich automatisch illegal im Lande auf.

Um 1500 pakistanische Flüchtlinge, so schätzen französische Grenzer, sind in den letzten Monaten gleichwohl über die Saar ins Nachbarland gekommen, wo seit vier Jahren Immigrationsstopp herrscht. Nur 250 konnten die Franzosen aufgreifen und zurückschicken. Der Rest versucht, in Paris und Lothringen zu überwintern und im Frühjahr vielleicht auf Farmen als Hilfsarbeiter unterzukommen; ein französischer Unternehmer riskiert allerdings eine Geldstrafe von 3500 Franc, wenn er einen der Pakistani unerlaubt beschäftigt, die ihr Heimatland in Massen verlassen.

Pakistan wurde immer wieder von Unruhen und Verhaftungen erschüttert. Die Analphabeten-Quote liegt bei 80 Prozent, das Monatseinkommen einer Familie bei rund 150 Mark; jeder dritte ist arbeitslos -- vor allem die wirtschaftliche Situation in Pandschab beflügelt den Exodus junger Pakistani.

Sie hören von Werbern, in Westdeutschland könnten sie monatlich 1500 Mark verdienen und davon mindestens 1000 Mark an die Familie daheim schicken. Kein Wunder, daß sich da immer mehr Bauernsöhne bei Verwandten Geld pumpen, um an dem Segen im Westen teilzuhaben. Sie verkaufen Häuser, Traktoren, Esel und Ziegen -- der Reiseaufwand ist hoch. Es fallen an: Flugticket, Schleuser-Honorar und Gebühren für zusammen um 14 000 Mark. Bis zu 2400 Mark kosten auf dem schwarzen Markt gefälschte Arbeitserlaubnisscheine.

Manche der Landarbeiter, Handwerker und Studenten fliegen auf der Strecke Karatschi-Istanbul oder über Moskau und Prag in den Westen; andere schlagen sich per Anhalter durch. Manche tuckern mit Falschpässen in Bus und Bahn durch Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien, Ungarn und die DDR. In Istanbul sitzen Verbindungsleute, die West-Berliner Anwälten Paßnummern und Daten der potentiellen Klienten durchgeben.

Und erst während der Fahrt hören Yussuf, Abdul und Ah, daß sie »zur Erlangung einer Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung« einen Asylantrag stellen müssen: Dieses Antragspapier, so wird ihnen vorgegaukelt, komme bereits einer solchen Erlaubnis gleich.

Die Pakistani, die schließlich aus der DDR legal nach West-Berlin einreisen, sind gehalten, im Falle der Festnahme den organisierten Charakter des Westtrecks zu vertuschen. Auf dem Ost-Berliner S-Bahnhof Friedrichstraße stecken ihnen Kuriere West-Berliner Anwälte die benötigten Papiere zu.

Im Besitz eines gültigen Asylantrags fahren die Ankömmlinge bis Bahnhof Zoo, suchen die Ausländerbehörde auf, unterziehen sich der vorgeschriebenen Untersuchung und beantragen aufgrund ihres Status als Asylsuchende Sozialhilfe: Mit 285 Mark im Monat können sie rechnen, mehr als ein Facharbeiter in Pakistan verdient. Die Entscheidung über den Asylantrag kann, wenn es durch alle Instanzen geht, bis zu acht Jahren dauern.

Erst im Dezember 1977 begann der Berliner Innensenator Peter Ulrich, das Pakistani-Problem (SPIEGEL 49/1977) massiv anzugehen: Er ließ »durch sorgfältige und vielseitige Recherchen« die meistbenutzte Begründung der Asylanträge nachprüfen. Fazit: Die Mitgliedschaft in der Pakistan People's Party des früheren Ministerpräsidenten Ah Bhutto, der jetzt daheim in der Todeszelle sitzt, ist »kein Verfolgungsgrund«. Asylanträge, die sich pauschal hierauf beziehen, werden deshalb von den Ausländerbehörden Berlins und des Bundes neuerdings als nichtig ("Nichtanträge") gewertet.

Gegen 16 der Anwälte, die formelhafte und unsubstantiierte Asylgesuche per Fließband produzieren, ohne je mit ihren Mandanten gesprochen zu haben, ermittelt derweil die Berliner Staatsanwaltschaft; 28 Vermittler, Schleuser und Kuriere wurden in Abschiebehaft genommen. Mit Charter- und Linienflügen ließ Ulrich binnen Jahresfrist rund 2400 Pakistani wieder nach Karatschi abschieben.

Vier Vernehmer und sieben Dolmetscher für die Urdu- und Pandschabi-Sprache hatten seit September in West-Berlin jeden einzelnen Neuankömmling aus Pakistan eingehender denn je über die tatsächlichen Reisemotive verhört. Erstmals auch gab es mit Genehmigung der Alliierten westliche Ausländerkontrollen an der Mauer. Die Zahl der pakistanischen Neuankömmlinge, soweit in West-Berlin erfaßt, sackte auf einen Bruchteil, Experten vom Grenzschutzamt in Koblenz rätseln seither, welchen noch geheimen Weg sich der Strom jetzt, nach dem Berlin-Stopp, in den Westen bahnt.

Offenkundig ist, daß Ulrichs Blockade am Bahnhof Zoo mit einem ausländerfreundlichen französischen Gerichtsurteil zusammenfiel: Sieben sogenannte Circulaires, eine seit 1974 existierende Weisung französischer Regierungsstellen, wonach im Ausland keine Arbeitskräfte mehr angeworben werden und zeitlich beschränkte Aufenthaltsgenehmigungen nicht verlängert werden sollen, wurden vom Staatsrat aufgehoben. Seither darf ein französischer Unternehmer im Ausland wieder Arbeitskräfte werben, das Thema Immigration steht im Parlament an.

Zeitungsmeldungen über das Pariser Urteil mögen das Gerücht, nach West-Berlin sei nun Paris für die Pakistani eine offene Stadt, beflügelt haben. »Einer«, weiß der lothringische Grenzbeamte Eric Hrehorowski, »hat"s in einer Londoner, einer in einer Frankfurter Zeitung gelesen, einer hat"s vom großen Unbekannten, einer vom Kumpel gehört.«

Und »wie die Irren«, erinnert sich der Saarbrücker Grenzschützer Andreas Fischer, »sind die hier plötzlich eingefallen und nach Lothringen durchgerutscht«. Erst Metzer Taxifahrer, die den Saarländern das illegale Fernfahrgeschäft auf französischem Boden neiden, vermasselten den Kollegen die Tour de France. »Das sind unsere Fahrten«, sagt einer, »die armen Schweine werden von den deutschen Fahrern doch nur ausgenommen.«

Die weitere Route in Westeuropa, die clevere Schleuser derzeit testen, ist offenbar Rom-Paris; vom römischen Flughafen über die Alpen, dann ins Badische und ins Elsaß. Zwölf Einschleusungsversuche erkannte der BGS kürzlich an der Grenze zur Schweiz.

Die Beamten im Südwestdeutschen wundern sich, »wie wild die Jungs aufs Taxifahren sind«. Experte Hrehorowski deutet es so: »Immigranten fahren ungern per Bahn, die haben stets Angst, sich im Bahnhof zu verirren.«

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