USA / AFFÄREN Fall 174
Lyndon Johnson sah aus, als wäre
ihm ein Gespenst erschienen. Seine Schultern in dem teuer gearbeiteten Gesellschaftsanzug sanken, und sein zerknittertes Gesicht wurde starr und weiß wie die Frackschleife, die er eben angelegt hatte, um ehrenhalber an einem Festbankett im New Yorker Waldorf Astoria teilzunehmen. »Das kann doch nicht wahr sein«, sagte der Präsident.
LBJ's texanische Mannschaft brauchte eine Weile, um ihrem Champion beizubringen, daß es doch wahr sei: Walter Wilson Jenkins, 46, verheiratet, einer der ältesten Freunde und Helfer des Präsidenten, war bedrohlich gestrauchelt. In einer Kabine der Herrentoilette des Christlichen Vereins Junger Männer (Y.M.C.A.) in Washington hatte die Sittenpolizei den Berater des Präsidenten im Umgang mit einem Mann gestellt. Und die Presse wußte davon.
Johnson hingegen war bis zu diesem Augenblick am Mittwochabend vorletzter Woche ahnungslos gewesen. Er war auch nicht in Washington, sondern auf Wahlreise in Iowa und Illinois, als sein »special assistant« Walter Jenkins den Südwestflügel des Weißen Hauses, wo ihm das ehemalige Büro von Eisenhowers Grauer Eminenz Sherman -Adams zugewiesen war, gegen halb acht Uhr am Abend des 7. Oktober verließ und so das Unheil in Gang setzte. Jenkins ging einen Block weiter in das Gebäude Nummer 1750 auf der Pennsylvania Avenue, wo das amerikanische Nachrichtenmagazin »Newsweek« zur Feier der Eröffnung seines neuen Washingtoner Büros Cocktails an die erschienenen Notabeln, darunter die Minister Rusk und McNamara, verabfolgte.
Während Jenkins noch beim Lunch, den er an diesem Tag mit einem Washingtoner Kolumnisten eingenommen hatte, so abgearbeitet und durchgedreht erschienen war, daß er kaum einen Bissen hinunterbrachte, benahm er sich
bei »Newsweek« ganz normal. Er trank einen oder zwei Whisky-Soda und plauderte über seine sechs Kinder, von denen er eines - einen neunjährigen Jungen, der fleißig Zeitungen austrägt
- nach dem Präsidenten »Lyndon« genannt hat. Ungefähr fünf Minuten nach acht Uhr verließ er die Party.
Aber er ging nicht in das Weiße Haus zurück, wie jedermann, und besonders seine Frau, angenommen hatte. Gegenüber dem Hinterausgang des neuen »Newsweek«-Bürogebäudes, in, der G Street, ist das säulengestützte Portal des Christlichen Vereins Junger Männer. Dorthinein ging Walter Jenkins. Dorthinein ging auch Andy Choka, ein sechzigjähriger US-Army-Veteran ungarischer Abstammung, der als Wachmann an der Stechuhr im »Army-Navy« Club« Verwendung gefunden hatte. Dorthinein gingen schließlich L. P. Drouillard und R. L. Graham, zwei Sittenpolizisten in Zivil.
Diese Männer nahmen hintereinander Kurs auf die Herrentoilette im Souterrain des Y.M.C.A., einen knapp zehn Quadratmeter großen, in Fachkreisen jedoch bestens bekannten Treff. Zu Beginn dieses Jahres wurden dort einmal binnen fünf Stunden acht Homosexuelle, darunter mehrere Regierungsangestellte, festgenommen.
Drouillard und Graham faßten Posten in einem vier Stufen höher gelegenen Duschraum, der seit zehn Jahren außer Betrieb ist, dessen Tür dafür aber zwei Gucklöcher enthält, durch die man nicht nur den Waschraum beobachten, sondern auch über die Trennwände der Zahltoiletten hinwegsehen kann. Hinter einer dieser Trennwände erblickten sie Jenkins mit Choka und schritten ein.
Im Sittendezernat des Washingtoner Polizeipräsidiums, im fünften Stock, wurde Jenkins von seinen beiden Entdeckern als »Fall Nr. 2208« unter dem Datum des 7. Oktober, 20.35 Uhr, in das Haftbuch eingetragen: »Jenkins, Walter Wilson, 3407 Huntington St. N. W., geboren: 3-23-18 in Jolly, Tex., Rasse: weiß, Beruf: Büroangestellter, verheiratet, kann lesen und schreiben, männlich, Eltern: Anna, John. Sittenwidriges Verhalten (unzüchtige Gesten), Y.M.C.A.«
Der diensttuende Polizeileutnant Louis Fochett bekam im Verhör zwar schnell heraus, daß dieser »Büroangestellte« ein Assistent des Präsidenten war. Aber nachdem ein hilfesuchender Rückruf bei seinem vorgesetzten Inspektor, Scott Moyer, nur das vieldeutige Kommando »Schreiben Sie ihn auf« erbracht hatte, ließ Fochett den Eintrag unverändert. Jenkins und Choka bezahlten je 50 Dollar und wurden freigelassen.
Ihr Vergehen wird in Amerika wie eine Verletzung der Verkehrsvorschriften geahndet: Der Festgehaltene muß einen Geldbetrag entrichten, der als Kaution betrachtet wird. Dann kann er vor Gericht gehen, kann die Kaution aber auch verfallen und als Buße gelten lassen, womit der Fall als erledigt gilt.
Der Fall wäre also wohl wirklich erledigt gewesen, wenn nicht einige Tage nach der Einvernahme anonyme Anrufer die Washingtoner Zeitungen auf die Fährte des Hafteintrags vom 7. Oktober gesetzt hätten.
Die Nachmittagszeitung »Washington Star« bekam den Tip Mittwoch früh in der vorletzten Woche und fragte als erste im Weißen Haus zurück. Da fast der ganze Stab auf Wahlreise war, wurde die Anfrage von einer Frau entgegengenommen: von Lady Bird Johnsons Pressesekretärin Liz Carpenter. Sie rief in ungläubigem Entsetzen direkt bei Jenkins an.
Jenkins verlor die Nerven. Hysterisch vor Angst und Erregung holte er einen alten Freund Johnsons zu Hilfe: den Rechtsanwalt Abe Fortas. Der machte sich, verstärkt durch seinen Kollegen Clark Clifford, sofort auf den Weg zu einem Bittgang in Washingtons Zeitungsredaktionen.
Während Jenkins, der sich zunächst in die Wohnung des Anwalts geflüchtet hatte, mit »hohem Blutdruck und nervöser Erschöpfung« in die George-Washington-Universitätsklinik eingeliefert wurde, versuchten die beiden Advokaten - ohne Wissen und Auftrag des Weißen Hauses, wie sie behaupteten -,
den Redakteuren der hauptstädtischen Blätter die Story auszureden. Der Erfolg blieb ihnen versagt. Denn als der »Washington Star« an diesem Mittwochnachmittag ohne die Geschichte von der Festnahme des Präsidenten-Helfers erschien, faßte der ebenfalls informierte Vorsitzende der Republikanischen Partei, Dean Burch, nach: Er ließ verlautbaren, das Weiße Haus versuche verzweifelt, eine die Sicherheit der Nation betreffende Nachricht zu unterdrücken. Um 8.09 Uhr desselben Abends brachte die Agentur United Press International die Story auf den Markt.
Die Pointe dieser Geschichte aber war gar nicht der »Fall 2208«, die Festnahme am 7. Oktober. Die Pointe war der »Fall Nr. 174«, eingetragen unter dem 15. Januar 1959, 22.20 Uhr, im Haftbuch der Washingtoner Sittenpolizei. Damals war derselbe Walter Jenkins auf derselben Herrentoilette wegen desselben Deliktes festgenommen und auf dieselbe Weise (nur billiger, gegen Entrichtung von 25 Dollar) wieder freigesetzt worden.
Der Mann, der Lyndon Johnson schon 25 Jahre in allen möglichen Funktionen dient und der während Johnsons Präsidentschaft Zugang zu sämtlichen Staatsgeheimnissen - auch jenen der Atomrüstung - gehabt hat, war also seit wenigstens fünfeinhalb Jahren seiner sexuellen Abweichungen wegen ein dankbares Objekt möglicher Erpressung. Und weder das Federal Bureau of Investigation (FBI) noch die Abwehr, die Central Intelligence Agency (CIA), hatten es gemerkt.
Diese Sicherheitspanne steckt voll böser Ironie. Unter dem 10. September noch hatte Walter Jenkins selbst die Chefs aller höheren Regierungsdienststellen per Rundschreiben, zur Vorsicht angehalten und geschrieben: »Es wäre unglücklich, wenn ungeeignete Personen in Regierungsdienste genommen würden, nur weil vor ihrer Anstellung nicht die nötigen Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden sind.«
Nun stellte sich heraus, daß ihm selbst gegenüber die nötigen Sicherheitsvorkehrungen nicht getroffen worden waren, und zwar aus demselben Grund, aus dem er sie besonders nötig gehabt hätte: weil er der Vertraute eines mächtigen Mannes war.
Lyndon Johnson war Führer der Mehrheit im Senat, als Jenkins 1959 zum erstenmal im Washingtoner Sittendezernat verhört wurde. Nach dreieinviertelstündiger Befragung hatte er dem damaligen Chef des Dezernats, Inspektor Roy Blick, seine Verbindung mit Johnson auch gestanden. Blick gestattete Jenkins daraufhin, seine Tätigkeit mit »arbeitslos« anzugeben, und der Grund der Festnahme wurde lediglich mit »Untersuchung - verdächtige Person« angegeben Inspektor Blick, als er später nach den Gründen für seine Nachsichtigkeit befragt wurde: Er habe sich »schon einmal die Finger verbrannt«.
Im Haftbuch der Polizei sind diesem Eintrag später zwar von anderer Hand und mit anderer Tinte die Bemerkungen »sittenwidriges Verhalten« und in Klammern »Perversion« hinzugefügt worden. Das Duplikat aber, das routinemäßig dem FBI zuging, enthält diese Zusätze nicht.
Das FBI unternahm deshalb auch keine weiteren Nachforschungen, als 1961 vom Geheimdienst angefragt wurde, ob an Jenkins bedenkenlos ein Dauerpaß zum Betreten des Weißen Hauses ausgefolgt werden könne. Jenkins bekam den Paß. Johnson war damals Vizepräsident.
Als Jenkins dann 1963, zwei Wochen nach Kennedys Ermordung, in den engsten Mitarbeiterstab des neuen Präsidenten aufgenommen wurde, wollte die CIA diesen Stab (Bill Moyers, Jack Valenti, George Reedy und Walter Jenkins) zwar noch einmal einer »top-security-clearance«-Untersuchung aussetzen. stieß mit diesem Wunsch im Weißen
Haus aber auf beleidigtes Schweigen und resignierte daraufhin.
Im Falle des Walter Jenkins lagen außerdem drei frühere positive Untersuchungen auf »top-secret«-Vertrauenswürdigkeit vor: eine im Auftrag der Luftwaffe aus dem Jahre 1956, eine im Auftrag des Verteidigungsministeriums aus dem Jahre 1957 und eine im Auftrag der amerikanischen Atomenergiekommission aus dem Jahre 1958. So forschte man nicht weiter.
Und so wehrte es niemand dem ein wenig verwischten, ganz alltäglich aussehenden Mann, seinem großen Freund Lyndon weiterhin zu dienen - wenn schon nicht unter Hintansetzung seines Vorteils, so doch mit Hingabe und Vertraulichkeit.
Jenkins war es zum Beispiel, der dem Versicherungsagenten Don Reynolds - nach dessen beeideter Aussage - geraten haben soll, zum Dank für den Abschluß einer 100 000-Dollar-Lebensversicherung auf Johnsons Namen einen Betrag von 1208 Dollar für Fernsehwerbung in Lady Bird Johnsons TV -Station KTBC in Austin, Texas, zu investieren, deren Teilhaber und Schatzmeister er war.
Auch im Weißen Haus behielt Jenkins die Regelung der persönlichen Finanzangelegenheiten des Präsidenten in der Hand. Johnson nannte ihn den »Papst«, weil er nach seiner Verehelichung mit der Katholikin Marjorie Whitehill vom Baptismus zum Katholizismus übergetreten war. Johnson behauptet sogar, er habe den Swimming-Pool auf seiner Texas-Ranch »nur für die Kinder des ,apstes'« bauen lassen.
Am Mittwochabend vorletzter Woche aber zögerte Lyndon Johnson nicht: »Wir brauchen einen Rücktritt.« Er bekam ihn.
Und nur einen Abend später erschütterte die Welt eine viel größere Neuigkeit: Chruschtschow war gestürzt worden. Das Ereignis nahm nicht nur die Schlagzeilen der Zeitungen, sondern auch die Aufmerksamkeit der amerikanischen Wähler weit mehr gefangen als jeglicher Skandal.
Am Donnerstagabend letzter Woche schließlich besänftigte FBI-Chef J. Edgar Hoover seinen Präsidenten mit einem Acht-Seiten-Bericht, dem zufolge über 500 Einzelbefragungen keine Anhaltspunkte dafür ergeben haben, daß Jenkins trotz eingestandener »begrenzter Beziehungen« zu einigen Homosexuellen - »die Sicherheit oder die Interessen der Vereinigten Staaten in irgendeiner Weise beeinträchtigt« hat.
Aber auch Johnsons Gegenspieler Barry Goldwater, dem der Fall Jenkins eigentlich glänzend in seinen Wortkreuzzug gegen die Unmoral im Weißen Haus gepaßt hätte, machte relativ wenig Gebrauch davon. Er konzentrierte sich vielmehr ganz auf den Sicherheitsaspekt der Affäre und vermied es, den Namen Jenkins zu nennen.
Walter Wilson Jenkins gehört nämlich als Reservist jenem kuriosen »Luftgeschwader 9999« in Washington an, das nur Mitglieder des Kongresses oder deren Angestellte aufnimmt. Obwohl er weder das eine noch das andere ist, hat er bisher alle »Säuberungen« überstanden. Das kann nur mit Wissen und Billigung des Kommandeurs geschehen sein. - Kommandeur des »Luftgeschwaders 9999« aber ist der Generalmajor der Reserve Barry Goldwater.
Ex-Johnson-Berater Jenkins
Aus dem Büro der Grauen Eminenz....
...in den Keller: Anti-Johnson-Demonstranten vor dem-Weißen Haus*
US-Präsident Johnson, Gattin auf Wahlkampfreise*. »Wir brauchen einen Rücktritt«
* Plakataufschriften: »Ist LBJ anders rum?« »Wieviel solche gibt es noch im Weißen Haus?«
* Mitte: Der linke Arm des durch Johnson verdeckten Robert F. Kennedy.