Fall A und B - DER SPIEGEL
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PARTEIEN / SPD MÜNCHEN Fall A und B

• aus DER SPIEGEL 16/1971
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Über ein Jahr lang suchten die Münchner Sozialdemokraten nach einem Nachfolger für Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, ihren populärsten Genossen. Nun haben sie auf einmal zwei gefunden, einen für den linken Flügel, einen für den rechten -- beide freilich aus der Mitte.

Nach vierstündiger Nachtsitzung am Montag voriger Woche votierte der Münchner SPD-Vorstand, dessen Führung Vogel in zwei Kampf-Parteitagen an sich gerissen hatte: für die OB-Kandidaten Manfred Schmidt (neun Stimmen) und Georg Kronawitter (acht Stimmen).

Nach den zwei Siegen im Hofbräuhaus, bei denen Vogel zuerst den geschäftsführenden Vorstand stürzte und sich dann selbst zum Parteivorsitzenden wählen ließ, war dies für den Reformer aus dem Rathaus die erste Niederlage in der Partei. Denn Vogel plädierte für den südbayrischen SPD-Vorsitzenden und Agrarexperten im Landtag Georg Kronawitter, 42, der »sich neutral mehr in der Mitte bewegt« (Vogel). Der Staatsanwalt und Bundestagsabgeordnete Manfred Schmidt, 35, hingegen, der sich selbst »zur linken Mitte« zählt, war schon letztes Jahr von den gestürzten linken Vogel-Gegnern im Parteivorstand als OB-Kandidat empfohlen worden.

Vogel wollte Schmidt seinerzeit nur akzeptieren, wenn diesem der Stadtkämmerer Helmut Gittel als erfahrener Kommunalexperte zur Seite gestellt wurde. Als der damals amtierende Vorstand dieses Duo ablehnte, empfand Vogel das als einen ersten »Vertrauensriß in erheblichem Umfang«.

Mit Einmütigkeit hatten die 17 Mitglieder des erweiterten Münchner Parteivorstands denn auch am letzten Montag nicht gerechnet. Noch vor Beginn der Personaldebatte, an der Schmidt als einer der elf Münchner Kreisverbandsvorsitzenden teilnahm, während Kronawitter zunächst auf dem Flur der Parteizentrale am Oberanger warten mußte, vereinbarten die zerstrittenen Genossen -- ungewöhnlich in der Parteigeschichte -, auch das Minderheitsvotum der Öffentlichkeit und dem Parteivolk bekanntzugeben, sofern der Kandidat mehr als sechs Vorstandsstimmen erhalten werde.

Die 240 Delegierten des Münchner Parteitags, der sich am 15. Mai für einen der beiden Kandidaten entscheiden muß, stehen vor einer schwierigen Wahl. Denn beide sind »politisch nicht weit auseinander« (Schmidt); beide gewannen erst in den letzten Jahren Profil, beide kooperieren »ohne Reibereien« (Kronawitter) Im südbayrischen SPD-Bezirksvorstand, beide stammen aus der Provinz.

Allenfalls im Temperament unterscheiden sich die zwei OB-Anwärter. Kronawitter, Sohn eines Kleinbauern aus der Hopfengegend Holledau, gilt in der Partei als »geiler Aktivist« und als angriffslustiger Agrarexperte im Landtag. Er attackierte den bärtigen CSU-Methusalem Alois Hundhammer, bis der als Landwirtschaftsminister abdankte, und den Boden-Milliardär August von Finck, dessen Kooperation mit dem Freistaat durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß durchleuchtet wurde. Kronawitter: »Des soi mia amoi oana nachmacha.«

Pfeifenraucher Schmidt, Polizisten-Sohn aus der Moosgemeinde Schwabhausen bei Dachau, der sich bis 1965 als Tutor im Geschwister-Scholl-Studentenheim um die Probleme seiner Hausgenossen kümmerte und 1969 mit jovialem Habitus den Bundestagswahlkreis München-Mitte erstmals für die SPD eroberte, relativiert schon jetzt die Attraktivität des OB-Amts: »Da is doch a bissen der Glanz weg, wenn die Olympiade vorbei ist.«

Mehr als die politischen Konturen stören den Parteichef Vogel an dem Staatsanwalt im Ruhestand, der noch im Februar auf dem Parteitag Vogel als Vogel-Nachfolger vorgeschlagen hatte, dessen Phlegma und unsichere Toleranz nach allen Seiten. Vogel: »Wenn das ein klar denkender, reformistischer Mann wäre, hätte ich ja gar nichts gegen ihn.«

Mehr als durch politische Differenzen wird denn auch der dritte Münchner SPD-Parteitag in diesem Frühjahr durch Prestige und Pressionen bestimmt werden. Für den Fall einer Nominierung von Schmidt hat Vogel bereits angekündigt, daß seine Unterstützung Im kommenden Kommunalwahlkampf »im Fall A anders aussieht als im Fall B«.

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