FALSCH PROGRAMMIERT
(Nr. 31 und 35/1989, Serie, Lehrer)
Wenn tatsächlich nicht die wirklich Leidtragenden die Schulkinder wären. müßte man sich, schadenfroh die Hände reibend, als zynischer Beobachter abseits stellen, die ganze Lehrer- und Schulmisere bis zum endgültigen Zusammenbruch dieses Schulsystems beobachten und hoffen, daß dann endlich etwas gemacht und nicht nur gesprochen und gestümpert wird. Riegel (Bad.-Württ.) WOLFRAM BECHERER
Hauptlehrer
Das wird kein Ende nehmen. Wann kommt das Bundeskultusministerium? Hannover WERNER WANSEL
Die Lehrermisere von heute wird die Nachwuchsmisere von morgen sein (und schon nicht mehr die von übermorgen). Von Ausfall von Schulstunden, chronischem Lehrermangel und anderen Kalamitäten liest man täglich in der Tagespresse. Dies kann nicht mehr eine Frage abstrakten Interesses bleiben, sondern dürfte wohl die vordringlichste Aufgabe des neuen Bundestages werden, wenn wir uns nicht in weiteren zehn Jahren wirklich unter die Entwicklungsländer rechnen wollen.
Lüdenscheid (Nrdrh.-Westf.)
DR. MED. BAUES HACK
So ist es im ganzen Bundesgebiet; der Lehrermangel -- zumal an Gymnasien -- ist akut. Jährliches Defizit (an Gymnasiallehrer-Nachwuchs): durchschnittlich 5000. Den wahren Grund hierfür wagt aber niemand zu nennen, nämlich die »Demokratisierung« der Schulen, die nach 45 eingesetzt hat! Es sind eben nicht mehr genügend Gymnasiasten bereit, »sich einmal so auf der Nase herumtanzen zu lassen, wie sie es sich bei ihren Lehrern haben leisten dürfen«. Man wünscht sich ein besseres Arbeitsklima als jenes, das heute an den Schulen anzutreffen ist.
Berlin Da. OTTO SCHMIDT
Die Schüler werden schon »falsch programmiert« durch die autoritären Erziehungsmethoden auf unseren Gymnasien. Die jungen Kollegen sind falsch programmiert durch Universitäts- und Seminarausbildung. Wie kann dieser Circulus vitiosus durchbrochen werden? Hoffnung versprechen die jungen Studenten, die demonstrativ die Seminare besetzen. Es wird aber lange dauern, bis sich die progressiven Kräfte durchgesetzt haben werden,
Neumünster (Schl.-Holst.) JOHANNES ARIE
Oberstudienrat
Wen darf es wundern, daß Studenten im Hörsaal mißmutig in Novalis-Anklängen (schlagt die Germanistik tot, färbt die Blaue Blume rot) Bänke bekritzeln, während der Ordinarius eine Vorlesungsstunde über »Das Motiv des Brunnens von C. F. Meyer« im Wolfgang-Kayser-Sound flötet. Kreuzwertheim (Bayern)
MAN SED A. SCHNEIDER stud. phil.
Sie schreiben, daß künftige Studienräte für das Fach Deutsch allesamt Alt- und Mittelhochdeutsch lesen, »und hören meist über Heinrich Böll kaum ein Wort«. Wer daran zweifelt, der lese in dem Buch der jungen Leser wegen -- Tatsachen, Meinungen, Vorschläge«, herausgegeben von dem in Mainz lebenden Schriftsteller Hans Peter Richter im Pädagogischen Verlag Schwarm, Düsseldorf 1965. Dort schreibt er unter anderem:
Eines Abends waren meine Frau und ich ausgegangen. Während unserer Abwesenheit klingelte der Fernsprecher. Wir haben drei schulpflichtige Töchter. Die mittlere nahm den Hörer ab, Heinrich Böll meldete std,. Das Gespräch war nur kurz. Doch stolz erklärte die Zehnjährige am nächsten Morgen ihrem Klassenlehrer, sie habe mit Heinrich Böll gesprochen. Der junge Lehrer wußte nicht, wer Heinrich Böll ist. Enttäuscht berichtete unsere Tochter dieses Erlebnis beim Mittagstisch. Wir staunten. Unser Staunen regte die Jüngste, die Achtjährige an, sich den Vortall auszubargen und Ihrer Lehrerin als »selbsterlebt vorzutragen. Die -- ebenfalls junge -- Lehrerin sagte, sie habe den Namen schon einmal gehört, aber Heinrich Böll sei kein bekannter Schriftsteller. Unser Staunen wuchs. Das machte die Älteste neugierig; sie ist zwölf Jahre alt, und sie fragte nunmehr ihre Klassenlehrerin. Diese -- Deutschlehrerin an einer höheren Schule -- behauptete: Heinrich Böll sei ihr unbekannt. Alte drei Erlebnisse erzählte ich einer mir bekannten Volksschullehrerin aus dem Bundesland, in dem Heinrich Böll beheimatet ist. Sie lächelte ungläubig. Wenige Augenblicke später mußte ich erfahren, daß sie keine Ahnung halte, wer Günter Graß ist.
Hannover FRIEDRICH KARL
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