Falsche Freunde - DER SPIEGEL
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FUNKTIONÄRE / BREMEN Falsche Freunde

• aus DER SPIEGEL 29/1969
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Bremens sozialdemokratischer Multi-Funktionär Richard Boljahn, 56, vertraute Anfang 1968 dem SPIEGEL an: »Ich habe auch falsche Freunde, die Millionen an mir verdienten.« Jetzt, Mitte 1969, sind Im kleinsten Bundesland Bürger wie Genossen bereit, ihm zu glauben.

In der Grünkohl- und Pinkelstadt gilt als sicher, daß der Multi-Millionär und Grundstücksmakler Wilhelm Lohmann, 50, zu diesen Freunden zählt.

»Millionen-Willy« duzt den SPD-Politiker, der in der Hansestadt als Aufsichtsratsvorsitzender der Baugesellschaft »Neue Heimat Bremen« (früher »Gewoba") insgesamt 46 125 Wohnungen bauen ließ und als ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender der halbstaatlichen Grundstücksgesellschaft »Weser« an Grundstückskäufen für öffentliche Bauvorhaben maßgebend beteiligt war.

Der Makler Lohmann knobelt mit dem einstigen Borgward-Klempner Boljahn in seiner Kellerbar an der vornehmen Schwachhauser Heerstraße 222 ("Richard knuckst so gerne"), bewirtete ihn in seinem Jagdhaus in Sottrum (Niedersachsen) und im Sommerhaus auf Mallorca. Häufig beschaffte der agile Makler aber auch den Boden, auf dem Bremens ebenso heimlicher wie unheimlicher Herrscher bauen lassen wollte.

Was seit Jahren zwischen Rathaus und Domsheide über Richard Boljahn und seine Freunde gemunkelt wird machte Bremens »Weser-Kurier« (Auflage: 135 000) nun publik:

* Makler Lohmann habe durch einen »Spekulationstip« von Boljahn »viele Millionen Mark verdient«;

* »Beamte, Notare und auch Politiker« hätten ermöglicht, daß Lohmann »Gewinne auf Kosten der Öffentlichkeit einstreichen konnte«;

* »noch heute« versuche die »Verwaltung ... die tatsächliche Höhe der Millionen-Gewinne ... zu verschleiern«.

Die Affären-Meldungen schreckten jedermann. SPD-Regierungschef, Bürgermeister Hans Koschnick, 40, brach seinen Urlaub ab und konstatierte: »Wenn die Vorwürfe stimmen, dann haben wir es mit einem Skandal ersten Ranges zu tun.« Um »Gefahr für die Demokratie« abzuwenden, beauftragte er den Bremer Rechnungshof mit der Überprüfung von Sachen und Personen, und auch das Parlament setzte einen Untersuchungsausschuß ein.

SPD-Fraktionschef Gustav Böhrnsen erklärte, der »WK«-Bericht habe »eine Welle von Beschuldigungen und Gerüchten ausgelöst«, die »beunruhigen, ja geradezu schockieren«, und er rüffelte die Journalisten: »Wir wehren uns ... dagegen, durch eine Übermacht der Presse politisch und moralisch fertiggemacht zu werden.« Dem »WK« brachte der Bericht diverse Gegendarstellungen und Klagen ein.

Der beschuldigte Boljahn ("Man will mir vors Schienbein treten") indes blieb gelassen: »Ich habe Lohmann keine Tips gegeben, die braucht der auch nicht.« Und Lohmann, den anonyme Anrufer bedrängen, das »Spekulationsgeld« wieder rauszurücken, erklärt: »Ich stehe rechtlich in guten Schuhen.«

Bevor noch Rechnungshof und Parlament mit den Nachforschungen begonnen hatten, stand für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« schon fest: »Bremen hat den größten Grundstückskandal der Nachkriegszeit, einen Skandal, in den prominente Politiker aus allen drei großen Parteien verwickelt sind.« Und bevor noch über ihre Schuld entschieden wurde, zogen Prominente aus zwei großen Parteien Konsequenzen.

Boljahn, der 17 Jahre lang die SPD-Fraktion kommandiert hatte und seit 1953 dem DGB-Kreis Bremen vorsteht, jahrelang gleichzeitig in der Finanzdeputation der Bürgerschaft (Landtag) und verschiedenen Aufsichtsräten saß, legte auf Drängen der Genossen vorläufig alle politischen Ämter nieder. Ebenso verfuhr Rechtsanwalt und Notar Hans Ludwig Kulenkampff, stellvertretender CDU-Landeschef, Bürgerschaftsabgeordneter und Mitglied der Baudeputation.

Boljahn-Freund Lohmann, der seit 1959 der SPD angehörte, obgleich er, wie er selber bekundet, als früherer Offizier »eigentlich rechts« steht, trat aus der Partei aus, die gegen ihn intern ermitteln wollte. Als Anlaß diente eine angebliche 3000-Mark-Spende für den christdemokratischen Wahlkampf im Jahre 1967, die Lohmann aber nicht bezahlt hatte. Bausenator Wilhelm Blase (SPD) fuhr auf Koschnicks Zuspruch zur Erholung nach Bayrischzell.

Der laut »FAZ« »größte Grundstückskandal der Nachkriegszeit« begann mit dem Ankauf von Land zur Vorbereitung der Bundesautobahn zwischen Bremen-Stadt und Bremen-Nord, um den sich die Hansestadt im Auftrage der Bundesrepublik mühte. Als die Verkäufer, zumeist Bauern, mehr forderten (zwischen 7,50 Mark und 10,50 Mark), als der Käufer zugestehen wollte (3,50 Mark), und die Behörde sich obendrein außerstande sah, die etwa 150 Bauern zu schnellem und billigem Handeln zu ermuntern, ließ das Liegenschaftsamt den Makler Lohmann gewähren und vermied so eine womöglich kostspielige und zeitraubende Enteignungsprozedur.

Lohmann, der mit den Bauern Platt spricht und ihnen zu Familienfeiern Geschenke macht ("Ich scheue mich auch nicht, mich mit jeder Hose auf einen Mistwagen zu setzen"), meisterte prompt die Aufgabe, in kurzer Zeit »95 Prozent der Verkäufer unter einen Hut zu bringen«. Die Bauern bekamen 5,50 Mark pro Quadratmeter, der Makler bisher 118 166,37 Mark an Provision. Das Mitglied der Baudeputation, Rechtsanwalt und Notar Kulenkampff fertigte einen Teil der Kaufverträge, in denen vermerkt war, die Maklerprovision gehe zu Lasten der Bundesrepublik.

Bundesverkehrsminister Georg Leber lobte das Teamwork zwischen öffentlicher Hand und privater Makelei: »Mustergültig für die Bundesrepublik.« Der Bundesrechnungshof, der für solche Zusammenarbeit keinen Anlaß sah, jedoch monierte: »Das ist der Gipfel. Das wird der Bund niemals zahlen«, und der »Weser-Kurier« folgerte: »So wird das Land Bremen, das normalerweise keinen Pfennig für die Autobahnverbreiterung zu zahlen brauchte, die unnötige Maklerprovision aus der eigenen Steuerkasse zahlen müssen« -- was allerdings noch nicht feststeht.

Fest steht dagegen, daß Makler Lohmann, wie er nun selber empfindet, in einem Fall »moralisch« fehlte. Als es nämlich um den Verkauf des eigenen Landstreifens ging, kassierte Lohmann-Schwester Wilhelmine Scholz die Provision. Die Rechnung, so Lohmann, wurde inzwischen annulliert.

Dem »WK« drängte sich »die Vermutung« auf, »daß ein Personenkreis ... dem Makler ... dieses Geschäft erst ermöglicht habe«, und er fand schnell »bestätigt«, daß gleiches ebenso »mindestens für mehrere zurückliegende und ... einige aktuelle Vorgänge im Bremer Grundstückswesen« gilt.

Damit spielte das Blatt unter anderem auf das sogenannte Hollerland an, wo nach dem Willen von Bremens Sozialdemokraten 15 000 Sozial-Wohnungen errichtet werden sollen. Tatsächlich wurde Lohmann In diesem Gebiet jedoch erst fündig, als Boljahns Grundstücksgesellschaft »Weser« wegen der Zinslast nicht mehr kaufen wollte, und den Vertrag, den der Makler dann mit der Gesellschaft schloß, bezeichnet er als »sozial«.

Immerhin verpflichtete sich Lohmann, das Land zum Selbstkostenpreis wieder herauszurücken, wenn die Firma wieder zu Geld kommen sollte. Als die »Weser« jedoch so schnell nicht flüssig wurde und das von ihr aufgekaufte Land mit einem Aufschlag von 84 Prozent an die »Neue Heimat« (Hamburg) veräußerte, gab auch Lohmann den größten Teil seiner Fläche an die gleiche Baugesellschaft ab: Er verkaufte 1,2 Millionen Quadratmeter, für die er pro Quadratmeter zehn Mark gezahlt hatte, für zwölf Mark -- Aufschlag: 20 Prozent.

Das Geschäft soll allerdings noch folgen, ob es folgt, ist aber fraglich; daß der Makler noch viel Geld investieren muß, ist dagegen gewiß: Lohmann will auf seinem Batzen Hollerland (300 000 Quadratmeter) ein Ladenzentrum bauen; vor 1972 wird jedoch mit dem Bau nicht begonnen.

Beim »Bremisch-Spektakulären« ("Tagesspiegel") geht es gleichwohl nur vordergründig um Land und Geld. In Wirklichkeit geht es um aufgestautes Mißtrauen, das Boljahns Kumpanei in der Hansestadt und in der SPD erzeugte. Ständig führte die Verfilzung in Exekutive und Legislative zu Gerüchten über mannigfache Manipulationen. »Das Schlimme ist das Klima in Bremen«, so Bürgermeister Koschnick: »Wenn etwas hochkommt, wird es sofort geglaubt.«

Das Klima verschlechterte sich seit dem Rückzug des damals 78jährigen SPD-Seniors Wilhelm Kaisen ("Kaiser Wilhelm") aus dem Rathaus auf seine 20-Morgen-Scholle in Borgfeld« der darauf folgenden Schlappe bei den Bürgerschaftswahlen, bei der die SPD 1967 in einer ihrer Hochburgen 8,7 Prozent einbüßte, und der Knüppel-Orgie während der Straßenbahn-Krawalle, die im Vorjahr zum Sturz Boljahns als Fraktionschef führten. Was Kaisens großväterliche Autorität noch auszugleichen vermochte, entlädt sich nun in der Affäre um Boljahn und Lohmann wie in den latenten Rangeleien um Macht in der Partei.

Koschnick warnte die Genossen: »Wir werden in der Bremer SPD schlecht davon leben können, Anti-Boljahner, Pro-Boljahner und Neutralisten zu sein.« Aber noch leben die Genossen davon. Und mit Koschnick leben wollen vor allem linke Genossen um den Ortsvereinsvorsitzenden von Altstadt, Gert Settje, und die Jungsozialisten nur, weil sie »noch keinen anderen haben« (Settje).

Mit der Affäre wollen sie Koschnick und das SPD-Establishment allerdings nicht allein lassen. Die Jungsozialisten kündigten einen eigenen Untersuchungsausschuß an, denn, so mutmaßt Juso Olaf Diné: »Die da oben wollen doch nur wieder verschleiern.«

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