FRANKREICH / BÄCKERSTREIK Falsche Gewichte
In den Arbeitervierteln von Paris stauten
sich Tausende wütender Hausfrauen vor den Bäckerläden. Wild gestikulierende Demonstranten schrien: »Brot für den Arbeiter!« Wurfgeschosse klirrten in die Schaufenster, während sich furchtsame Bäckerfamilien in ihren Häusern und Kellern verbarrikadierten.
Die wilden Szenen, die Frankreichs Hauptstadt in der vorletzten Woche erlebte, waren nun freilich nicht die Vorboten einer neuen französischen Revolution, sondern eine jener harmlosen Eruptionen, die von Zeit zu Zeit das versteinerte Chaos der archaischen französischen Wirtschaft erschüttern. Immerhin gab es dabei einen Toten.
Diesmal war es ein Streik der Bäcker, der die Gemüter aufputschte. Es hatte damit begonnen, daß die Bäckermeister Frankreichs nicht mehr mit gewissen, von jahrhundertealten Traditionen geheiligten Gewohnheiten der französischen Hausfrau Schritt halten konnten.
Die Hausfrauen klammern sich an den ebenso alten wie ungesunden Brauch, stets ofenfrisches Brot auf den Tisch des Hauses zu bringen. Oft gehen sie am Tage drei- oder viermal zum Bäcker, um das beliebte knusprige Weißbrot einzukaufen.
Dieser anspruchsvolle Brauch ist nicht nur für den Magen, sondern auch für den Geldbeutel schädlich. Durch die Kauflust der Hausfrauen werden die Bäckereien gezwungen, mehrmals am Tage zu backen. Es bleibt jedoch ein großer Rest Brot unverkauft, der gleich in den Preis miteingebacken wird, ganz abgesehen davon, daß schon die drei täglichen Backschichten die Brotpreise kräftig in die Höhe treiben.
Das ohnehin schon teure Brot drohte nun aber zu Beginn des Jahres noch um etliches teurer zu werden. Die Bäckergesellen meldeten Lohnforderungen an, und die Gewerkschaft legte den Bäckermeistern nahe, die Gesellenlöhne um 23 Prozent zu erhöhen. Die Bäckermeister hörten die Forderungen zwar nicht gern, zeigten sich aber konziliant.
Als das Arbeitsministerium verlauten ließ, eine Lohnerhöhung von zwölf Prozent sei der Situation angemessen, wollten die Bäckermeister die Lohntüte ihrer Gesellen noch praller gefüllt wissen. Sie plädierten für eine Erhöhung von 15 Prozent - nicht zuletzt weil sie fürchteten, ihre Gesellen andernfalls an besser zahlende Industrien zu verlieren.
Selbstmord in der Hochspannung
Die Meister rechneten im stillen damit, der Staat werde ihnen kräftig mit Subventionen unter die Arme greifen und ihnen damit eine peinliche Erhöhung des Brotpreises ersparen. Jean Masson, der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, zerstörte solche Illusionen: Es könne keine Rede davon sein, teilte er dem Bäckerverband mit, daß sich die Regierung an den neuen Lohnkosten beteiligen werde.
Dem Staatssekretär waren sowohl die Subventions-Forderungen der Bäcker als auch die Lohnforderungen der Gesellen überaus unangenehm, weil beide Forderungen das künstliche System der Preisbildung zu ruinieren drohten, dessen sich die Regierungen Frankreichs bedienen, um die Inflation nicht allzu sichtbar zu machen. Kritiker nennen es das »System der verschleierten Preiserhöhungen«.
Gerade am Brotpreis hat die Regierung schon schwer gesündigt. Um den Anschein zu wahren, der Brotpreis bleibe konstant, ordnet die Regierung von Zeit zu Zeit eine Verminderung des Brotgewichts an. Eine »Baguette« (stangenförmiges Weißbrot) zum Beispiel, die der französische Konsument heute kauft, soll 300 Gramm wiegen, wiegt aber tatsächlich nur 290 oder 280 Gramm.
Da der Preis für eine nominell 300 Gramm schwere »Baguette« kalkuliert ist, erlaubt die Gewichtsminderung, den amtlichen Brotpreis aufrechtzuerhalten und die Illusion zu nähren, daß der Brotpreis nicht gestiegen ist.
Diese Illusion sah der Staatssekretär Masson durch die Lohnforderungen der Bäckergesellen und die Subventions -Wünsche ihrer Brotherren gefährdet. Ein endloses Feilschen zwischen Staat und Bäcker-Innung begann.
Die Regierung erkannte zwar grundsätzlich an, daß die Bäcker Frankreichs die Kosten der Lohnerhöhung nicht allein tragen könnten, war jedoch andererseits nur zu recht geringfügigen Subventionen bereit. Man rechnete insbesondere vor, in welchem Maße der Staat bereits den Bäckern finanziell unter die Arme greift. Schließlich sagte die Regierung zu, wenigstens vier Milliarden Francs (48 Millionen Mark) beizusteuern.
Aber der Bäckerverband lehnte eine solche Subvention als ungenügend ab und drohte, den Brotpreis eigenmächtig zu erhöhen, um die höheren Löhne auszahlen zu können. »Zu Taten!« rief »Der Bäckerfreund«, die Fachzeitung des Bäckerverbandes. Am 15. September sollten die neuen Preise in Kraft treten.
Um den Behörden jede rechtliche Handhabe gegen die renitenten Bäcker von Anfang an aus der Hand zu schlagen, wies die Innung ihre Mitglieder an, die »gesetzlichen Preise wie bisher auszuzeichnen, die Kunden jedoch um einen freiwilligen Beitrag für die Lohnerhöhung von ein bis zwei Francs pro Brot zu bitten«. Wer diesen »freiwilligen, wohlwollenden Beitrag« verweigere, solle das Brot eben zum gesetzlich vorgeschriebenen Preis erhalten.
Den Bäckern schien dieses Verfahren jedoch unzweckmäßig, sie verlangten stillschweigend den Preis einschließlich der »wohlwollenden« Abgabe. Dagegen mobilisierte nun der Staat die Polizei und die Gerichte. Presse und Rundfunk forderten die Bevölkerung auf, der gesetzwidrigen Preiserhöhung entgegenzutreten.
Drei Tage später brach die Aktion der Bäcker-Innung zusammen. Am 18. September wies der Verbands-Vorsitzende Gringoire telegraphisch seine Bäcker an, die Aktion einzustellen.
Monsieur Gringoire hatte jedoch nicht mit dem revolutionären Temperament der Bäcker der Departements Seine und Seine-et Oise gerechnet. Als der Vorsitzende zum Rückzug blies, traten die Bäcker jener Departements in den Streik. Fast alle Bäckerläden schlossen. In den Straßen sammelten sich die Hausfrauen und schlugen wütend gegen die heruntergelassenen Rolläden der streikenden Bäcker.
Die heftigsten Straßen-Szenen spielten sich in der Kleinstadt Cauterets ab, deren Bäcker ebenfalls streikten. Als es dem Bürgermeister der Stadt, Charles Fourtine, nicht gelang, genügend Brot für seine hungernde Bevölkerung beranzuschaffen, trieb ihn randalierender Pöbel mit den Rufen »Hängt ihn auf!« durch die Straßen der Stadt und schließlich zum Selbstmord. Keuchend kletterte Fourtine auf einen Hochspannungsmast und griff in die 110 000-Volt-Leitung.
Am nächsten Tag war der Spuk verschwunden, der Streik der Bäcker abgebrochen. Aber die Verhandlungen zwischen Regierung und Bäckerverband um die Subventionierung der Lohnerhöhung gehen weiter.
Staatssekretär Masson
Die Inflation schleicht ...
... aber der Staat verschleiert das Chaos: Brotschlangen in Paris