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DDR Falsche Seite

Die SED will die ostdeutschen Schriftsteller wieder am kürzeren Zügel führen - aus Furcht vor dem polnischen Bazillus.
• aus DER SPIEGEL 22/1981
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Am Grenzübergang Wartha erwarteten den DDR-Bürger Klaus Schlesinger Unannehmlichkeiten. Barsch forderten die ostdeutschen Wächter ihn auf, sich auszuziehen.

Schlesinger gehorchte, die Prozedur war ihm geläufig. Seit März wird der Schriftsteller, der auf Zeit in West-Berlin wohnt, so von seinen Leuten traktiert: Mal lassen ihn die Posten ungeschoren passieren, mal durchsuchen sie ihn bis unters Hemd, mal nehmen sie sein Auto auseinander, als gelte es, einen Top-Agenten des Kapitals zu entlarven.

Der Liedermacherin Bettina Wegner oder dem Literaten Kurt Bartsch, beide wie Schlesinger im Besitz eines gültigen Dreijahresvisums der Ostrepublik, ging es in den letzten Wochen nicht anders.

Als Frau Wegner, beim zehnten Mal, sich weigerte, die unwürdige Zeremonie mitzumachen, schickten die Grenzer sie kurzerhand nach Ost-Berlin zurück. Das für den Abend angesagte Konzert in West-Berlin fiel aus.

Was auf den ersten Blick wie eine willkürliche Schikane subalterner Beamter wirkt, hat durchaus Methode: Die SED will die Zügel ihrer Kulturpolitik wieder anziehen -- aus Angst vor dem polnischen Bazillus.

Um die Dichter und Denker zu befrieden, die seit der Ausbürgerung des S.48 Liedermachers Wolf Biermann 1976 aufgestört sind, hatte die SED in den vergangenen Jahren zahlreichen aufsässigen Künstlern großzügigen Auslauf in den Westen gewährt. Literaten wie Günter Kunert, Jurek Becker und Klaus Poche erhielten Dauervisa für mehrere Jahre, die ihnen das Pendeln zwischen den beiden deutschen Staaten erlauben, so oft sie nur wollen.

Damit hofften die Einheitssozialisten auch, den durch die Biermann-Vertreibung arg beschädigten Ruf der DDR als Kultur-Staat zu reparieren.

Doch der Gunsterweis hatte nicht bedachte Nebenfolgen: Die Pendler exportierten nicht nur ostdeutsche Literatur, sie importierten auch Informationen und Gedanken aus westdeutschen Kollegenkreisen in die Intellektuellenzirkel der DDR.

Auf einer Konferenz mit ostdeutschen Verlagslektoren beschrieb der stellvertretende Kulturminister Klaus Höpcke im März erstmals offen das Dilemma. Die West-Visa, beklagte er, funktionierten nicht nur, wie beabsichtigt, als Druckventil, sie hätten auch Kommunikationsstränge geschaffen, die keineswegs erwünscht seien.

Höpcke nannte als Beispiel den Autor Jurek Becker, der in der DDR-Provinz umherreise und Schriftsteller, Verleger und Funktionäre durch seine offenen Reden durcheinanderbringe.

Wie ernst die SED die Verwirrung nimmt, daran ließ der Vizeminister keinen Zweifel: Die Lektoren, so verlangte er, sollten künftig über ihre Autoren regelmäßig Berichte anfertigen. Nicht nur über die literarischen Pläne der schreibenden Klientel müsse darin referiert werden, sondern auch über deren Stimmungslage -- eine Anweisung, die das Kulturministerium zuletzt in den Monaten nach Biermanns Rausschmiß erlassen hatte, als der SED die Kontrolle über die Literatur-Szene zu entgleiten drohte.

Daß die Furcht vor neuer ideologischer Aufweichung unter den Kunstschaffenden begründet ist, räumte auch Günter Görlich, Chef der Berliner Sektion des DDR-Schriftstellerverbandes und mittlerweile ZK-Mitglied, auf dem X. SED-Parteitag im April ein.

»Wir kennen«, so Görlich im Ost-Berliner Palast der Republik, »die Versuche der Konterrevolution in Vergangenheit und Gegenwart, mit allen Mitteln die sozialistische Demokratie durch bürgerlichen Demokratismus zu ersetzen und sich eine legale Basis für ihre Aktionen im Sozialismus zu schaffen.«

Vor Jahren, so warnte der SED-Mann seine Kollegen, hätten »bestimmte kosmopolitische Kräfte« versucht, den Passus über »die führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse« aus den Statuten des Schriftstellerverbandes zu entfernen. Görlich: »Doch der Angriff ... mußte scheitern, und, Genossen, das sei hier vor dem höchsten Forum unserer Partei mit aller Deutlichkeit gesagt, ganz gleich, in welcher Form er sich wiederholen sollte, er wird immer eine Abfuhr erhalten.«

Drohend fügte er hinzu: »Jeder, der auch nur einen halben Schritt zurückgeht«, stehe »objektiv auf der Seite der alten Welt«.

Zunächst will die SED auf den schweren Knüppel verzichten und mit sanftem Druck verhindern, daß noch mehr Intellektuelle auf die falsche Seite gezogen werden. Den Schriftstellern Erich Loest und Karl-Heinz Jakobs, die als vorerst letzte ein West-Visum bekamen, wurde in ihre Pässe gestempelt, daß sie nur noch einmal aus- und wieder einreisen dürfen. Diese Praxis, so deutete Höpcke auf dem März-Treffen S.50 an, könnte die Partei auf die übrigen Grenzgänger ausdehnen.

Auch den eigentlichen Grund für den Schwenk der SED-Kulturpolitik verschwieg der Ministerstellvertreter nicht: Er wies die Lektoren an, alle Manuskripte auf Eis zu legen, die sich mit den Nachbarn der Ostdeutschen beschäftigen. Bücher über Polen hätten vorerst keine Chance, gedruckt zu werden.

S.45Bei ihrem Auftritt 1980 in Hamburg.*

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