Farbe bekennen - DER SPIEGEL
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Briefe

Farbe bekennen
• aus DER SPIEGEL 47/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Farbe bekennen

(Nr. 45/1981, SPIEGEL-Titel: »Interview mit Breschnew")

Der Stolz des SPIEGEL, als Organ für Herrn Breschnews Propaganda dienen zu dürfen ist bemerkenswert.

Clausthal-Zellerfeld (Nieders.) ERNST HUMMEL

Als aktiver Sozialdemokrat kann ich derartige Artikel nur begrüßen! Ich habe vor der Politik des Herrn Reagan mehr Angst als vor den Sowjets.

Ellerbek (Schlesw.-Holst.) MICHAEL HARDER

Augsteins Anmerkungen, weshalb es »wenig sinnvoll« gewesen wäre, Herrn Breschnew »zu fragen, warum seine Truppen in Afghanistan einmarschiert sind«, mit der »Begründung": »Ebensogut hätte man den Papst fragen können, warum er immer noch an der Jungfrauen-Geburt jenes Jesus von Nazareth festhalte, den er hier auf Erden vertritt«, verdienen es, in einer Dokumentation mit dem Titel »Moralischer Ausverkauf des Westens« für spätere Zeiten aufbewahrt zu werden!

Altenberge (Nrdrh.-Westf.) DR. JOHANNES SCHWARTE

Der Informationswert Ihres Interviews für politisch Denkende liegt unter Null.

Borkum (Nieders.) KARL BEESE

Das Interview zeigt wieder einmal, welche Großmacht dieser Welt tatsächlich den Frieden möchte. Ich habe nicht vor, mein Leben nach nur 17 Jahren zu verlieren, nur weil ein verhinderter Cowboy aus Texas die Rolle seines Lebens spielt.

Hamburg STEFAN CORDES

Armer SPIEGEL, armer Augstein, die nur noch Megaphone der heuchlerischen Propaganda des Kreml sind!

Thalwil (Schweiz) DR. ARNOLD E. KAULICH

Das Bekenntnis der Sowjet-Union zur totalen Abrüstung hat sie geradezu demonstrativ abgelegt, als sie am 4. Dezember 1959 der Uno ein Denkmal zum Geschenk machte, das die Weissagung von Jesaja »Schwerter in Pflugscharen wandeln« zeigt. Erstaunlich dabei, daß Atheisten bei der Wahl eines Geschenks für die Uno auf eine Weissagung der Bibel zurückgreifen.

Da die Weissagung von Jesaja heute nur noch Symbolwert hat, weil sie wörtlich genommen an der Welt und ihrer Politik nicht das geringste ändern könnte, wurde unsere zeitgemäße Interpretation »Wandlung des Soldaten in den Helfer« offenbar im Sinne einer weltpolitischen Zielsetzung.

Effretikon (Schweiz) THEO FEUCHT Europa-Sekretariat Aktion »Goldenes Kreuz«

»Zusammenarbeit zwischen den Ländern -- Beseitigung von Mißtrauen, Vorurteilen und Angst.« Welcher ehrliche Mensch könnte dem nicht zustimmen?

Bad Rothenfelde (Nieders.) CARL GERHARD PUSCH

Wenn man das Interview liest, kann man davon ausgehen, daß der Kreml-Chef auf dem Weg zum Philanthrop ist. Die Nato sollte bei ihrem Doppelbeschluß bleiben.

Frechen (Nrdrh.-Westf.) MATHIAS BIENN

Jetzt muß die US-Regierung Farbe bekennen. Gelingt es nicht, auf der Grundlage der Vorschläge dieses Interviews eine Vereinbarung zur Beendigung des Wettrüstens mit dem Endziel der Waffenlosigkeit zu erreichen, wird endgültig deutlich, daß die reaktionäre, sogar das eigene Volk ausbeutende Reagan-Clique nur ein Ziel kennt: die Weltherrschaft.

Offenburg FRANK ZEHNLE JÖRG TINSEL

Vor dem Durchlesen des Interviews war ich erst mal voreingenommen, ich war der Meinung, daß der »Russe« unglaubwürdig ist. Doch das, was ich las und als unglaubwürdig identifizierte, trifft auf Politiker in Ost und West gleichermaßen zu.

Ich fragte mich, vor wem ich jetzt mehr Angst habe, vor Reagan oder vor S.8 Breschnew. Nun warf sich die Frage auf, was ich alleine tun kann, um meine Angst zu demonstrieren und den Weg ins Verderben aufzuhalten. Ich bin 1978 in die Bundeswehr eingetreten und habe mich nach einer Weile, ohne zu denken, für vier Jahre verpflichtet. Ich bin mir die letzten Jahre nie so überflüssig vorgekommen.

Die Ohnmacht eines einzelnen im Getriebe der Bundeswehr oder im Getriebe der Politik zeigt auf, daß ich (wir) nicht einmal mehr Bauern auf dem Schachbrett sind.

Sande (Nieders.) MICHAEL DIERS

Es fällt auf, daß die Themenbereiche Freiheit, Menschenrechte und Weltrevolution keiner Erwähnung wert befunden wurden. Das Magazin hat sich um sowjetische Dialektik und Beeinflussung verdient gemacht.

Brüssel WOLFGANG HÜBNER

Was der Strauß aus Bayern gottlob nicht geschafft hat, das schaffte Breschnew: Er machte Rudolf Augstein zum journalistischen Pappkameraden. Hat der SPIEGEL denn das nötig?

Bonn DR. HEINZ KORNETZKI

Man stelle die Äußerungen der Herren Weinberger, Haig und Reagan gegen das Interview mit Herrn Breschnew, vergesse, was von wem ist, und versuche zu erraten, wer was -- der Intention nach -- gesagt haben könnte. Richtig geraten?

Sie Kommunist!

Bonn FRANZ-CHRISTOPH SCHIERMEYER

Auch wenn, wie sich aus Ihren »Anmerkungen« herauslesen läßt, die »Null-Fragen«-Bedingung vor dem Interview ausgehandelt war -- ein solch braver Journalist waren Sie noch nie! Es hätte Ihrer Reputation und Ihrer Ehre angestanden, Herrn Breschnew offen zu sagen, was wir von seiner Politik halten: KSZE-Theater, Wortbrüche, Täuschungsmanöver.

Solothurn (Schweiz) JOSEF P. SPECKER Chefredaktor »Herz im Angriff« Offizielles Organ der Päpstlichen Missionswerke der Schweiz

Es wäre verhängnisvoll, weiterhin der sowjetischen Führung Unlauterkeit zu unterstellen. Woher sollen wir eigentlich die Gewißheit nehmen, daß die Reagan-Administration human denkt und handelt?

München EDUARD JUNGHÄNEL

Kreml-Chef Breschnew empfängt die SPIEGEL-Redakteure Augstein, Engel und Wild. Das erweckt freudige Neugierde und tut dem Image und Abdruckrecht Ihres Magazins sicher gut.

Und dann liest man Seite um Seite, was die Welt bewegt, hält Breschnew beinahe für den besten Weihnachtsmann der Welt, widerkäut alles von »Pershing« bis SS-20 und darf sogar eine Antwort auf die polnische Frage erfahren. Nur S.9 die wichtigsten Fragen nach der deutschen Wiedervereinigung und unserem Friedensvertrag werden nicht einmal angetippt!

Grünwald (Bayern) ANDREAS YORK

Unter der Annahme, daß Breschnews Worte im SPIEGEL-Interview ehrlich sind, ist es Breschnew als erstem bedeutenden Polit-Guru gelungen, das Stiefkind der Weltpolitik, den realen und nicht den politischen und damit tabuisierten Abbau von Konflikten offen als Ziel auszusprechen.

Irgendwann kommen wir alle um gegenseitiges Vertrauen nicht herum: Machen wir alle Schluß mit der demagogischen Bärenjagd!

Köln ROTGER WESENER

Der geplante Holocaust -- diesmal nicht an Juden und »Zigeunern« -vielmehr zuerst einmal am deutschen Volk, hat größte Unruhe und Sorgen in unserem Volk erweckt.

Die Bundesrepublik umfaßt 2,64 Prozent des Territoriums der USA -dicht bevölkert zudem. Warum müssen wir 5000 oder mehr Atombomben auf unserem Staatsgebiet dulden (den Finger am Abzug hat man überm Ozean).

Das könnten sie mit keinem Kolonialvolk machen!

Füssen (Bayern) WALTER RUPPERT

Die Darlegungen von Breschnew im SPIEGEL über eine mögliche atomare Konfrontation zwischen Ost und West und deren unausweichliche Konsequenz -- es gäbe keine Sieger -- scheinen mir klar. Auch sein Konzept für Vermeidung eines solchen Kollektiv-Suizids ist diskutabel.

Was für Töne hört man derweil von unserem Beschützer, von Amerika?

Brugg (Schweiz) MARTIN SCHMITZ

Die heutige Position der Reagan-Administration mit seinen Herren Haig, Eagleburger, dem Pentagon-Weinberger und den Rüstungs-Tycoonen geben der militärischen Entspannung überhaupt (im Moment) keine Chance. Diese Troika lebt in der Euphorie, die USA als Super-Weltmacht aufbauen zu können und in der Lage zu sein, den Kommunismus und damit die Sowjet-Union vernichten zu können. Und mit Hilfe Europas, der Nato selbst ungeschoren davonzukommen.

Hamburg KURT GRUN

Ich persönlich glaube Herrn Breschnews Ausführungen, wenn er sagt: »Mit aller Verantwortung kann ich erklären, daß die Sowjet-Union unter keinen Umständen Kernwaffen gegen Staaten einsetzen wird, die auf die Produktion und Anschaffung solcher Waffen verzichten und sie nicht auf ihrem Territorium stationiert haben ...«

Bliebe also nur noch die Bedrohung durch die östliche Panzerüberlegenheit, S.10 gegen die ja die Neutronenbombe ein Ausgleich sein soll. Ich muß gestehen, ein gefährlicher, lebensbedrohlicher Ausgleich!

Bad Kissingen (Bayern) ARTHUR STOCKBAUER

Schon einmal dachten deutsche Politiker folgendermaßen über »Nachrüstung": Was wir dagegen anstrebten, war, so stark zu sein,« » daß auch für die gewaltige Übermacht ... das Anbinden mit uns » » ein gewisses Wagnis bedeuten sollte. Hierin lag ... der » » taktische Wille zur Schlacht in einem Verteidigungskrieg. »

Das Zitat stammt von Alfred v. Tirpitz, seit 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Schöpfer der »Risikoflotte«. Die Folge solchen Denkens damals: Ein provozierter Feind (England), der 1. Weltkrieg mit etwa zehn Millionen Toten insgesamt. Die Parallelen zur »Nachrüstung« heute sind unübersehbar! Fragen:

Wie groß ist die Vergeßlichkeit der Völker?

Wie groß ist das geschichtliche Wissen unserer »verantwortlichen« (?) Politiker?

Welche Folgen kann die Politik der Nachdenker des Herrn Tirpitz heute wohl haben?

Lübeck WALTER ISERNHAGEN

S.10

Was wir dagegen anstrebten, war, so stark zu sein, daß auch für die

gewaltige Übermacht ... das Anbinden mit uns ein gewisses Wagnis

bedeuten sollte. Hierin lag ... der taktische Wille zur Schlacht in

einem Verteidigungskrieg.

*

S.7Inschrift: »We shall beat our swords into plawshares« (nach Jesaja3,4: »Es wird die Zeit kommen, wo sich die Schwerter in Pflugscharenwandeln"). Ein Pendant des Denkmals steht in der MoskauerTretjakow-Galerie. Der Bildhauer Jewgenij Wutschetitsch erhielt fürdie Arbeit 1958 den Großen Preis der Weltausstellung in Brüssel.*

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