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DDR Faß Agent!

Statt massenhafter Republikflucht eine Unterwelt von Schmugglern und Spionen -- so sehen schreibende DDR-Grenzer die Zeit, als die Demarkationslinie noch nicht perfekt gesichert war.
• aus DER SPIEGEL 27/1975
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Sie dienen beim »Kommando Grenze« der Nationalen Volksarmee (NVA) die Soldatenzeitschrift »Armee-Rundschau« nennt sie »die Genossen auf Friedenswacht« -- jene rund 54 000 Mann, die zwischen Dassow im Norden und Hirschberg im Süden der DDR die 1346 Kilometer lange draht- und minenbewehrte Demarkationslinie zur Bundesrepublik kontrollieren.

Den Propagandisten gilt der Waffendienst an der »Staatsgrenze West« als ebenso hart wie ehrenvoll. Denn, so sieht es NVA-Oberstleutnant Erhard Dix: »Keine Stunde ist unsere Grenze mit Halbheiten zu schützen. Sie verlangt den ganzen Soldaten.«

Befehlshaber der Truppe ist Generalleutnant Erich Peter, einer von acht stellvertretenden DDR-Verteidigungsministern. Unter ihm befehligen vier Generalmajore die Regional-Kommandos »Nord« in Kalbe in der Altmark. »Mitte« in Ost-Berlin, »Süd« in Erfurt und »Küste« in Rostock. Hinzu kommen -- an der Grenze zu Polen und der (SSR -- zwei selbständige Einheiten mit Standort in Frankfurt/Oder und in Pirna sowie zwei Hubschrauber-Staffeln und zwei im Thüringischen stationierte Ausbildungsregimenter.

Unterstützt wird die Peter-Truppe durch Tausende sogenannter »Grenzhelfer« -- in der Regel SED-Genossen oder Reservisten, die im Grenzgebiet wohnen und ebenfalls, so die Magdeburger »Volksstimme"« »Anschläge auf unsere Staatsgrenze vereiteln« sollen. Besonders Wachsame aus der »Laienspielschar« (Grenzer-Jargon) werden. wie jüngst ein Revierförster aus dem Bördegebiet, mit der Medaille »für vorbildlichen Grenzdienst« dekoriert.

Mit dem massiven Einsatz von Berufs- und Hobby-Spähern und dem zielstrebigen Ausbau der Sperranlagen zur »modernen Grenze« ist die SED in den letzten Jahren ihrem Ziel einer lückenlosen DDR-Abschottung ein gutes Stück nähergekommen. Nach Berechnungen des Bonner Innenministeriums glückt allenfalls noch jede elfte Flucht von Ost nach West: 969 sogenannte Sperrbrecher wurden im vergangenen Jahr registriert, 46 Prozent weniger als noch 1973. Und nur jeder vierte von ihnen wählte den riskanten Weg durch die Minenfelder.

Ruhe an der Westfront -- das gibt den NVA-Wächtern Gelegenheit. an ihren Helden aus der Zeit der noch halboffenen Grenze zu polieren. Unbestritten der Größte ist Oberfeldwebel Sepp Hausladen, der »erst mit 60 die Maschinenpistole aus der Hand legte«, wie DDR-Autor Karl-Heinz Rappel die Pensionierung Hausladens vor zwölf Jahren umschreibt. 950 »Grenzverletzer« hatte der aus Bayern stammende Müllerbursche bis dahin gestellt. Dafür bekam er einen Vaterländischen Verdienstorden.

Oberstleutnant Dix, Mitglied der »Zentralen Arbeitsgemeinschaft schreibender Grenzsoldaten"« hat inzwischen einen »Postengang mit Sepp« und dessen »fast legendärer Schäferhündin »Assi«, auch literarisch verarbeitet. Hausladen muß einen märchenhaft guten Tag gehabt haben: »Himmeldonnerwetter, acht auf einen Streich«, zählte Dix -- achtmal: »Assi faß! Faß Agent!«

Die für den ostdeutschen Staat einst existenzbedrohende massenhafte Republikflucht verschleiert Dix freilich ebenso sorgfältig wie seine schreibenden NVA-Kollegen, deren Werke der DDR-Militärverlag jetzt in der Anthologie »Nur ein paar Stunden« herausgebracht hat. Fast durchweg handeln die Grenzer von finsteren Schmugglertypen, die mit wertvollen Kameras im Rucksack gen Westen streben, oder von Grenzverletzern aus umgekehrter Richtung: »Spur, Genosse Oberleutnant«, läßt einer der Autoren melden. »Spur BRD-DDR«.

Da ist der »Provokateur« Götz, 26. mit der »kleinen schwarzen Beretta« und dem »haßerfüllten Gesicht«, den »sie drüben als Helden feiern würden«. Dazu kommt es nicht, denn der bei der US-Armee ausgebildete »Ostspezialist« wird hart hinter der »D-Linie« festgenommen. Derweil »wimmelt es drüben von Uniformen. Zwei Ami-Kübel sind bis zur Sperre gefahren. Gegenseitig reißt man sich die Gläser von den Augen.

Da ist der amerikanische Hubschrauber, der Agenten mit Pistolen und Funkgeräten an Bord hat. Aber da sind auch Soldat Hentschel und sein Postenführer Edmund Aue, die es den »eigenartigen Vögeln« besorgen. Aue, inzwischen Oberstleutnant und Grenz-Chronist, erbeutete damals, 1954, den Helikopter und konfrontierte die Besatzung dem Beweismaterial: »Na, meine Herren, wie steht es jetzt mit Ihrer Behauptung, daß Sie sich nur verflogen haben?«

Und da ist schließlich der immerfort West-Zigaretten rauchende und von West-Autos schwärmende Schulfreund, der den Grenzer Gebhard für eine »Schleusung« in dessen Abschnitt kaufen möchte. »Dreitausend Piepen« bietet der »Lump«. Der Feldwebel beschließt die Rettung des Ex-Freundes »vor einem Schritt, den er sicher bald bereuen würde«, und übergibt ihn »dem diensthabenden Genossen der Staatssicherheit«.

Die DDR-Grenzer« das soll beinahe jeder Bericht deutlich machen, kennen halt den Westen, vor dessen Verlockungen sie ihre Leute bewahren. Und sie kennen die Kollegen von drüben. Textprobe: »Anscheinend soffen sich die Söldner wieder einmal Mut an. Einer von ihnen kontrollierte torkelnd sein Schnellfeuergewehr. dabei fiel ihm eine Patrone zur Erde. Ein anderer verkroch sieh ins Kornfeld« -- wilder Westen.

Soldat Schwab, wehrpflichtig, 20 Jahre alt, liefert den roten Kontrast: »Ich kann mir nicht vorstellen«, sinniert er auf Winter-Posten, »daß die Offiziere drüben heißen Tee an die Grenze bringen und gar den Beutel mit den Pullen selbst schleppen.«

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