Fasten und betteln - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 129

GESUNDHEIT Fasten und betteln

Ein Ingolstädter Chirurg scheiterte mit seiner Privatklinik am Widerstand der Gesundheitsbürokraten. Nicht einmal Ex-Minister Horst Seehofer konnte ihm helfen.
• aus DER SPIEGEL 16/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

László Ressler, 40, gilt als Spezialist für heikle Fälle. Auf dem Operationstisch vertrauten hunderte Patienten dem Herzchirurgen ihr Leben an; Kollegen rühmten den Ungarn für seinen an Besessenheit grenzenden Hang zur Präzision. »Als Arzt«, lobte auch der einstige Gesundheitsminister Horst Seehofer, »ist Doktor Ressler hervorragend.«

Als Unternehmer indes hat der Doktor ein weniger glückliches Händchen. Frustriert vom Massenbetrieb und einem Chefarzt, dem zeitweilig jeder siebte Patient wegstarb, hatte er 1998 die Herzchirurgie Nürnberg verlassen, um sich mit einer Privatklinik selbständig zu machen. Mit einem 21-Betten-Betrieb in Ingolstadt wollte er beweisen, dass ein kleines Haus die Patienten besser versorgt und zudem wirtschaftlicher arbeitet. Pro Fall versprach er den Krankenkassen einen Preisnachlass von bis zu 20 Prozent.

Das Vorhaben imponierte auch dem Ingolstädter CSU-Gesundheitsexperten Horst Seehofer. Ihm gefiel der Gedanke, dass sein Wahlkreis eine Herzchirurgie bekommen sollte, ohne eine Mark aus Steuergeldern aufzubringen. Als »richtungweisend« lobte er Resslers Plan, einen Bypass um die verkrusteten staatlichen Krankenhäuser in Regensburg, München, Nürnberg und Augsburg zu legen. »Herr Doktor«, lobte der ehemalige Gesundheitsminister, »wir sorgen für Wettbewerb im System.«

Im vorigen Juni nahm die Klinik ihre Arbeit auf - aber weder Ressler noch dessen Mentor Seehofer hatten mit der Gesundheitsbürokratie gerechnet. »Die Nachfrage für herzchirurgische Operationen ist in jeder Hinsicht gedeckt«, teilten die Chefs konkurrierender Staatskliniken der Landessozialministerin Barbara Stamm (CSU) mit. Folgsam weigerte sich diese, das Ingolstädter Herzzentrum in den bayerischen Krankenhausplan aufzunehmen. »Bei elf bestehenden Einrichtungen«, beschied Seehofers Parteifreundin bündig, »gibt es für eine weitere keinen Bedarf.«

Damit stand das Reformprojekt vor dem Exitus. Weil er ohne Genehmigung der Ministerin keine Kassenpatienten abrechnen darf, musste Ressler Anfang Dezember vergangenen Jahres den Betrieb einstellen. 25 Ärzte, Krankenschwestern und Verwaltungskräfte bekamen die Kündigung.

Ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, mit dem Ressler die Aufnahme in den Krankenhausplan erzwingen wollte, endete mit einer Niederlage in erster Instanz. Der Klinikchef hat mittlerweile Millionen Schulden, allein für Inventar musste er 1,8 Millionen Mark ausgeben, für das Gebäude monatlich eine Leasingrate von 70 000 Mark aufbringen. »Der Konkurs«, schwant ihm, »ist nur noch eine Frage der Zeit.«

Ressler fühlt sich verraten und verkauft. Auf einer Homepage im Internet und bei Protestveranstaltungen auf dem Ingolstädter Viktualienmarkt warf er vor allem dem einheimischen Oberbürgermeister Peter Schnell (CSU) vor, der versuche, seine Klinik absichtlich in die Pleite zu treiben. Anschließend wolle sich die Stadt aus der Konkursmasse bedienen und die Herzchirurgie dem städtischen Klinikum einverleiben - ein Vorwurf der Leichenfledderei, den der Oberbürgermeister brüsk zurückwies.

Ihren Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung Mitte März, als Ressler für zwei Wochen in den Hungerstreik trat. Bevor er zwangsernährt werden musste, brach der verzweifelte Medicus das Fasten allerdings wieder ab.

Peinlich ist der Klinikstreit vor allem für Seehofer. Noch im Dezember hatte er im CSU-Parteivorstand ein Papier durchgesetzt, in dem er »flexiblere Finanzierungsansätze im Krankenhausbereich« forderte. Immerhin hatte er schon als Gesundheitsminister den ineffizienten Staatskliniken die Hauptschuld an der Kostenexplosion im Gesundheitswesen zugewiesen.

Seehofer versuchte deshalb weiter, Bayerns Sozialministerin Stamm zu Gunsten der Resslerschen Privatklinik umzustimmen. »Die Pleite des Herzzentrums wäre eine Niederlage für die ganze Region«, mahnte der Gesundheitsexperte. Zudem stehe sein Ruf als lokale Polit-Größe auf dem Spiel, da er sich ja beim Klinikchef persönlich verbürgt habe.

Auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber bekam Post. Gleich dreimal wandte sich Seehofer an den »lieben Edmund« und bettelte darum, das Herzzentrum zumindest als Modellversuch für eine Probezeit von drei Jahren durchzusetzen.

Bislang ohne Erfolg. Obwohl sich neben einem Vorstand der örtlichen AOK auch der bayerische Landesverband der Betriebskrankenkassen für einen Modellversuch aussprach, blieben Seehofers Parteifreunde unbeugsam. Der Krankenhauszweckverband unter Ingolstadts Oberbürgermeister Schnell bot Ressler in der vergangenen Woche lediglich an, die brach liegende Krankenhausimmobilie für etwa sieben Millionen Mark zu übernehmen.

»Das ist eine tragische Entwicklung«, tröstete Seehofer den Klinikchef, nachdem Ressler noch einmal um einen Gütetermin gebeten hatte. »Doch in der Gesundheitspolitik«, so der Fachmann matt, »muss man eben Kompromisse machen.«

ALEXANDER NEUBACHER

Zur Ausgabe
Artikel 23 / 129

Mehr lesen über