DDR / HAVEMANN Faule Eier
Die Staatspartei riet zum Kampf gegen den Ketzer. In der roten Bauern- und Arbeiter-Republik wurden höchste Genossen aufgeboten, den lästigen Kritiker und Herausforderer zu verdammen.
»Er hat sich vor den Karren jener Kräfte spannen lassen, die gegen die DDR eine ununterbrochene großangelegte Hetzkampagne führen«, zürnte der Staatssekretär für das Hoch- und Fachschulwesen, Ernst-Joachim Gießmann. Hanna Wolf, Direktorin der Parteihochschule, klagte: »Warum müssen wir zulassen, daß er wie Sokrates unsere Jugend verdirbt?« Und ZK-Mitglied Horst Sindermann erregte sich: »Die Partei läßt sich keine faulen Eier ins Nest legen!«
Die Genossen schritten zur Tat und trieben den Ketzer In die Isolierung: Er verlor seine Professur an der Humboldt-Universität und zugleich sein Parteibuch, er wurde -- statutenwidrig -- aus der Deutschen Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen, er mußte seinen Posten in der Arbeitsstelle für Photochemie verlassen.
Dennoch beteuerte der heute 60jährige Chemiker und DDR-Nationalpreisträger Robert Havemann immer wieder seine Treue zur DDR und betonte, daß es ihm allein um eine von allem Dogmatismus befreite Weiterentwicklung des Sozialismus gehe. Havemann: »In der DDR bestehen längst alle Voraussetzungen für den Übergang zum demokratischen Sozialismus, ökonomisch allerdings nur. Dieser Übergang kann in der DDR nur durch die Partei und nicht gegen die Partei vollzogen werden.«
Undeutlich blieb dabei bisher, was Havemann zu seiner harten, wenn auch systemimmanenten Kritik an den DDR-Zuständen getrieben hat. Eine in den Westen gelangte autobiographische Schrift, mit deren Abdruck der SPIEGEL in diesem Heft beginnt, kann jetzt darüber Auskunft geben: Robert Havemann erzählt die Geschichte der Illusionen, Enttäuschungen und Hoffnungen eines überzeugten Sozialisten, der trotz aller Kritik am Stalinismus nicht aufgehört hat, in der DDR die Keimzelle einer künftigen sozialistischen Gesellschaft auf deutschem Boden zu sehen.
Der Bericht macht deutlich, daß Havemann der faszinierendste, vielleicht auch naivste, sicher aber nicht der einzige Vertreter einer innerkommunistischen Bewegung ist, die -- ohne jeden organisatorischen Zusammenhang -- für das künftige Zusammenleben der beiden deutschen Halbstaaten noch einmal bedeutungsvoll werden kann. Ihre Verfechter wollen in der DDR mehr Demokratie wagen, um den Sozialismus glaubwürdiger und freier zu machen.
Derartige Bemühungen reichen bis in die Zeit zurück, da der Tod Stalins im März 1953 in der DDR Kräfte der Reform freimachte. Zu Ihren Wegbereitern gehörten routinierte Parteifunktionäre, die von einem »deutschen Weg zum Sozialismus« träumten.
Altkommunisten wie der Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser und das ZK-Mitglied Rudolf Herrnstadt versuchten, den stalinistischen Oberpolitruk Ulbricht mit den Mitteln konventioneller Fraktionstaktik dort zu überwinden, wo er am stärksten schien -- im Politbüro. Sie rechneten sich eine gute Chance aus: Mächtige Freunde im Kreml, unter ihnen Geheimpolizei-Chef Berija, unterstützten sie.
Als Moskau Anfang Juni 1953 der DDR einen neuen Kurs wirtschaftlicher Lockerung verordnete, legten Zaisser und Herrnstadt ein Reformprogramm vor: Neuordnung von Wirtschaft und Staatsapparat, Abbau der Zwangsmaßnahmen, Umwandlung der SED zu einer »Partei des Volkes«, die auch »berechtigte Interessen anderer Klassen« berücksichtigt. Unausgesprochen lag darin die Forderung, der Herrschaft Ulbrichts über Staat und Partei ein Ende zu setzen.
Das Programm sollte am Vormittag des 16. Juni im Politbüro erörtert werden, als die Meldungen von den Protestdemonstrationen der Berliner Bauarbeiter einliefen. Der Aufstand des 17. Juni rettete Ulbricht. Er konnte die Niederschlagung des Aufruhrs und das nachfolgende Scherbengericht in der Partei dazu benutzen, die Reformer auszuschalten. Zaisser und Herrnstadt verloren nach dem Sturz Berijas ihre Posten.
Doch der Aufstand löste eine zweite Welle der Reformversuche aus. Die Intellektuellen der Republik hatte der 17. Juni zutiefst getroffen, die Marxisten unter ihnen standen vor der Frage, was die Werktätigen veranlaßt haben mochte, gegen einen Staat aufzubegehren, der doch ihr eigener sein sollte. Ein Vakuum tat sich vor Ihnen auf: Die Spontaneität der Massen, Ureigentum und Motor des Sozialismus, hatte sich gegen die Amtsträger eben jenes Sozialismus gewandt.
Viele Intellektuelle begannen, ihre Republik zu analysieren und in Frage zu stellen. »Was not tut«, rief Ernst Bloch, damals noch Philosophie-Professor in Leipzig, »ist eine Erneuerung der Partei an Haupt und Gliedern.« Immer mehr Theoretiker und Wissenschaftler bekannten sich zu einer gründlichen Reform des Ulbricht-Kommunismus. Bloch entwarf das Zukunftsbild eines humanistischen Sozialismus, die Wirtschaftswissenschaftler Fritz Behrens und Arne Benary wollten die VEB-Bürokratie durch Arbeiterselbstverwaltungen ablösen, der Pädagogik-Professor Werner Dorst forderte eine Liberalisierung der Studentenförderung.
Das konsequenteste Reformprogramm formulierte der Musterschüler Blochs, der Philosophie-Professor Wolfgang Harich. Er verlangte, der Apparat der SED müsse demokratisiert, die Basis der Regierung erweitert, die landwirtschaftliche Kollektivierung gestoppt, der Staatssicherheitsdienst abgeschafft und die Volkskammer zu einem echten Parlament verwandelt werden.
Ulbricht ließ den Herausforderer Harich gewähren, solange er seine Ideen nur auf dem Katheder und in seiner »Deutschen Zeitschrift für Philosophie« -- und dies auch nur verschleiert -- verfocht. Als Harich aber 1956 versuchte, in der Partei eine Debatte über sein Programm zu erzwingen, schlug der SED-Vorsteher zurück: Im März 1957 verurteilte der Oberste Gerichtshof der DDR Harich wegen »Bildung einer konspirativen, staatsfeindlichen Gruppe« zu zehnjähriger Zuchthausstrafe.
Das Harich-Urteil entmutigte die Reformer, der Reformkommunismus schien in der DDR keine Chance mehr zu haben, die intellektuellen Neuerer versanken in jahrelanges Schweigen.
Im Frühjahr 1963 aber erhielten sie unerwartete Schützenhilfe aus dem sozialistischen Ausland: Tschechoslowakische Intellektuelle, die sich um die Preßburger Zeitschrift »Kultúrny zivot« sammelten, formierten sich zum Angriff gegen die Dogmatiker und Altstalinisten ihrer Partei -- Beginn jener Eruption, die fünf Jahre später im Prager Frühling die kommunistische Szenerie radikal verändern sollte.
Die Thesen der CSSR-Ketzer griff in Ost-Berlin ein Mann auf, dem damals nur wenige eine kritische Distanz zum DDR-Establishment zugetraut hätten. Robert Havemann, Inhaber des Lehrstuhls für Physikalische Chemie an der Humboldt-Universität, forderte, auch in der DDR müsse eine sozialistische Ordnung entstehen, in der »jeder ganz nach seinem individuellen. Streben handeln kann, nicht beschnitten und eingeengt durch Anordnungen, Befehle und 'Grundsätze'.«
Unter dem tobenden Beifall seiner Studenten sagte er in seiner Vorlesung »Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme« im Wintersemester 1963/64 den Dogmatikern und Apparatschiks den Kampf an.
Wenn sich weiterhin die marxistischen Philosophen gegenüber den Naturwissenschaftlern, so Havemann, »als Richter der letzten Instanz« aufspielten, gebe es zwischen ihnen und der »päpstlichen Inquisition gegenüber Galilei« keinen Unterschied mehr. Der Professor rief in den Hörsaal: »Zu allen Zeiten haben reaktionäre Regime danach gestrebt, das Volk in Dummheit zu halten.«
Der Reformkommunismus in der DDR hatte wieder eine Stimme bekommen, und sie erschreckte die Staatspartei. Denn der Genosse Havemann hatte ihr bis dahin als linientreuer Kommunist gegolten, der freudig die sozialistischen Errungenschaften der DDR feierte und auf Gelehrten-Konferenzen im Westen das Ulbricht-Regime unverdrossen verteidigte.
Nichts in seiner Biographie verriet, daß er Zweifel am Kurs der Partei hegte: Sohn einer Münchner Lehrerfamilie, 1910 geboren, seit seinem 22. Lebensjahr mit der kommunistischen Bewegung verbunden, hatte sich der Chemiker Havemann unter dem Decknamen »Henrichs« im roten Widerstandskampf gegen das NS-Regime engagiert. Noch in der Todeszelle des Zuchthauses Brandenburg, im Dezember 1943 durch Freislers Volksgerichtshof verurteilt, diente er der Partei -- vor dem Gang zum Henker nur dank der Intervention einflußreicher Freunde im Heereswaffenamt bewahrt.
Ulbricht feierte ihn später wegen seines »aufopferungsvollen Kampfes« und zeichnete ihn mit dem Verdienstorden in Silber aus. Das galt nicht nur Havemanns Kampf gegen den Faschismus, es war auch die Anerkennung dafür, daß der renommierte Wissenschaftler stets kam, wenn ihn Partei und Republik riefen:
Havemann ermahnte die Kernphysiker der DDR, beim Aufbau eines eigenen Atomzentrums ihre »nationale Pflicht« zu erfüllen, und warnte zugleich deren westdeutsche Kollegen, »zu Mittätern eines furchtbaren Verbrechens zu werden«, er forderte »die Umwandlung dieses Nato-Stützpunktes
Den führenden Genossen entging dabei freilich, daß Havemann längst begonnen hatte, an der grauen Einspurigkeit der Funktionärsmentalität Anstoß zu nehmen. Der von Politruks und Partei-Ideologen verordnete Sozialismus stieß den sensiblen, nicht zuletzt künstlerisch empfindenden Intellektuellen ab.
Der Naturwissenschaftler Havemann aber begehrte immer mehr dagegen auf, daß die Philosophen des parteioffiziellen dialektischen Materialismus den Primat über alle anderen Wissenschaften beanspruchten, ohne die neuen Ergebnisse der Naturwissenschaften zu berücksichtigen. Er sah darin eine gefährliche Verkümmerung des Sozialismus: Er mußte lebensfremd werden, zum Ritual erstarren, wenn ein kleiner Kreis von Parteipäpsten die notwendige Diskussion über die Weiterentwicklung des Marxismus abschnürte und tabuierte.
Der XX. Parteitag der sowjetischen KP mit seinen Enthüllungen über den Stalinismus (Februar 1956) lieferte Havemann das historische Anschauungsmaterial, mit dem er seine These belegen konnte, ohne Freiheit und ohne kritische Diskussion trage auch eine sozialistische Gesellschaft den Todeskeim in sich.
Es gelte, so Havemann, Demokratie und Sozialismus In Einklang zu bringen. »Das historisch-tendenzielle Übergewicht der DDR« werde sich »in dem Maße immer erdrückender auswirken, wie sich in der DDR der Übergang zum wirklichen, das heißt: zum demokratischen Sozialismus vollziehen wird.«
Havemann hoffte, Ulbricht für seine Thesen zu gewinnen, zumal auch der SED-Chef in Reden wiederholt den Begriff »sozialistische Demokratie« verwendete. Seinem Freund, dem damaligen SED-Funktionär Heinz Brandt, vertraute er an, nur mit Ulbricht lasse sich die Liberalisierung vorantreiben, »ohne die DDR aufs Spiel zu setzen«.
Er mochte auch auf einflußreiche Sympathisierer setzen wie den Leiter von Ulbrichts Kanzlei, den Staatsratse-
* Mit (von links) Schriftsteller Stephan Hermlin und DDR-Kulturminister Johannes R. Becher in West-Berlin, 1955.
kretär Otto Gotsche, und den später durch Selbstmord geendeten Plankommissions-Chef Apel. Doch je mehr Havemann den Abbau stalinistischer Herrschaftsstrukturen in der DDR verlangte, desto härter reagierten die um ihre Monopolstellung fürchtenden Funktionäre.
Zug um Zug engte das Regime Havemanns öffentliche Tätigkeit ein:
* Im März 1964 wurde er seines Lehramtes an der Universität enthoben und aus der Partei ausgeschlossen.
* Im Herbst 1964 verbot ihm die Regierung eine Vortragsreise nach Westdeutschland.
* Im Dezember 1965 verlor er den Chefposten in der Arbeitsstelle für Photochemie in Ost-Berlin.
* Im April 1966 wurde er von der Mitgliederliste der Deutschen Akademie der Wissenschaften gestrichen.
Als Gegner und Ketzer von der Partei gebrandmarkt, mußte sich Robert Havemann in sein Sommerhäuschen in Grünheide zurückziehen. Dort lebt er von einer Rente als staatlich anerkannter »Kämpfer gegen den Faschismus«, streng überwacht vom Staatssicherheitsdienst, der ihn vor jedem westlichen Besucher abschirmt. Havemann begann, die Geschichte seines Lebens aufzuzeichnen. Nicht zuletzt wird diese Autobiographie und ihr Echo im Osten enthüllen, ob der Reformkommunismus in der DDR noch eine Chance hat.
Der Herausforderer glaubt und hofft es. Havemann: »Die Zukunft Deutschlands wird doch in der DDR und nicht in der BRD entschieden.«