Kommunikation Fax mit Knochen
Die Nachricht war offenbar dringlich. Jedenfalls kam sie per Fax. Schneller als ein Telegramm.
Handgezeichnete Sternchen zierten das Blatt. Und dann, schwarz auf weiß, die eilbedürftige Mitteilung von Cornelia aus Hamburg an ihren Bruder Klaus in München: »Ich bin jetzt auch per Fax erreichbar.«
Ein richtiger Brief »mit blauer Tinte auf rosarotem Papier« wäre für den Empfänger der banalen Botschaft natürlich »ganz was anderes« gewesen - wenn auch wohl nicht mehr zeitgemäß. Klaus Baumann, 34, weiß, wovon er spricht. Er ist Fax-Profi. Als Geschäftsführer der ViTel GmbH verschickt Baumann jährlich über eine Million Fax-Seiten, und es werden immer noch mehr. Um dem Ansturm Herr zu werden, mußte er die Kapazitäten in seinem Fax-Versandzentrum in Frankfurt in den letzten zwölf Monaten verachtfachen.
Banken, die ihre Kunden mit aktuellen Börsennachrichten versorgen, oder Touristik-Unternehmen, die den Reisebüros Last-Minute-Angebote mitteilen wollen, delegieren ihren Fax-Massenversand schon längst an Dienstleistungsunternehmen wie ViTel.
Anfangs hatten Mitarbeiter in Behörden oder Firmen in wahrer Faxomanie mit den neuen Geräten alles selbst erledigt. Doch nachdem klar wurde, daß schon ein etwas üppigerer Fax-Versand alle Telefonleitungen blockiert und das Personal bindet, legte sich die anfängliche Begeisterung.
Diesen Frust am Fax nutzen Unternehmen wie ViTel: »Was wir in zwei bis drei Stunden draußen haben«, sagt Firmenchef Baumann, »dauert bei den Einzelversendern im Durchschnitt etwa zweieinhalb Tage.«
Auf 240 festen Fax-Anschlüssen und Standleitungen nach London und Paris pustet ViTel die Mitteilungen der Auftraggeber unters Volk - manchmal zehn Seiten und mehr auf einmal, zuweilen an bis zu 25 000 verschiedene Adressaten in 120 Ländern. Baumann weltmännisch: »Iran geht ganz gut, Indien ist immer schwer, Afghanistan relativ unmöglich.«
Auf dem deutschen Fax-Markt beherrscht das weltweit operierende US-Tochterunternehmen noch nicht einmal ein Promille der elektronischen Flut. Zahlreiche Konkurrenten bewerben sich auf dem boomenden Markt, darunter auch die Telekom mit ihrem Ableger Telefax400.
Rund drei Milliarden DIN-A4-Seiten werden laut Telekom derzeit jährlich durch die deutschen Leitungen geschickt. Jeder der 1,3 Millionen Fax-Anschlüsse bekommt dabei gut 2300 Blatt ab - eine Dimension, die sich schon bald mit der traditionellen Briefpost, die jährlich gut 16 Milliarden Sendungen befördert, messen kann.
Schier unaufhaltsam breitet sich die Telekopie über das Land, letztes Jahr mit einem Zuwachs von 13 Prozent. Und jeden Monat kommen rund 15 000 neue Geräte hinzu - mehr als es vor zehn Jahren in ganz Deutschland gab.
Während vor 15 Jahren einige Monopolisten fast 30 000 Mark für ein Fax-Gerät verlangen konnten, unterbieten sich nun 54 Hersteller mit 323 Modellen auf dem deutschen Markt. Kombi-Geräte mit Telefon und Anrufbeantworter sind schon für weniger als 1000 Mark zu haben, das Versandhaus Quelle bietet ein Volks-Fax sogar schon für 449 Mark an: Das Volk der Dichter und Denker hat die Wonnen der entvokalisierten Telekommunikation rund um die Uhr entdeckt.
Sind Gerät und Papier erst einmal beschafft, ist das Faxen billiger als die gelbe Post. Bundesweit läßt sich eine DIN-A4-Seite für läppische 46 Pfennig übertragen, im Ortsnetz gehen für eine Telefoneinheit von 23 Pfennig sogar bis zu 17 Seiten durch die Leitung.
Die Zukunft aber, so glauben Experten, gehöre dem papierlosen Faxen - von Computer zu Computer, in dem alle Nachrichten digital gespeichert, verarbeitet und archiviert werden können.
Ganz neue Märkte sind mit der Technik entstanden. So bieten Unternehmen, Anlageberater oder Anzeigenblätter eigene Fax-Informationsdienste, die wie eine Zeitung abonniert werden können.
Einige Angebote, wie die Fax-Datenbank der Stuttgarter Fachzeitschrift Connect, lassen sich im sogenannten Polling-Verfahren beziehen: Der Kunde stellt sein Fax-Gerät auf Abruf, wählt eine Telefonnummer und teilt der Gegenseite durch Tonsignale über die Tastatur mit, welche Information er erhalten möchte. Ein Computer sorgt dafür, daß das gewünschte Fax sofort übermittelt wird.
Die Fernübertragung von Faksimiles (lateinisch: fac simile = mache ähnlich!) ist schon Jahrzehnte vor dem Telefon versucht worden, in der Urzeit des Industriezeitalters. Uneins sind die Gelehrten, wer der wahre Erfinder ist.
Die Telekom rühmt bei der Ausbildung ihres Nachwuchses den Engländer Frederic Collier Bakewell, der 1847 erste Übertragungsversuche mit »Copiertelegraphen« zwischen London und Slough anstellte. Das britische Fernsehen hingegen setzt auf den Schotten Alexander Bain, der sich 1843 ein elektromagnetisches Gerät patentieren ließ, dessen bewegliche Teile aus Rinderknochen gefertigt waren.
Erst 22 Jahre später wurde Bains Patent zwischen Paris und Lyon praktisch ausprobiert. Der sogenannte Pantelegraphe arbeitete ziemlich umständlich mit beschichtetem Eisenblech statt Papier und so langsam, daß er mit dem damals erfundenen Telegraphen von Samuel Morse nicht Schritt halten konnte.
Was dem Durchbruch nach 150 Jahren noch folgen wird, ist ungewiß. In Hamburg, Berlin und Köln laufen schon Pilotprojekte mit Breitbandleitungen. Digitale Datenautobahnen sollen die Zentren miteinander verknüpfen.
In Quedlinburg und Gera zum Beispiel werden derzeit Glasfaserleitungen bereits direkt bis in die Wohnhäuser verlegt. Auf einer einzigen Faser können dann über 30 000 Telefon- oder Fax-Verbindungen gleichzeitig laufen, binnen weniger Sekunden werden die Mitteilungen übertragen.
Inmitten der massenhaften Bürodepeschen und Privatfaxe schlängeln sich inzwischen auch Schabernackbotschaften und Scherzartikel aus den Maschinen. Gefürchtet sind etwa die Grußbotschaften der Herrenberger Eurotel GmbH, die schnellen Papierverbrauch beim Empfänger garantieren. Knüller der Firma, die laut Eigenwerbung Gruß-, Spaß- und Erotikmotive versendet: »1 Meter lange Riesenfaxe für jede Gelegenheit«. Y
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__75a Volksvergnügen Fax: Telefaxanschlüsse in Deutschland
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