FDP
(Nr. 11/1955, Bonn)
Dein Artikel »Koalitionskrise - Wir sind das Feigenblatt« ist in vieler Hinsicht außerordentlich treffend. Ein Satz jedoch, der wie ein Schlagwort klingt, ist m. E. falsch. Sie schreiben: »Das liberale Monopol ist hin«, und führen zur Begründung an: »Zwischen dem liberalisierten Sozialismus von heute und dem linksbürgerlichen Liberalismus ... bestehen kaum mehr tiefergehende Differenzen.« Ja, aber leider ist der liberale Flügel der SPD verschwindend klein. Der SPD kann man deshalb das Prädikat »liberal« in keiner Weise zubilligen. Die CDU besitzt zwar ein liberales Wirtschaftsprogramm - von der FDP entliehen - , im übrigen hat sie aber kaum liberale Tendenzen. DER SPIEGEL beweist es in jeder Nummer. Die einzigen wirklich aufrichtigen Liberalen scheinen mir immer noch nur die Freien Demokraten zu sein.
Berlin
H. KUBICKI
... Daß die FDP ihre Anhängerzahl nur langsam vergrößern konnte und kann, liegt nicht daran, daß sie überholt ist, sondern daran, daß der in Diktatur und Wohlfahrtsstaat aufgewachsene Mensch sich vor der unabweisbaren Verantwortung für die eigene Person scheut, die selbstverständliche Voraussetzung der persönlichen Freiheit
und damit des Liberalismus ist. Daß die FDP im Gegensatz zu anderen Parteien in der Bundesrepublik keinen großen Schwankungen unterworfen war, sondern stetig, wenn auch langsam, zunimmt, läßt hoffen, daß sich immer mehr Deutsche zu diesen Prinzipien bekennen.
Braunschweig
FRANZHEINRICH NEUMANN
Warum meinen Sie in Nr. 11/1955, Seite 14, daß die Rede des Abgeordneten Dr. Becker ungeschickt war? Nur etwa, weil er dem Gedächtnisschwund des Bundeskanzlers mit den bei ihm üblich gewordenen »kleinen« Unwahrheiten entgegengetreten ist?
Hamburg
HANS SCHNOOR
... wäre es eine faire Geste, wenn Sie einen Mann zu Worte kommen ließen, der doch wohl über allen Verdacht erhaben ist, nämlich Albert Schweitzer. Dieser Grandseigneur, den nicht Parteienzwist zu vorschnellem Urteil hinreißt, schrieb an Dr. Adenauer u. a.:
»... Ich habe mich mit Ihnen schon mehr beschäftigt, als Sie ahnen. Schon von der Zeit an, da Sie in Köln eine Straße nach der anderen aufgruben, um aus dem Ort eine wohleingerichtete moderne Stadt zu machen, verfolgte ich Ihr Wirken mit Interesse. Eine große Freude war es mir, als Ihnen die Geschicke des Deutschen Reiches anvertraut wurden. Mit so vielen anderen urteile ich, daß keiner sich für diese Aufgabe in so schwerer Zeit so gut in jeder Hinsicht eigne als gerade Sie. Möge Gott Ihnen Gesundheit und Kraft für das Amt noch lange bewahren ...«
München
KONRAD LÖW cand. jur.
Es ist wesentlich immer wieder dieselbe unerfreuliche Taktik: Läßt sich für irgendeinen einsamen, seltsamen außenpolitischen Entschluß trotz aller listigen Alibi-Versuche vom deutschen, europäischen, selbst lyrisch-karolingischen Standpunkt her beim besten Willen kein gutes Prädikat erreichen, dann heißt es eben begeisternd intelligent: »Wir haben den Krieg verloren«, und der, der der unorthodoxen und ungenehmigten Meinung zu sein sich unterfängt, man müsse nach zehn Jahren allmählich das volkliche Recht im Rahmen einer europäischen Ordnung (nicht Unordnung) beim Namen nennen dürfen, ist - Gott und dem freien Westen sei es öffentlich geklagt - ein unverbesserlicher Nationalist und schadet natürlich dem deutschen Ansehen ... Der eruptive Zorn des Herrn Dehler mag für manchen blasierten deutschen Parlamentarier untaktisch gewesen sein, auf jeden Fall war er erfrischend und wohltuend ehrlich
Köln
W. HANNAPPEL
Das Nein der Opposition ist leicht anrüchig und abgeschmackt, das Nein eines so aufrechten Demokraten und Kanzlerknappen wie Thomas Dehler sollte doch zu einigem Nachdenken Anlaß geben.
Hamburg
HANS-HEINRICH ANDERSON
... Es gibt im heutigen Deutschland leider nur wenige Faktoren, die willens und imstande sind, gegen die gouvernementale Hybris, die hierzulande immer noch fruchtbaren Boden und günstiges Klima findet, eine wirksame Schädlingsbekämpfung durchzuführen. (Zu ihnen gehört z. B. der SPIEGEL, dem man schon den Rang einer demokratischen Institution zuerkennen muß.) Wenn die ganze FDP sich im Sinne wohlverstandener liberaler Tradition dem Standpunkt verpflichtet fühlt, den ihr Partei- und Fraktions-Chef in Sachen Becker so überzeugend verfochten hat, werden viele Deutsche, die ein autoritäres Regime im Prinzip und nicht nur in extrem praktizierten Erscheinungsformen ablehnen, mit ihr sehr einverstanden sein.
Hamburg
HEINZ TODTMANN