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GENF Feierlich und düster

In zahlreichen geheimen Gesprächen zwischen den Raketen-Unterhändlern in Genf, Nitze und Kwizinski, wurde deutlich: Moskau hatte nur ein Ziel - keine »Pershing 2« und Cruise Missiles in Europa. *
• aus DER SPIEGEL 48/1983
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Paul Henry Nitze war besonders gut vorbereitet, als sein sowjetischer Gesprächspartner am Mittwoch vergangener Woche die Verhandlungsräume der amerikanischen Abrüstungsbehörde in Genf betrat. In einem Aktendeckel lagen vier alternative Stellungnahmen: Die US-Delegation hatte sich nach dem »Ja« des Bonner Bundestages zur Nato-Nachrüstung am Tag zuvor gleich auf mehrere denkbare Sowjetreaktionen vorbereitet.

Julij Kwizinski hatte seine kurze Stellungnahme noch nicht beendet, da wußten die Amerikaner schon, daß ihre Antwort »drei« gefragt war - Nitzes knappe Erwiderung auf den Auszug der Russen aus den Genfer Gesprächen.

Kwizinski, am 18 Meter langen Konferenztisch wie sein Gegenüber im erhöhten Chefsessel sitzend, las wenige Sätze von einem Zettel ab: Die laufende Verhandlungsrunde werde unterbrochen, einen Termin für die Wiederaufnahme der Gespräche könne er nicht nennen. Die Zustimmung der Nato-Parlamente zur »Pershing«-Stationierung und das Aufstellen von Waffen »mit kurzer Flugzeit bis in die Sowjet-Union« machten es den Sowjets unmöglich, die Gespräche fortzusetzen.

Unter diesen Umständen, so Kwizinski weiter, sei es wohl sinnlos, die beiden Delegationen wie sonst üblich in Arbeitsgruppen aufzuteilen.

Die Herren reichten sich die Hand, »feierlich und düster«, wie ein US-Teilnehmer hinterher die Stimmung beschrieb. Nur 25 Minuten nach ihrer Vorfahrt standen die Sowjets wieder an ihren Autos auf der Avenue de la Paix. Davor lagen, in einem letzten Verzweiflungsakt, Friedensdemonstranten: Die Genfer Polizisten zerrten sie beiseite.

Die Türen, so schien es jetzt, waren trotz des Sowjetabgangs nicht völlig zugeschlagen. Sprachdeuter machten sich über die Erklärung des Russen her: Hatte er nun »abbrechen«, »unterbrechen« oder »aussetzen« gesagt?

Die aufkeimende westliche Genugtuung über den relativ geräuschlosen Auszug des sowjetischen Unterhändlers bewirkte nur, daß Moskau es für angebracht hielt, am nächsten Tag deutlicher zu werden. Im Fernsehen ließ Andropow erklären, die Sowjet-Union werde sich künftig nicht mehr an Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen beteiligen, da solche Gespräche nur als Deckmantel für die Aktionen der USA und anderer Nato-Staaten dienten.

Genfer Diplomatie und Moskauer Machtworte standen wieder einmal in deutlichem Gegensatz.

Die Geschichte des »Parkspaziergangs«, am 13. November dieses Jahres Auftakt zum vorläufigen Verhandlungsfinale in Genf, verstärkt den Verdacht, daß die sowjetische Führung über der Mittelstreckenrüstung zerstritten ist. An _(Am vergangenen Mittwoch nach Abbruch der ) _(Gespräche. )

jenem kalten Herbstsonntag hatten zwei warmgekleidete Herren im Botanischen Garten an den Ufern des Genfer Sees eine Idee erörtert, deren strategisches Kernelement, »das Gleichgewicht des Opfers«, von einem der beiden, nämlich Kwizinski, schon mehr als ein Jahr zuvor angeregt worden war.

Bereits im Herbst 1982 hatte der Sowjetunterhändler dem Amerikaner bei einem nichtoffiziellen Treffen vorgeschlagen, beide Seiten sollten ihre Mittelstreckengefechtsköpfe gleichgewichtig reduzieren, um genau 572 Sprengköpfe, eben jene Sprengkopfzahl, die der Nato-Nachrüstungsbeschluß nennt.

Das »Gleichgewicht der Opfer« hätte also null Nachrüstungswaffen für die Nato bedeutet. Den Sowjets wären aber immer noch 681 Atomsprengköpfe auf Mittelstreckenraketen geblieben. _(Ende 1982 hatte Moskau 1253 ) _(Atomsprengköpfe auf 324 SS-20-Raketen ) _((je drei) und 281 SS-4 und SS-5 ) _(einsatzbereit. )

Nitze verfolgte damals, was Wunder, den sowjetischen Verhandlungsvorstoß nicht weiter.

Am Abend des 26. Oktober aber, ein Jahr später, schlug Kwizinski beim privaten Treffen mit Nitze die Wiederbelebung eines »gleichgewichtigen Abbaus« vor.

Wenn beide Seiten diesem Grundsatz zustimmten, könne Moskau durchaus seine SS-20-Raketen mit Zielen in Europa auf 120 Stück reduzieren. Am selben Tag hatte die »Prawda« den neuesten Vorstoß des Parteichefs Andropow veröffentlicht: Als Ausgleich für die britischen und französischen Waffen, so der seit Wochen öffentlich nicht mehr aufgetretene Parteichef in einem Interview, beanspruche die Sowjet-Union nur 140 gegen Europa gerichtete SS-20.

Was Nitze mehr interessierte als dieser innersowjetische Mißklang - 120 gegen 140 - war die Rechenart, die Kwizinski zur neuen Zahl geführt hatte: Zieht man vom gegenwärtigen Bestand an Mittelstreckensprengköpfen auf Waffensystemen in der europäischen Sowjet-Union 572 Gefechtsköpfe ab, bleiben rund 120 SS-20 übrig. Der alte Vorschlag lag also wieder auf dem Tisch.

Darauf verwiesen, betonte der Russe die Vorteile des »neuen« Deals: Mit seiner neuen Rechnungsart sei Moskaus Raketenpotential nicht länger mit dem der westeuropäischen Atommächte verknüpft: Damit wäre ein alter Stolperstein der Verhandlungen beiseite geräumt.

Beim nächsten Treffen der beiden Verhandlungsführer rund eine Woche später wiederholte Kwizinski, mit seinem Vorschlag sei die bislang geforderte Anrechnung der britischen und französischen Atomwaffen vom Tisch.

Doch kurz darauf zeigte sich bei einem dritten inoffiziellen Beisammensein, daß es nicht um eine neue Rechnungsart, sondern nur um die Zahl 572 ging. Befragt, ob er ganz allgemein »gleichgewichtigen

Raketenabbau« oder genau »den Abbau von 572 Sprengköpfen« meine, beschränkte sich Moskaus Unterhändler auf die zweite Variante. Null Nachrüstungswaffen für die Nato, so daraufhin Nitze, könne wohl kaum ein Vorschlag sein, mit dem sich Bewegung bei den Rüstungskontrollgesprächen erzielen ließe.

Damit schien die Idee gestorben, bis Kwizinski am 12. November seinen US-Kollegen Nitze dringend zu einem Gespräch bat. Es kam zu einem weiteren sonntäglichen Parkspaziergang. Und der Russe wurde noch konkreter: Er habe die »Privatgespräche« nach Moskau weitergemeldet und folgende neue Instruktionen seiner Regierung erhalten: *___Wenn die USA gleichgewichtigen Abbau vorschlagen ____würden, bei dem der Sowjet-Union etwa 120 SS-20-Raketen ____verblieben, würde Moskau zustimmen. *___Nach Meinung seiner Regierung könnte über alle anderen ____strittigen Details Einigkeit erzielt werden. *___Es bleibe bei früher vorgetragenen Angeboten, die ____SS-20-Stationierung im Fernen Osten einzufrieren und - ____unabhängig von den Raketenzahlen - Obergrenzen für ____nuklearfähige Flugzeuge festzusetzen. *___Moskau behalte sich das Recht vor, einen Ausgleich für ____die britischen und französischen Waffen »in einem ____anderen Zusammenhang« (etwa bei den Verhandlungen über ____den Abbau strategischer Raketen) zu fordern.

Nitze sagte die Weiterleitung dieses formellen Vorschlags zu, meinte aber, die einfache Übernahme des Sowjetvorschlags habe kaum Chancen. Ob denn die eigentliche Idee der Sowjets nicht sei, die Unterhändler zum Schnüren eines gemeinsamen Verhandlungspakets zu ermuntern? Dem stimmte Kwizinski augenscheinlich zu.

Kurz darauf stellte Nitze dem Sowjet die US-Antwort für den 20. November in Aussicht. Doch ehe es dazu kam, ließ ein sowjetischer Diplomat in Washington die Story vom Genfer Vorschlag durchsickern - mit einer wesentlichen Variation: Nun hieß es, Nitze, nicht etwa der Russe, habe den Vorstoß unternommen. Das behauptete auch eine Note Moskaus, die noch am selben Abend in Bonn und anderen westlichen Hauptstädten ausgehändigt worden war. Die Amerikaner, so der Vorwurf Moskaus, lehnten nun ihren eigenen Vorschlag ab.

Der Trick war zu plump aufgezogen, als daß er hätte funktionieren können.

Am nächsten Tag schon bestritt ein aufgebrachter Ustinow, Moskaus Verteidigungsminister, daß des Kremls Haltung in der Raketenfrage sich geändert habe (siehe Seite 133).

In Nato-Kreisen sieht man im Moskauer Hin und Her ein Führungsgerangel zwischen Militärs und Zivilisten. Die Zahl 120 könne dazu gedacht gewesen sein, die Militärs ruhigzustellen und zugleich die Hürde »Dritt-Staaten-Waffen« wegzuräumen, meinen Optimisten, die hier ein echtes neues Angebot sehen.

In Genf indes macht sich eher Pessimismus breit: »Vor der amerikanischen Präsidentenwahl Ende 1984«, so ein US-Experte, »sehen wir die Russen hier nicht wieder.«

Am vergangenen Mittwoch nach Abbruch der Gespräche.Ende 1982 hatte Moskau 1253 Atomsprengköpfe auf 324 SS-20-Raketen(je drei) und 281 SS-4 und SS-5 einsatzbereit.

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