Anwälte Fein raus
Mit Vorliebe spielt Michael Kleberg, Rechtsanwalt in Wiesbaden, vor dem Amtsgericht eine Doppelrolle -- Verteidiger in Verkehrssachen, in denen er Angeklagter ist. Denn das, da ist der 34jährige Advokat sicher, »geht für mich immer gut aus«, und »die gucken in die Röhre«.
Den Freispruch hat der Anwalt vor Augen, wenn Polizisten oder Politessen seinen Wagen wieder einmal ins Visier genommen haben. Und das häuft sich: Mal kurvte das dunkelblaue Mercedes-Kabriolett, Baujahr 1956, mit Tempo 70 durch die City oder flitzte bei Rot noch schnell über die Kreuzung. Ständig steht das Vehikel an verbotenen Stellen vorwiegend vor der Stammkneipe des Anwalts, seiner Kanzlei oder dem Gerichtsgebäude.
Doch was getarnte Radargeräte registrieren, versteckte Kameras knipsen und fleißige Politessen protokollieren, ficht den Juristen nicht an. »Es gibt da einen Trick«, verrät der findige Anwalt, »da ist man fein raus.«
Seine Finte: Den Anhörungsbogen' der ihm zunächst als Fahrzeughalter ins Haus kommt, läßt er »unbeachtet liegen«; gegen den folgenden Bußgeldbescheid legt er Einspruch ein, »grundsätzlich aber ohne Begründung«; und erst im Verhandlungstermin hat er plötzlich einen Zeugen parat, der »mit Sicherheit damals gefahren ist«
Die Masche zog bislang. Stets blieb Michael Kleeberg vor Gericht ungeschoren, und obendrein kassierte er noch Anwaltsgebühren vom Staat. Aber auch die Führung eines Fahrtenbuches, bevorzugtes Zuchtmittel in solchen Fällen, konnten die Behörden dem Anwalt nicht verordnen, da er, so ein Wiesbadener Verwaltungsbeamter, ja immer einen Fahrzeugführer genannt hat«.
Für den Rechtsanwalt standen Bekannte gerade, die »alle schon mal am Steuer meines Wagens saßen« (Kleeberg). Einmal kam der Freund mit »gleichermaßen stark ausgeprägter Haarpracht«, wie der Amtsanwalt verblüfft feststellte -- auf dem Radarphoto, von hinten in den offenen Wagen geschossen, wirkten beide wie Ebenbilder. Gleich zweimal sprang die Freundin ein, als das Kabriolett im Halteverbot vor der Kanzlei und vor einer Kneipe notiert worden war.
Die Freundschaftsdienste blieben ohne Risiko für die Helfer. Denn die Namen brachte der Anwalt »erst drei Monate nach dem jeweiligen Verkehrsverstoß aufs Tapet« -- mithin nach Ablauf der Verjährungsfrist. Kleeberg: »Somit sind alle aus dem Schneider.«
Autofahrer mogeln sich immer mal raus, wenn zwar das Kennzeichen ihres Wagens notiert wurde, sie selbst aber unerkannt blieben -- häufiger, seit Automobilklubs dazu sogar Tips mit auf die Fahrt geben.
Der Wiesbadener Anwalt aber mogelt mit. Methode. Die Justiz fühlt sich gefoppt. Ein Amtsanwalt, bei dem Kleeberg schon Dauerkunde ist, hält das Ganze für »nicht schön und ein bißchen anrüchig«. Und Amtsrichter Hans Christian Legde, der schon öfter über den Rechtsanwalt zu Gericht saß, kommt sich mittlerweile »lächerlich vor«. Aber: »Dagegen ist kein Kraut gewachsen.«