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USA / QUEMOY Feind sieht mit

• aus DER SPIEGEL 44/1960
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit sich Amerikas jugendliche Präsidentschafts-Streiter Richard Nixon und John Kennedy vor Millionen

wahlbereiter Fernseh-Zuschauer heiser

reden, können die Politstrategen und Generalstäbler Rotchinas die geheimsten Pläne der amerikanischen Diplomatie erfahren. Auf den bläulich flimmernden Fernseh-Schirmen hat sich für Peking bereits ein Staatsgeheimnis enthüllt, das zu hüten bisher das vordringlichste Anliegen der Vereinigten Staaten war.

Ungerührt plauderten die beiden Präsidentschafts-Kandidaten über eine Frage, die Rotchina seit Jahren vergebens zu beantworten bemüht ist - die Frage nämlich, welche Gegenmaßnahme Amerika ergreifen würde, falls rotchinesische Truppen die dem Festland vorgelagerten nationalchinesischen Inseln Matsu und Quemoy (siehe Karte) angriffen.

Die beiden Wahlkämpfer ließen den Gegner in Peking nicht länger im Zweifel:

- Während Vizepräsident Nixon im

Falle seines Wahlsiegs »jeden Zentimeter freiheitlichen Bodens verteidigen will, also auch Quemoy und Matsu,

- wäre Kennedy als Präsident bereit, auf den Besitz der beiden Inseln zu verzichten, da sie »militärisch nicht zu verteidigen« seien.

»Jetzt weiß also der internationale Kommunismus«, tobte der Kolumnist der »New York Times«, Arthur Krock, »ziemlich genau, welchen Kurs die Außen- und Militärpolitik der nächsten amerikanischen Regierung steuern wird. Damit hat man dem Feind einen Dienst erwiesen, den Winston Churchill stets für den Gipfel nationaler Verrücktheit hielt.«

Tatsächlich drohen Nixons und Kennedys Spektakelreden nicht nur den nächsten US-Präsidenten in der Matsu-Quemoy-Frage auf einen starren Kurs festzulegen, sie haben auch bereits jenes von John Foster Dulles erfundene

»guessing garne« (Ratespiel) durchkreuzt, das wesentlich dazu beigetragen hat, die Formosa-Krise bislang nicht über den traditionellen Austausch von Kanonenschüssen hinausgedeihen zu lassen.

Das Schicksal der beiden Inseln steht zur Debatte, seit Außenminister Dulles im Dezember 1954 mit dem Formosa-Regime des Marschalls Tschiang Kaischek ein Militärbündnis abschloß, in dem sich Amerika zwar zur Verteidigung Formosas verpflichtete, die Inseln Matsu und Quemoy jedoch absichtlich aus dem Vertrag ausklammerte.

Daß Dulles den beiden Inseln jeden automatischen US-Schutz versagte, hatte zweierlei Gründe:

- Einerseits wollte er den invasionslüsternen Tschiang davon abhalten, die unmittelbar vor den Toren Chinas gelegenen Inseln als Sprungbrett zu einer Landung auf dem Festland zu benutzen,

- andererseits gedachte Dulles, Matsu und Quemoy als Faustpfänder für kommende Verhandlungen mit Rotchina über die Regelung der Formosa-Frage aufzusparen.

Die roten Mandarine durchschauten jedoch das Spiel der Amerikaner und stellten Dulles eine gefährliche Falle: Das Formosa-Bündnis war noch nicht unterzeichnet, da überschütteten die rotchinesischen Festlands-Batterien alle Inseln Tschiangs, die nicht durch den Text des Bündnisvertrags geschützt wurden, mit einem Granatenhagel. Wochenlang stülpte Peking seine Feuerglocke über Matsu und Quemoy ebenso

wie über die Tachen-, Nanchi- und Yikianginseln.

Dulles überredete daraufhin seinen formosanischen Bundesgenossen, auf die kleineren Inseln mit Ausnahme Matsus und Quemoys zu verzichten. Gleichzeitig aber erwirkte er vom amerikanischen Kongreß eine Sondergenehmigung für seinen Präsidenten, durch die Rotchina alle Lust genommen wurde, einen ernstlichen Angriff auf Matsu und Quemoy zu unternehmen.

Die sogenannte Formosa-Resolution des Kongresses vom Januar 1955 ermächtigte Präsident Eisenhower, im Fall einer Krise amerikanische Truppen »so einzusetzen, wie er es für notwendig hält, um die Sicherheit und den Schutz Formosas zu garantieren«. Mit anderen Worten: Der Präsident konnte von sich aus entscheiden, ob ein rotchinesischer Angriff auf Matsu und Quemoy nur als Einzelaktion oder als Teil einer größeren Invasion Formosas aufzufassen war.

Dulles hatte damit der amerikanischen Regierung volle Entscheidungsfreiheit im Raum von Formosa gesichert und zugleich Peking dem Risiko konfrontiert, daß ein Angriff auf Matsu und Quemoy möglicherweise einen amerikanischen Gegenschlag auslösen würde. Das »guessing game« des John Foster Dulles, von Chruschtschow diskret unterstützt, ließ die rotchinesischen Führer nicht mehr aus dem Bann.

Dulles demonstrierte

auch später den Rotchinesen, daß die beiden umstrittenen Inseln Bestandteile einer politischen Verständigung zwischen Washington und Peking werden könnten.

Als die Rotchinesen, von den jahrelangen Genfer Verhandlungen mit Amerika enttäuscht, im August 1958 wieder einmal das Feuer ihrer Geschütze auf Matsu und Quemoy richteten, ließ Dulles in einer denkwürdigen Pressekonferenz durchblicken, daß Amerika auf die Verteidigung der beiden Inseln keinen Wert

mehr legen werde,

falls Rotchina Bereitschaft zum Gewaltverzicht zeige.

Dulles versuchte sogar, Tschiang zur Auflösung seiner Garnisonen auf Matsu und Quemoy zu bewegen. Der Formosa-Marschall mußte plötzlich aus dem Munde des damaligen Staatssekretärs Herter vernehmen, Tschiangs »Vorliebe« für die beiden Inseln sei »beinahe pathologisch«, während von Eisenhower zu hören war, »für sich genommen« seien

die Inseln doch »nicht sehr lebenswichtig«.

Je mehr die US-Diplomatie ihren Druck auf Tschiang verstärkte, desto geheimnisvoller wurden freilich die Auskünfte amerikanischer Regierungssprecher über das Schicksal der beiden Inseln. Auch nach dem Tode des Außenministers spielten Eisenhower und Herter dessen »guessing game« gegenüber Rotchina weiter.

Das diplomatische Spiel um Matsu und Quemoy wurde jedoch jäh unterbrochen, als es dem Korrespondenten der Rundfunk- und Fernsehgesellschaft »National Broadcasting Company«, Chet Huritley, gefiel, das delikate Thema in den Rummel des amerikanischen Wahlkampfes zu ziehen.

Fragte Huntley am 1. Oktober den demokratischen Präsidentschafts-Kandidaten Kennedy: »Stimmen Sie der gegenwärtigen Politik zu, durch die wir uns verpflichtet haben, Quemoy und Matsu zu verteidigen?«

Obwohl Kennedy wissen mußte, daß die US-Regierung sich niemals derartig verpflichtet hatte, witterte er sofort eine zugkräftige Wahlkampfparole. Gab Kennedy zurück: »Wenn ich zum Präsidenten gewählt werde, dann möchte ich dafür sorgen, daß die beiden Inseln aus dem Verteidigungssystem Formosas ausgeklammert, werden. Sie sind nicht zu verteidigen.«

Nur allzu bereitwillig konterte Rivale Nixon: »Unausgegorene Gedanken! Die Vereinigten Staaten dürfen nicht einen Zentimeter jenes Territoriums aufgeben, das zum Gebiet der freien Welt gehört. Solange Senator Kennedy vorschlägt, diese Inseln aufzugeben, ermutigt er nur die Aggressoren. Das ist der Weg zu Krieg und Kapitulation.«

Interviewer Huntley hatte damit den amerikanischen Wahlkampf um ein Thema bereichert, das den beiden Rivalen um die Präsidentschaft endlich erlaubte derbere Töne anzuschlagen. »Nixon ist nur schießwütig«, bellte Kennedy, und zurück scholl es: »Kennedy ist ein Appeaser. Wenn man die Inseln vor der chinesischen Küste nicht halten will, warum soll man Berlin verteidigen?«

Je heftiger indes die beiden TV-Streiter aneinandergerieten, desto unbehagter reagierte das US-Außenamt. »Die Experten in Washington sind wütend«, notierte die »New York Times«, und in der Tat: Schon protestierten Tschiangs Sprecher und ließen durchblicken, angesichts der Haltung Nixons sehe Formosa keinerlei Anlaß mehr, Matsu und Quemoy zu räumen.

Die offenkundige Verärgerung im

Außenamt bewog denn auch Präsident Eisenhower, Mitte Oktober in den TV-Disput zwischen Nixon und Kennedy einzugreifen. Er unterstützte zwar formell die (von Dulles abweichenden) Auffassungen seines Stellvertreters, ließ jedoch ebenso durchblicken, daß der innenpolitische Lärm um Matsu und Quemoy die traditionelle Formosa-Politik Washingtons nicht ändern werde.

Im State Department zweifelt man freilich daran, ob solch eine platonische Erklärung den Schaden wieder reparieren kann, der Amerikas Chinapolitik durch die Wahleskapaden Nixons und Kennedys entstanden ist. Stöhnte der

britische »Guardian": »Ein entmutigender Beweis dafür, daß eine offene Diskussion zwar für die seelische Verfassung gut sein, aber auch die besten Absichten der Außenpolitik zunichte machen kann.«

New York Herald Tribune

Quo vadis?

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