England Feind unterstützt
Britische Soldaten mit rußgeschwärzten Gesichtern erklären, warum sie auf Kinder schießen. Katholiken spucken auf diese Soldaten und rufen »Heil Hitler«.
In Irland wird erschossen, in den Wohnzimmern der Briten erscheinen die Blutlachen auf den Bildschirmen -- farbig, unzensiert. Zweimal im letzten Jahr auch zeigten die beiden TV-Programme der »British Broadcasting Corporation« (BBC) exklusive Interviews mit Führern der illegalen »Irischen Republikanischen Armee« (IRA), deren Heckenschützen auf britische Soldaten schießen.
Derart ungeschminkt aber sollten die Fernseh-Journalisten nach dem Wunsch patriotischer Politiker nicht berichten. »Es wäre anstößig«, meint etwa Englands Postminister Christopher Chataway, einst Weltrekordläufer. »Soldaten und Mörder zu betrachten wie Arbeitgeber und Gewerkschaftler -- als moralisch gleichberechtigt.«
»Auf den Weg zur öffentlichen Propagierung von Anarchie« sieht der rechtskonservative Unterhausabgeordnete Angus Maude die BBC bereits gedrängt, weil der Sender am letzten Mittwoch in einem knapp dreistündigen »Fernseh-Tribunal« auch Politiker wie die nordirische Abgeordnete Bernadotte Devlin mitwirken ließ, die offen für die IRA eintreten.
Abgeordneter Maude: »Was jetzt geschieht, kann nicht länger toleriert werden.« Armee-Staatssekretär Geoffrey Johnson Smith: Die Sender hätten auf die »Gefühle der Angehörigen Rücksicht zu nehmen, deren Söhne und Männer in Nordirland dienen«.
Der anachronistisch anmutende irische Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken hat mithin noch einen zusätzlichen Konflikt geboren: Staatsräson steht gegen Journalistenpflicht. Kein anderes Fernseh-Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg hat derart viele »Kommentare und Besorgnis« ausgelöst wie diese Attacke gegen die BBC, stellte Jay Blumler, Direktor des »Centre for Television Research« der Universität Leeds, fest.
Den neuen Konflikt hat Englands Armee mitverschuldet. Denn einerseits ist sie an möglichst ausführlicher Berichterstattung interessiert, um ihren eigenen Standpunkt darzulegen. So werden Journalisten selbst auf Patrouillengängen mitgenommen. Andererseits aber möchte sie den IRA-Standpunkt tunlichst nicht verbreitet sehen. weil sie Folgen für die Soldaten fürchtet.
Dabei schreckt die Briten offenbar eine Vietnam-Erfahrung amerikanischer Regierungen: Sie mußten erkennen, daß die Toten, die täglich in TV-Filmen zu sehen waren, Zweifel an den optimistischen Erklärungen der politischen Führung weckten.
Englands Presse- und Fernsehreporter aber, argumentierte die »Times«, müßten über die IRA berichten, wie sie über die Nazis in Deutschland berichtet haben. »Es ist ganz klar«, erklärte einer der BBC-Oberen, Lord Hill, »jene, die eine Zensur -der BBC gefordert haben, würden die gesamte Presse zensieren wollen, denn die Unterdrückung müßte total sein.« Ängstliche Redaktionsleitungen haben dennoch bereits Selbstkontrollen eingeführt. Die BBC. nach dem Urteil der »Financial Times« noch immer »eine der besten öffentlichen Rundfunkanstalten der Welt«, sendete eine mehrere Wochen lang vorliegende Dokumentation über die Mißhandlungen von internierten irischen Katholiken durch britische Soldaten erst, nachdem eine Regierungskommission ihren Untersuchungsbericht über die Gefangenen-Behandlung veröffentlicht hatte.
Lord Aylestone von der kommerziellen britischen TV-Anstalt TTA strich gar eine Dokumentation über die IRA-Aktivitäten in der Republik Irland gänzlich aus dem Programm: weil der Film »den Feind unterstützt und begünstigt«.