Feinde des Ismus - DER SPIEGEL
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Feinde des Ismus

• aus DER SPIEGEL 36/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tübingen« ist augenblicklich in den deutschen Partei-Hauptquartieren das Stichwort für außerplanmäßige Beratungen. Die Parteien Deutschlands sind in Gefahr, ihren Nachwuchs zu verlieren. Im idyllischen Tübingen saß in der zweiten Augusthälfte ein interner Kreis von Politikern zusammen, etwa 30 junge Deutsche aus allen vier Zonen. Berlin, in den verschiedenen Auffassungen über Demokratie praktisch geschult, war besonders gut vertreten.

Die Türen des Weinhauses Forelle waren schalldicht. Wer mit direkten Fragen kam, sah kalte Schultern.

Die Namen der Teilnehmer sollten geheim bleiben. Sie stammten aus allen demokratischen Parteien, von der Deutschen Partei bis zur SPD. Aber sie pilgerten nicht auf der parteiamtlichen Linie, sondern machten Seitensprünge mit recht ernsthafter Kritik am eigenen Parteigefüge.

Es begann in kleinen Diskussionskreisen in Berlin und München, Hamburg und Köln. Dort trafen sich politisch interessierte junge Menschen über Parteihürden hinweg. Bald zeigte es sich, daß zwischen ihnen mehr Gemeinsames als Trennendes war.

*) Opel hatte kurz nach Anbruch jener Tage die Rothschild-Villa erworben. In Berlin gab es den verheißungsvollen Versuch einer Aktionsgemeinschaft der Jungsozialisten, Jungliberalen und der Jungen Union. Sie waren sich einig, wenigstens im Anti gegen den roten Osten. Doch die Parteidoktrin legte den Elan der Jungen an die demokratische Kette.

Aus den Sprechmaschinen der Parteivorstände tönten weiter mehr Mißtöne als Zusammenklänge. Es gab Differenzen mit den jungen Parteibuchträgern. In der SPD steuerten diese ab vom Kurs der Marx-Treuen und noch etwas Marx-Sager, in der CDU wirkten sie sozialistischer.

Aus dieser politisch-biographischen Berliner Annäherung entstand über etliche Zwischenstufen der Tübinger Kreis. Es sollte ein aufklärendes Gespräch sein, was junge deutsche Politiker wollen. Es wurde mehr. Als man Tübingen verließ, steckte in den Aktentaschen der Plan zu einer Partei der jüngeren Generation, der »Deutschen Union«.

Um 9 Uhr morgens verzogen sich die unzugänglichen dreißig in das Innere der Forelle. Um 20 Uhr kamen sie wieder herunter. Am letzten Tag erst um 4 Uhr morgens.

Von Weltanschauung war nicht die Rede. Die jungen Politiker sind Feinde des Ismus. Praktische Politik wurde desto heißer besprochen, befeuert von gepflegten südwürttembergischen Stumpen und Zigarren.

»Die Deutschen müssen Katalysator sein zwischen Osten und Westen«, wünschte die französische Zone mit Brückenblick am Anfang. Heftiger Protest aus Berlin und Umgebung und intensive Einzelablehnung führten zu Korrekturen. Die Abwehr des Kommunismus und überhaupt aller diktatorischen Gelüste soll eine Hauptaufgabe der jungen Aktion sein.

»Sonst winkt das staatliche Arbeitslager und Sibirien mit Franzosen, Engländern, Schweizern und Holländern als gemeinsamen Stuben- und Sterbensgenossen«, prophezeite ein schmaler Mann mit grimmigem Gesicht und Balbo-Bart. Er besitze ausreichende Ostzonenerfahrung.

Der Nationalstaat wird abgelehnt. Deutschland soll Glied einer europäischen Föderation sein. So steht es in den Richtlinien für die künftige »Deutsche Union«. Das sei die letzte Chance für ein Ueberleben der Europäer.

Von den diversen Europabünden halten die Tübinger gar nichts.

Eifrig wurde der Weg zu denen gesucht, die in politischen Schmollwinkeln verrosten. Ehemalige HJler und Offiziere konnten mitreden. Man will nicht auf sie verzichten, wenn sie ein klares soziales Ziel sehen. Das ist die Ansicht der Tübinger.

In den Tübinger Gesprächen gab es weitgehende Einigung. In Anti gegenüber dem Parteiegoismus der auf der politischen Bühne Beifall heischenden Größen. Aber auch weitgehend im Pro, beim Erarbeiten von Grundsätzen. Sie kamen in großer Einmütigkeit zu Papier.

Zum deutschen Staatsaufbau etwa besagen sie: Gesunde Selbstverwaltung, Gliederung von unten nach oben, keine Zerstückelung und ebensowenig eine Zentralisierung des Ganzen. Länder und Bundesstaat dürfen nicht gegeneinander, sondern müssen ineinander leben. Im übrigen soll nichts geschehen, was einer Einordnung in ein gesamteuropäisches Gefüge im Wege stehen könnte.

Weitere Forderungen: Persönlichkeitsbildung, Leistungsansporn und für Privatinitiative breitesten Spielraum. Die Weltanschauung hat in der Politik nichts zu suchen. Personelle, nicht Listenwahl (debattenlos akzeptiert). Deutschland braucht Richter und keine Justizangestellten, Erzieher und keine nivellierenden Bildungsproletarier.

In der Wirtschafts- und Sozialpolitik tummelte sich der gesunde Menschenverstand. Monopole und Kartelle wurden als »Staat im Staate« abgelehnt. Ob man enteignet oder nicht, ob Genossenschaften oder nicht, seien keine prinzipiellen Fragen. Zweckmäßigkeit müsse entscheiden.

In vier Wochen sollen die Gespräche weitergehen. Im vergrößerten Kreis. Dann soll auch die Deutsche Union konstituiert werden. Sie sagt allen Parteien den Kampf an. Sie kann gefährlich werden. Abwanderung von links und rechts kann sie zur »dritten Kraft« in Deutschland zwischen SPD und CDU befördern.

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