Feinde des Volkes - DER SPIEGEL
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LIBYEN Feinde des Volkes

Die Opposition gegen Gaddafi wächst. Angeblich versuchten Attentäter, sein Hauptquartier zu stürmen. In der Armee gärt es. *
• aus DER SPIEGEL 20/1984
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Es war schon gegen Sonnenuntergang, als der lang Erwartete endlich erschien.

Im Reiterstadion, etwa zehn Kilometer außerhalb von Tripolis, beugten sich Offiziere zu Pferd akrobatisch vor und umarmten aus dem Sattel heraus einen hochgewachsenen Mann, der strahlenden Gesichts die Begrüßung erwiderte: Muammar el-Gaddafi in gewohnter Umgebung seiner Jubel-Libyer.

Gefeiert wurde sein »Sieg über die Feinde des Volkes«. Während junge Militärs in Sprechchören »Nieder mit dem Faschismus« schrien, bestieg Libyens Führer selbst ein Pferd, reckte die Faust empor und sprengte in halsbrecherischem Galopp davon.

Der Revolutionär mußte sich abreagieren; er war gerade einem Mordanschlag entkommen. Gegen sieben Uhr morgens hatte am vorigen Dienstag eine Gruppe von wenigstens 15 Männern, mit automatischen Gewehren und Granatwerfern, Gaddafis Hauptquartier in Tripolis, die am südlichen Stadtrand gelegene Bab-el-Asisija-Kaserne, angegriffen.

Dort, inmitten eines weitläufigen Komplexes militärischer Bauten, steht ein Beduinenzelt. Der Oberst pflegt in ihm bevorzugte Besucher zu empfangen und sich selbst dorthin zurückzuziehen, wenn ihn, den Beduinen, die Phobie vor Gebäuden aus Stein überfällt. Auf Mauern will er freilich nicht verzichten. Mannshoch ziehen sie sich um die Kaserne; die Tore werden von dunkelgrünen Panzern sowjetischer Herkunft gesichert.

Die Angreifer hätten es nie geschafft, auch nur bis zur Leibwache Gaddafis - ausnahmslos junge Mädchen - vorzudringen. Abgedrängt verschanzten sie sich angeblich später in einem Wohngebäude. Am Nachmittag lebte von ihnen niemand mehr.

Die Bevölkerung der Hauptstadt hatte etwa gegen 9.30 Uhr wahrgenommen, daß sich Ungewöhnliches ereignete. Donner von schwerer Artillerie und Mörsern war zu hören. Der Verkehr ließ spürbar nach. Vor den Läden ratterten die Metallgitter herunter. Tripolis schwieg und wartete ab: Kein Gedanke etwa, daß die Bevölkerung spontan ihrem Herrscher zu Hilfe geeilt wäre. Erst als feststand, daß die Attacke abgeschlagen war, normalisierte sich das Leben. Da wollte dann jeder der erste beim Jubeln und Glückwünschen sein.

Wer nicht in der Hauptstadt mit dabeisein konnte, dem zeigte Libyens Fernsehen die von Schüssen zerfetzten Leichen junger Männer, die auf dem Grünen

Platz in Tripolis, auf dem Gaddafi mit Vorliebe zu seinem Volk spricht, zur Schau gestellt wurden.

Für den Anschlag erklärte sich eine vom Sudan aus operierende Gruppe libyscher Exilanten verantwortlich, die sich »Nationale Front zur Rettung Libyens« nennt. »Unseren Leuten ist leider die Munition ausgegangen«, bekannte ein Sprecher der Anti-Gaddafi-Organisation schlicht, »und dann wurden sie getötet.«

Gaddafi selbst sieht die Angelegenheit anders. Noch am Tag des Anschlages erklärte er dem Nahostfachmann von »Le Monde«, Eric Rouleau, die getöteten Terroristen seien allesamt Mitglieder der orthodoxen Moslem-Bruderschaft gewesen. Tags darauf sah er seine Feinde dann überall: in den USA, in Großbritannien und im Sudan. Zuvor schon war in Gaddafis Umgebung der Verdacht geäußert worden, die Tunesier, vielleicht aber auch Palästinenser könnten ihre Hand mit im Spiel gehabt haben. Vage sprach der Oberst von »gewissen arabischen Ländern«.

Gaddafis Rätselraten erklärt zumindest zweierlei: einmal, daß sich der Revolutionsführer über die Zahl seiner Feinde keine Illusionen macht, zum anderen, daß er ihnen ähnliche Aktionen zutraut, wie seine Agenten sie im Ausland starten. Daß die Attentäter in der Tat libysche Landsleute waren, ist wahrscheinlich; denn Gaddafis Glanz als Wundermann der Nation verblaßt.

Der charismatische Beduinensohn hatte nach dem Sturz des altersschwachen Königs Idris 1969 in dem rückständigen Land Schulen, Krankenhäuser und Straßen bauen lassen. Er hatte aber auch funktionierende Wirtschaftszweige zerstört, etwa den Einzelhandel. Der Basar von Tripolis ist eine armselige Erinnerung an früheren Überfluß.

Die Versorgung der Bevölkerung übernehmen nun staatliche Supermärkte, deren Angestellte ihre Kunden lustlos bedienen, wenn sie überhaupt dazu in der Lage sind und nicht etwa vergessen haben, neue Ware zu bestellen. Schon kam es aus Schlamperei in dem Ölland zu Engpässen in der Versorgung.

Der Unmut darüber könnte Gaddafi bei weitem gefährlicher werden als seine exzentrischen Politikmanöver, gegen die seine Landsleute überwiegend nichts einzuwenden haben - zumindest nicht, solange der Führer die Geldmittel besitzt, um keimender Unzufriedenheit zu begegnen. Doch wegen der weltweiten Ölschwemme schrumpften Libyens Einnahmen von über 22 Milliarden Dollar (1981) auf knapp die Hälfte.

Hinweise häufen sich, daß seine Armee nicht mehr bedingungslos zu ihm steht. Im Januar war es in Gaddafis Hauptquartier schon einmal zu einer Schießerei gekommen. Am 25. März flog ein Munitionsdepot in Bengasi in die Luft. Es gab zahlreiche Tote. Panzer, Raketen und Flugzeuge wurden zerstört.

Gaddafi hatte seine hohen Offiziere, von denen er gewiß die größte Putschgefahr ausgehen sieht, in einem Frontalangriff mundtot gemacht. Seine Revolutionsgazette »Der Grüne Marsch« schimpfte: »Gottes Fluch über sie, die Offiziere. Sie tragen in den Städten ihre Auszeichnungen spazieren und beleidigen die Revolutionskomitees. Faschisten sind sie bis in die Knochen.« Mehr noch: »Diese Armee müssen wir loswerden, ohne noch eine Minute zu verlieren.«

Der »Grüne Marsch« zeigt seinen Lesern die »luxuriösen Autos« und die »Paläste des Schwelgens«, die angeblich Libyens Top-Offizieren gehören. »Brennt sie nieder«, fordern die Schlagzeilen. Das ganze Volk soll die Armee bilden - ein Volk, das der Demagoge Gaddafi bisher zu lenken wußte.

Noch haben »Libyens revolutionäre Massen«, wie das Volk offiziell genannt wird, nicht erkannt, welch großzügige Maßstäbe die Männer an seiner Spitze für sich gelten lassen. In dem Land, in dem der Besitz von Alkohol beim einfachen Bürger streng bestraft wird, stapeln sich in den Kühlschränken von Gaddafi-Verwandten Sekt- und Schnapsflaschen.

Muammar el-Gaddafi erregte den Zorn der islamischen Fundamentalisten, die vom Alkohol-Konsum im Gaddafi-Umkreis womöglich mehr ahnen, als sie zugeben. Was sie öffentlich anprangern, ist aber die private Koranauslegung des Landes-Obristen. Allah habe zu ihm im Traum geredet, erzählte der Wüstensohn. Damit erbitterte er vor allem die radikalen, strenggläubigen Moslem-Brüder, die empört darauf bestanden, daß Allah sich zuletzt dem Propheten Mohammed offenbart habe.

Libyens junge Heißsporne, Gaddafis hauptsächliche Anhängerschaft, ficht das nicht an. Verdrossenheit bei ihnen könnte sich eher wegen der zunehmenden Gewalttätigkeit des Regimes einstellen. Viele Studenten waren nicht einverstanden mit der Hinrichtung zweier wegen Verrats verurteilter Kommilitonen. In Tripolis hatten sich viele angeekelt abgewendet, als einer der Henker sich auf die Schulter eines Delinquenten setzte, um ihn so rascher zu Tode zu würgen.

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