Feldbusch statt Kant?
Nr. 52/2001, Titel: Der Glaube der Ungläubigen - Welche Werte hat der Westen?
Den Wert der menschlichen Individualität der dumpfen Masse der Fundamentalisten und Traditionalisten gegenüber zu stellen ist das Eine. Etwas anderes ist es, ob der Einzelne in der westlichen Kultur in der Lage ist, diesen seinen Individualismus durch Selbstkritik zu gestalten, wenn er nur von kritikloser Selbstdarstellung und ungehemmtem Konsum umgeben ist. Das ist etwas, worauf wir Westler achten müssen, wenn wir den Wert unserer Kultur weltweit rechtfertigen wollen, damit andere diesen Wert akzeptieren können.
ESLOHE (NRDRH.-WESTF.) ARNO ALBERS
Die Autoren scheinen allen Ernstes zu glauben, die Ideen der Aufklärung seien in der »westlichen Zivilisation« Realität geworden. Das Hohngelächter ist mir im Hals stecken geblieben. Diese Gesellschaft mit ihrer unersättlichen Raffgier, ihrer bodenlosen Ignoranz und ihrem oberflächlichen Narzissmus ist Verrat an der Aufklärung, und die Horizonte werden nicht von Voltaire, Kant, Goethe oder Marx (pardon) gesetzt, sondern von McDonald's, Pokémon, Franz Beckenbauer und Verona Feldbusch.
BONN GÜNTER NEUBERGER
Es ist schade, dass Sie in Ihrem Beitrag nicht die für das Abendland so charakteristische Fortschrittsideologie angesprochen haben, die ja eine Übernahme des christlichen Dogmas ist, welches sich die Zeit als linear auf einen Endpunkt zulaufend vorstellt. Während wir uns im besinnungslosen Wettlauf von Fortschritt zu Fortschritt befinden, finden wir doch gar keine Zeit, uns mit der metaphysischen Dimension der Realität zu befassen. Hatten denn die Wohltäter der Menschheit und Missionare des Fortschritts Recht, als sie behaupteten, der größere Teil der Menschheit müsse einen vermeintlichen Rückstand aufholen? Haben wir dabei vielleicht eine Gelegenheit verpasst, um etwas von anderen Kulturen zu lernen? Warum war denn im Orient die Zeit, die ja Geld sein soll, der Rohstoff, der am reichhaltigsten vorhanden war?
AACHEN JÜRGEN FIEDLER
Seit dem 11. September lässt sich in Deutschland eine spezielle Variante des sogenannten Stockholm-Syndroms beobachten. Die Symptome: Eine oftmals kollektive Identifikation mit den vorgeblichen Motiven der Attentäter, erwachsen womöglich aus einem mangelnden kulturellen Selbstbewusstsein. Ihre Titelgeschichte war eine längst fällige Therapie.
EUPEN (BELGIEN)
MARCEL SCHMETZ
Bin Laden hinterlässt seinen Fußabdruck leider nicht in der Wüste, sondern mitten in Manhattan. Prüfen Sie die zukünftigen Geschichtsbücher!
HITZACKER (NIEDERS.)
MICHAEL WIESEMANN
Welche Werte braucht der Westen? Ob Kritik, Widerspruch, Diskurs, das heißt der universelle Zweifel, ausreicht, die westliche Freiheit zu verteidigen, muss bezweifelt werden. Aber auch wenn die Philosophie seit der Aufklärung die Suche nach der Wahrheit als sinnlos abgehakt hat, könnte sie sich immerhin noch die geschichtlichen Fakten in Erinnerung rufen. Eine Erkenntnis könnte dann sein, dass wir uns, wollen wir nicht untergehen, dem geistigen und praktischen Nihilismus, egal in welcher Couleur er daherkommt, im Kampf stellen müssen.
MÜNCHEN DIETRICH SCHIRM
Alle Kriege sind irrational und können wohl nur evolutionstheoretisch beziehungsweise soziobiologisch erklärt werden; besonders gefährlich wird es aber, wenn Religion und Politik nicht getrennt werden. Anders als die Autoren Ihres brillanten Artikels bin ich der Ansicht, dass auch dem US-Präsidenten die Frage gut anstünde, was der Okzident gegenüber dem Orient falsch gemacht habe. Im Übrigen kann Hass nicht militärisch besiegt werden.
BRÜHL (NRDRH.-WESTF.) ALBRECHT GACH
Die Werte, um die sich die Menschen im Westen am meisten sorgen, sind die Börsen- und die Cholesterinwerte.
KIRCHHEIM (BAYERN) KLAUS SCHEFFLER
Ihr Beitrag war eine wertvolle Anregung für nachdenkliche Gespräche unter dem Christbaum. Er enthält viel geschichtliche und geistige Substanz. Aber das Entscheidende fehlt: Die Mensch gewordene Liebe Gottes in Jesus Christus, dem Menschensohn, dem Prototyp des Menschen, wie er sein sollte, ohne den es keine Menschenrechte, damit auch keine Aufklärung, keine Demokratie, keinen Eigenwert jedes Menschen gäbe. Freiheit, persönliche Entfaltung inmitten pluralistischer Wahlchancen ist gut, aber ohne Wahrheit, an die wir uns binden, nach der wir zumindest suchen, ohne Liebe, die wir existenzial erfahren und die wir real weitergeben, bleibt unser Leben sinnarm, wird Freiheit Willkür, werden Staaten zu Räuberbanden.
EISENBACH (BAD.-WÜRTT.) PROF. ULRICH BEER
Schon Nathan der Weise antwortet im gleichnamigen Drama von Lessing auf die Frage, ob Christentum, Judentum oder Islam die wahre Religion sei, mit der Parabel von den drei Ringen, die einander so sehr gleichen, dass sie in ihrem Wert nicht mehr zu unterscheiden sind: Darum kann man auch keiner der drei Religionen den Vorzug geben. Vor Gott sind sie alle gleich, und diejenige ist die beste, die am meisten mit den anderen in der von Vorurteilen freien Liebe wetteifert.
LA BAULE (FRANKREICH)
HANS BUCHHOLZ
Zur Frage, welchen Glauben die »christlichen« Nationen zu verteidigen hätten: Als Götter verehren wir die Stars der Medien aus Film, Politik und Sport und deren materiellen Reichtum. Unser Glauben besteht einzig in dem Glauben an unsere eigene Stärke, Unfehlbarkeit und äußere Schönheit. Werte wie Moral, Ethik oder soziales Gewissen haben wir aus freien Stücken ohnehin schon dem heiligen Kapitalismus geopfert. Willkommen in der wertlosen Welt der Konsumenten!
USINGEN (HESSEN) RALF HUJER
Ist es nicht überaus seltsam, dass manche Zeitgenossen erst geschockt sind und sich aufrappeln, die Werte zu verteidigen, »um die es nicht nur im Westen geht«, von denen aber die meisten Menschen außerhalb des »Westens« noch nie etwas gespürt haben, wenn unsere »Zivilisation« bedroht wird, unsere zügellose »Freiheit«, unser perverser Reichtum, unsere Überfluss-, Spaß- und Wegwerfgesellschaft?
BERGHEIM (NRDRH.-WESTF.) W. SCHMITT
Auf den Artikel passen Grillparzers Worte: Der Mensch versteht alles, nur das völlig Einfache nicht. Und es ist ganz einfach. Denn wer sich nach seiner Religion richtet, ob Christ, Muslim oder Jude, behandelt seine Mitmenschen, ob gleich- oder andersgläubig, mit Respekt und Toleranz. Auch hierfür gibt es für jede Religion geschichtliche Beispiele. Terror, gleich von wem, ist grundsätzlich unreligiös, oder würden Sie das Steinewerfen auf Kinder in Nordirland als repräsentativ für das Christentum ansehen? In völligem Einklang mit der islamischen Religion antworte ich auf diesen Artikel daher mit den Worten des katholischen Ordenspriesters Phil Bosmans: Ich glaube an die Liebe, auch wenn man an Feindschaft festhält und den Hass anstachelt.
KAISERSLAUTERN DR. HISCHAM BASSIOUNI