STARS Ferien von der Steuer
Allabendlich erstrahlt der Himmel über der Münchner Filmstadt Geiselgasteig in einem unzeitgemäß oktoberfestlichen Glanz. Mechanische Orgeln hämmern, gelegentlich vom Juchzen der vereinigten Besatzungs-Teenagers und einheimischer Jugend übertönt. Die Karussells rotieren wie große Brumm-Kreisel, die Ausschreier überbieten sich. Das Filmgelände wird zum Rummelplatz, auf gut amerikanisch zum »Carnival«.
So heißt auch der Zwei-Versionen-Film der Hollywooder King Brothers, der seit Wochen nicht nur über die benachbarte deutsch-amerikanische Vorortjugend, sondern auch über Hunderte von meist müßigen Komparsen das Füllhorn eines zwei Millionen-Dollar-Budgets ausschüttet. In der letzten Woche überraschten die Kings Geiselgasteig und die Filmwelt mit einer knappen Ankündigung: Sie werden acht weitere Filme in Europa drehen, mit Hauptquartier in Geiselgasteig.
Diese Nachricht war nur ein Symptom von vielen, die auf eine Verstärkung des Fort-von-Hollywood-Trends hinweisen. Zum erstenmal setzte »Time« in einer recht bissigen Analyse des Hollywooder Siechtums die Bezeichnung »Filmmetropole der Welt« in ironische Anführungszeichen.
Wie schwarz die Situation in Hollywood ist, geht aus einem Bericht hervor, den die Dachorganisation der amerikanischen Filmwirtschaft Compo (Council of Motion Picture Organisation) einem Komitee des amerikanischen Abgeordnetenhauses vorlegte. Der Tenor des Berichts: »Die Industrie ist so hoffnungslos krank, daß, wenn nicht sofort etwas für ihre Unterstützung geschieht, ihre Fundamente, ja ihre Existenz bedroht sind.«
Um die Abgeordneten für eine Senkung oder Beseitigung der Zulassungssteuer, die unserer Vergnügungssteuer gleichkommt, zu bewegen, führte die Compo dem Kongreß-Komitee einen 22 Minuten langen Film vor, der nichts anderes als Verkaufs- oder Vermietschilder von geschlossenen Kinos zeigte. Dann kamen massive Zahlen: Seit 1945 haben 5038 Kinos in den Vereinigten Staaten schließen müssen. 270 davon im ersten Viertel von 1953. Weitere 5347 Filmtheater arbeiten mit Verlust. Das heißt in Prozentzahlen: 33 Prozent der normalen Kinos und 28 Prozent der Auto-Kinos, der sogenannten »drive-in«, verlieren Geld.
Und die erschreckendste Zahl: Wie bei den kommunizierenden Röhren folgt jeder Steigerung des Fernsehapparate-Verkaufs automatisch ein Rückgang in den Kinoeinnahmen. Das Verhältnis ist: Wenn zwei Prozent mehr TV-Apparate gekauft werden, verlieren die Kinos in dem jeweiligen Bezirk ein Prozent ihrer Besucher.
Das »hoffnungslos« kranke Hollywood hat gegenwärtig gleich drei Anfälle zu verkraften:
* Das Fernsehfieber,
* das Delirium des 3-D-Trends und
* die Wanderlust.
Augenblicklich sind in der US-Filmhauptstadt nur noch siebenundzwanzig Filme in der Mache, im armen, kaputten Europa dagegen an die hundert. Italien, die stärkste europäische Filmnation, dreht zur Zeit allein 48 Filme.
Die Wanderlust der Hollywoodianer nimmt langsam bedrohliche Formen an, aus mehreren Gründen. Neben einer Steuerersparnis von 80 Prozent auf Grund gewisser Ausnahmeklauseln für im Ausland Arbeitende (SPIEGEL 22/1953), neben den in Amerika durch die Gewerkschaften hochgetriebenen Filmarbeiterlöhnen gibt es noch ein drittes Wander-Motiv:
* schon vorhandene Steuerschulden.
So steht etwa Errol Flynn beim Steueramt mit genau 407 839,92 Dollars in Kreide, das sind rund 1,7 Millionen Mark. Eine solche Summe schüttelt selbst der Held der sieben Meere nicht aus dem Ärmel. Er hat sich in Rom auf lange Zeit etabliert.
Aber die Ferien von der Steuer gehen ihrem Ende zu: der US-Kongreß erwägt, die Steuerbefreiung für amerikanische Auslandsarbeiter auf die ersten 20 000 Dollar zu beschränken. Das bedeutet: die Ölarbeiter der Aramco, die in Saudi-Arabien bohren und für die das Gesetz ursprünglich gedacht war, genießen in ihren bescheidenen Grenzen weiter ihre Vorteile. Die Big-Shots aber müssen bald wieder bluten.