FRANKREICH Fernes Echo
Der Anlass für die neuen transatlantischen Spannungen liegt in einer einspurigen, frisch geteerten Durchfahrt zwischen unbezogenen Sozialwohnungen und einer Lagerhalle, die zum Abriss vorgesehen ist. Bröckelnde Fassaden, Baukräne und wild wuchernde Vegetation - ein ganz normales Sanierungsgebiet im Pariser Vorort Saint-Denis, einer Randgemeinde mit 95 000 Einwohnern. Immigranten aus Schwarzafrika und dem Maghreb geben den Ton an. Und dann sind da noch diese zwei Schilder an den Enden einer Einbahnstraße: »Rue Mumia Abu-Jamal«.
Bürgermeister Didier Paillard, 52, enthüllte die blau-weiß glänzenden Emailtafeln in einer Zeremonie Ende April, seither hat die kleine Straße Berühmtheit erlangt. Das mediale Nachbeben ereignete sich allerdings nicht in Frankreich, sondern in 6000 Kilometer Entfernung, im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania.
Dort sorgte die Rue Mumia Abu-Jamal für helle Empörung, für politische Demarchen und schuf neuen Zündstoff im dauergespannten Verhältnis zwischen Paris und Washington. Auf den republikanischen Senator Rick Santorum, der für seine glasklaren Vorstellungen von Gut und Böse, Richtig und Falsch bekannt ist, wirkt die Rue Mumia Abu-Jamal wie eine Kriegserklärung. Als »ungeheuerliche Beleidigung« rügt der Mann aus Pennsylvania die Tat von Bürgermeister Paillard. Er fordert jetzt das »Eingreifen der französischen Regierung«.
Abu-Jamal, 52, ist Amerikaner, schwarz und gibt als Beruf Journalist an. Eigentlich heißt er Wesley Cook, war schon mit 14 Jahren in Philadelphia Hilfspressesprecher der Black Panthers, eines radikalen Arms der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Im Dezember 1981 soll er den weißen Polizisten Daniel Faulkner umgebracht haben. Eine Zeugin erkannte in ihm den Täter. Cook wurde zum Tode verurteilt.
Ein Fall aus dem Dschungel der amerikanischen Rechtsprechung: 18 Jahre nach dem Mord gestand ein anderer Mann die Tat. Im Dezember 2001 hob ein Gericht das Urteil gegen Cook, der früher schon zum Islam übergetreten war und sich seither Abu-Jamal nannte, endlich auf. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens lehnte der zuständige Bundesrichter ab. Die Staatsanwaltschaft beantragte erneut die Vollstreckung des Urteils. Deshalb droht Abu-Jamal noch immer die Hinrichtung.
Schwarz, Todesstrafe, Fehlurteil, Amerika: Kein Wunder, dass die Anteilnahme groß ist. Mitglieder der US-Bürgerrechtsbewegung, Globalisierungsgegner und Altlinke verehren ihn als »Stimme der Stimmlosen« und sehen in seinem Fall den Exzess eines rassistischen Justizsystems.
Zur transatlantischen Affäre geriet der Fall erstmals, als der sozialistische Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, Mumia Abu-Jamal feierlich zum Ehrenbürger erkor. Mit dieser Auszeichnung waren vorher nur Pablo Picasso und Marie Curie geehrt worden. »Paris und der Polizistenmörder, das passt«, höhnte das Massenblatt »New York Post« und empfahl Amerikanern, sich mit dem Kauf von »Bordeaux und französischem Käse« zurückzuhalten.
In Saint-Denis nimmt man den neuerlichen Ausbruch an Frankophobie gelassen hin. Als antiamerikanische Provokation sei die Straßenbenennung nicht gedacht gewesen, versichert der kommunistische Bürgermeister Paillard. Aber ein Zurückweichen wegen Washington komme nicht in Frage, sagt er mit fester Stimme.
Madame Gutierrez wohnt in der Rue Mumia Abu-Jamal. Sie regt sich nicht auf, sie ist pragmatisch, sie sagt: »Immerhin wissen die Amerikaner jetzt, wo unsere Gemeinde liegt.« STEFAN SIMONS