Fester Trott - DER SPIEGEL
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PASTOREN / KABARETT Fester Trott

• aus DER SPIEGEL 51/1968
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Beim Pfarrer Martin Schneider, 38, darf gelacht werden, Der Freiburger Protestant hatte »schon als Student Spaß am Kabarett«. Jetzt macht der Geistliche Ernst mit der leichten Muse: Sein Ensemble »Die Kirchenmäuse« benagt, was vielen Frommen heilig ist.

Inständig bat jüngst die Freiburger Hausfrau Margret Seemann: »Lassen Sie wenigstens den Schatz unserer Choräle unangetastet!« Doch ungerührt griff der Theologe ins Gesangbuch. Sein neuestes Programm trägt das Titel-Motto: »Ein feste Burg ist unser Trott« Der Lutheraner hält den umfunktionierten Luther-Text für »geeignet, Denkanstöße zu vermitteln«.

Anstoß erregt der Luther-Gag auf jeden Fall, vornehmlich bei vielen Amtsbrüdern« Dem Dekan Putz aus Erlangen, der zwar dem Zwei-Stunden-Programm nicht beigewohnt hatte, kamen die Darbietungen dennoch »schon allein im Titel religiös ekelhaft« vor. Und Dekan Braun aus Dietlingen warnte »vor der Verschrottung der ehrwürdigen Stücke unserer Kirche«.

So waren denn auch fromme Heidelberger gewappnet, als sich Schneiders »Kirchenmäuse« -- eine neunköpfige Laienspielgruppe aus Schülern, Studenten und Angestellten -- im letzten Monat zu einem Gastspiel ansagten. Heidelberger Pfarrer verweigerten dem Freiburger Bruder jegliche Werbe-Hilfe.

Gemeindliche Ältestenkreise verlangten, die »Kirchenmäuse«-Reklame müsse von den Kirchentüren entfernt werden, und prompt rissen »militante Gegner« (Schneider) an die vierzig Plakate herunter.

Gespielt wurde dennoch im vollbesetzten Gemeindehaus (Eintritt: zwei und drei Mark); und laut »Rhein-Neckar-Zeitung« knabberten die »Kirchenmäuse« mit »beißender Kritik« und »unverhüllter Schärfe an allem, was »im großen Haus der Kirche« nicht niet- und nagelfest ist«,

Schneiders Nagern bietet sich in der Tat ein weites Feld. Sie glossieren neben Sonntags-Christen und Muß-Hochzeiten unter anderem gern

* vereinsmeierliche protestantische Zersplitterung ("Die Lutheraner sind nicht ganz so reformiert wie die Reformierten");

* altüberkommenes Zeremoniell ("Es riecht so ein bißchen ehrwürdig und muffig, so ganz nach Kirche"); das Bildschirm-»Wort zum Sonntag« ("Telangelium") und

die hohle Betriebsamkeit kirchlicher Akademien ("Zu unserer Tagung begrüße ich ... die Presse, deren Berichte unserer Akademiearbeit eine Beachtung verleihen, die weit über ihre tatsächliche Bedeutung hinausgeht").

Die meisten Kabarett-Szenen schreibt der Mäuse-Chef. Der studierte Kirchenmusiker ("In der leichten Muse bin ich Autodidakt") läßt sich auch die Kabarett-Melodien ("Mit freundlicher Unterstützung von Martin Luther, Oscar Straus und Richard Wagner") einfallen. Bei den bislang rund 50 Auftritten begleitete er seine Glossen-Riege am Flügel.

Der musische Theologe erteilt hauptberuflich Religionsunterricht am Freiburger Kepler-Gymnasium. Doch bekannt wurde er durch seine Hobbys. Er gilt als der wohl erfolgreichste zeitgenössische Kirchenlied-Schreiber des unterhaltenden Genres.

Seine Spiritual-ähnlichen Songs, »inhaltlich einfach und musikalisch ansprechend, verhältnismäßig heiter und theologisch nicht zu befrachtet« (Schneider), werden zwar von konservativen Kirchenmusikern heftig abgelehnt; doch »Schnulzen-Schneider« (so seine Gegner und Neider) enterte damit den Schallplattenmarkt,

Seine erste Platte ("Danke") geriet zum Hit und wurde mehr als 300 000 mal verkauft. Sieben weitere Titel, darunter zwei moderne Weihnachtslieder, fanden bislang nochmals 200 000 Käufer.

Neun Kabarett-Nummern der »Kirchenmäuse« ließ er kürzlich auf Langspielplatten pressen, von denen freilich erst 2000 Exemplare abzusetzen waren. Denn es gibt, so Pfarrer Schneider, »in den Kirchengemeinden wenig Leute, die die kabarettistische Form kapieren

Die verbreitete Begriffsstutzigkeit der Kirchgänger ließ manche Auftritte der »Kirchenmäuse« mit »schauerlichen Defiziten« (Schneider) enden, wiewohl die Kabarettisten jeweils nur Reisegeld und 30 Mark Honorar beanspruchten. Viele Auftritte kamen nicht zustande, weil kirchliche Arbeitsgruppen und Akademien, fromme Gremien und Gemeindehirten das »Kirchenmäuse«-Programm rundweg als »Blasphemie« und »Provokation« ablehnen.

Dagegen der ordinierte Pfarrer Schneider: »Kirchliches Kabarett könnte vielleicht sogar ein Stück Verkündigung sein, wenn auch in neuer, ungewohnter Form.«

Doch bei dieser Vermutung mochte es Schneider nicht bewenden lassen. Er verehrte dem Landesbischof von Baden, Professor Hans-Wolfgang Heidland, die »Kirchenmäuse«-Platte und hoffte auf ein richtungweisendes Wort.

Bischof Heidland kannte den Geber bereits: Der Kabarett-Pfarrer ist ein Sohn des badischen Synodal-Vizepräsidenten und früheren CDU-Landtagsabgeordneten Hermann Schneider. Wohlwollend legte Oberhirte Heidland daher die Platte auf den Teller und lauschte den »Kirchenmäusen« mit »Spannung und Zustimmung« (Heldland).

Ende November bedankte sich Heldland brieflich für das Präsent. Doch er enthielt sich eines theologischen Gutachtens über die Schneider-These, sein Vers- und Notenschmieden sei auch »eine Möglichkeit, Gott zu loben« -- der Bischof lobte lieber selber.

»Am besten«, gestand er dem geistlichen Kleinkünstler, »gefällt mir eigentlich die Musik.«

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