NIGERIA Fette Katzen
Dirty old Lagos« war ihnen schon lange zu heiß, zu laut und zu gefährlich geworden. Schon aus »gesundheitlichen Gründen« lebten sie lieber in den stillen grünen Villenvierteln Londons, nahe den Werkstätten für die Inspektion ihrer Rolls-Royce-Karossen und auch nicht allzu entfernt von ihren Schweizer Bankkonten.
Nigerias Creme de la Creme nahm's leicht, als putschende Militärs sie in der Silvesternacht 1983 von ihren Pfründen vertrieben. Einige der reichsten Exil-Nigerianer befaßten sich damit, Pläne für einen Gegenputsch aufzustellen, um die Zeiten des Chaos-Kapitalismus, von den Militärs so rüde unterbrochen, zurückzubringen.
Hadschi Umaru Dikko, ehemaliger Transportminister und Schwager des gestürzten Präsidenten Shehu Shagari, erklärte den Militärs sogar den »Dschihad«, den Heiligen Krieg. Ihm sei jedes Mittel recht, »jede Waffe, die Allah mir gibt«, die Putschisten aus Lagos zu vertreiben.
Geld soll der heilige Krieger im Exil genug haben. Er steht im Verdacht, nicht nur die Parteikasse seines Präsidenten-Schwagers, sondern auch seine eigene mit den Millionenbeträgen aufgefüllt zu haben, die er durch Schiebereien mit staatlichen Reisreserven und durch Schmiergelder für die Vergabe begehrter Importlizenzen verdient haben soll.
Außerdem drohte er stets, sein Wissen über dunkle Geschäfte der neuen Machthaber preiszugeben: »Die Militärs reden immer über Geld, weil sie nur an ihre eigenen Bankkonten denken«, so Dikko forsch.
Vorletzten Donnerstag wurde Dikko auf dem Londoner Flughafen Stansted in einer von zwei Kisten entdeckt, die gerade als »Diplomatisches Frachtgut« in einer nigerianischen Transportmaschine nach Lagos befördert werden sollten. Nigerias Staatsfeind Nummer eins war von einem Rollkommando vor seiner Villa in Bayswater entführt und mit der Wahrheitsdroge Pentothal bewußtlos gemacht worden.
Trotz aller Dementis aus der nigerianischen Botschaft in London war es für Scotland Yard klar, daß der nigerianische Geheimdienst NSO hinter dem versuchten Menschenschmuggel stand.
Geheimnisvoll blieb dagegen die Rolle der zwei Israelis und eines dritten Verdächtigen, die vor den Augen der Polizei gelassen aus den Kisten stiegen. Sie waren tags zuvor mit eben jener nigerianischen Transportmaschine illegal nach London gekommen und hatten Dikko in seine alte Heimat begleiten sollen. Das Ganze sei »ein Kriminalstück, mit dem Israel nichts zu tun hat«, behauptete Premier Schamir in Jerusalem.
Das wollen manche nicht glauben. Der Mann, der Dikko vermutlich betäubt hat, der Anästhesist Lou Schapira, 43, ist vor zehn Jahren aus der Sowjet-Union nach Israel eingewandert und arbeitet eigentlich im Hascharon-Krankenhaus in Petach Tikwah.
Sein Kompagnon Felix Avital, 41, ein reicher Israeli tunesischer Herkunft, hatte enge Geschäftsbeziehungen zu Nigeria unterhalten. Wohl möglich, daß er daran dachte, durch Handlangerdienste für Lagos seine verlorenen Investitionen zu retten. Und noch sind Spekulationen nicht entkräftet, wonach der israelische Geheimdienst Mossad seinen nigerianischen Kollegen mit Rat und Tat zur Seite stand.
Obwohl Nigeria wie 28 weitere afrikanische Staaten nach dem Nahost-Krieg 1973 die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbrach, machen die Israelis seit einigen Jahren in Lagos, wie andernorts in Afrika, bessere Geschäfte als in Blütezeiten der formellen Freundschaft. Da die 40 israelischen Firmen in Nigeria rund 100 Millionen Dollar Außenstände haben, sind sie an einem guten Verhältnis zur Militärregierung lebhaft interessiert.
Auch Großbritannien will es sich nicht ganz mit seiner Ex-Kolonie und seinem Haupthandelspartner in Afrika verderben. Premierministerin Margaret Thatcher klagte nur, sie habe es allmählich satt, daß fremde Regierungen ihre Fehden auf britischem Boden austrügen. Erst vor drei Monaten war in London eine Polizistin durch Schüsse aus der libyschen Botschaft getötet worden.
Auch als die Nigerianer aus Rache für den vereitelten Coup auf dem Flughafen Stansted eine britische Verkehrsmaschine mit 222 Passagieren zwei Tage lang in Lagos festhielten, reagierte das Außenministerium zunächst gelassen. Erst vergangenen Donnerstag forderten die Briten
zwei nigerianische Diplomaten zur Ausreise auf.
Die nigerianischen Militärs haben ihrerseits dringend Erfolgserlebnisse nötig. Schließlich waren sie vor sieben Monaten angetreten, um die »stinkende Korruption« unter Shagari zu beenden, der die Nation »zum Schuldner und Bettler verkommen ließ«, so Generalmajor Buhari, der neue starke Mann Nigerias.
Anfangs brachten seine Landsleute, die schon von 1966 bis 1979 unter Militärherrschaft gelebt hatten, dem neuen Regime Sympathie entgegen. »Jeder Nigerianer wird uns beipflichten«, behauptete die Lagoser Zeitung »Punch« Anfang Januar, »daß der Coup das beste war, was unserem Volk in den vergangenen vier Jahren widerfahren ist.«
Die Militärs wollten alles besser machen. Als erstes führten sie den »war against indiscipline«, Krieg gegen die Zuchtlosigkeit. Im kleinen hatten sie sogar Erfolg. Als sie im April eine Währungsreform anordneten, ging es in den Banken ungewöhnlich diszipliniert zu.
Doch inzwischen sind die Nigerianer skeptisch geworden. Die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich seit Anfang des Jahres verdoppelt. In Lagos lungern nach wie vor Tausende von jugendlichen Arbeitslosen herum. Die Schwerkriminalität ist, trotz Wiedereinführung der Todesstrafe, noch gestiegen. 100 000 Täter sitzen angeblich wegen Raubüberfalls in Gefängnissen.
Weil in der Wirtschaft nichts mehr läuft, wollen die Militärs in Schauprozessen ihre Macht demonstrieren. Rund 600 Korruptionsverdächtige haben sie eingesperrt, sieben Ex-Gouverneure der Shagari-Zeit wegen schwerer Korruption zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.
Aber die »fetten Katzen«, Politiker, die wie Dikko aus Kaduna in Nordnigeria kamen, blieben bisher weitgehend ungeschoren. Verständlich, denn auch die meisten Militärs kommen aus den einflußreichen Haussa-Stämmen des Nordens. Und der heutige Geheimdienstchef, Muhamed Rafindani, der in seinem vorigen Amt als Bonner Botschafter mit diamantenbesetzter Golduhr glänzte und wortreich das korrupte Shagari-System verteidigte, zählt auch zu der berüchtigten »Kaduna-Mafia«.
Um nur ja keinen Zweifel an ihrer Lauterkeit aufkommen zu lassen, versuchen die Militärs, die beinahe einzige Institution, die zu Shagaris Zeiten funktionierte, zu gängeln: Nigerias freie Presse. Anfang Juli wurden zwei Journalisten zu je einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie angeblich die Militärregierung »durch Verbreitung einer Fehlmeldung der Gefahr der Lächerlichkeit« ausgesetzt hatten.
Die Journalisten Tunde Thompson und Nduka Irabor hatten im nigerianischen »Guardian« über die Schließung von elf Botschaften im Ausland berichtet. Tatsächlich waren nur zehn Botschaften geschlossen worden.