ÖSTERREICH Fetzen fliegen
Die Österreicher verdanken den Bayern fast alles: die Zivilisation schlechthin, aber auch so wertvolles Volksgut wie Lederhosen, Jodeln und Bier.
Vor fast anderthalb Jahrtausend wurden sie von den Bayern kolonisiert und als deren Ostmark eingedeutscht. Die Bande zwischen den Blutsverwandten
aus Alpen und Voralpen waren durch die ganze Geschichte besonders innig - allenfalls durch gelegentliche Anfälle der beiden Stämmen gemeinsamen Rauflust getrübt.
So droschen die Tiroler im Spanischen Erbfolgekrieg auf die bayrischen Nachbarn ein, zu Napoleons Zeiten holten sich die Bayern, die's damals mit den Welschen hielten, bei Andreas Hofers Guerrilleros blutige Köpfe.
Sie zankten sich fortdauernd um das Innviertel - wär's bloß bei Bayern geblieben, dann brauchten sich die Österreicher nicht immer wieder den berühmtesten Braunauer Adolf anrechnen zu lassen.
Beide befruchteten einander aber auch aufs prächtigste. So können sie sich Salzburgs als gemeinsamen Erbes rühmen, schickten die Wittelsbacher den Habsburgern die unsterbliche Sissi und zog der Märchenkönig Ludwig zusammen mit den Österreichern gegen die verhaßten Preußen ins Feld.
So was verbindet über Grenzen hinweg. Als Hitler seine engere Heimat Anno 38 heim ins Reich holte, kam mit der Wehrmacht auch der »Bayerische Hilfszug«, der die darbenden Ostmärker aufpäppeln sollte, den sonst durchaus begeisterten, aber gaumenverwöhnten Österreichern jedoch fast die ganze Freud' am Anschluß vergällte.
Der »Herr Karl« selig des Helmut Qualtinger raunte in der Erinnerung schaudernd: »Die Deitschen san einmarschiert - mit klingendem Spiel sans kummen, mit'n Bayerischen Hilfszug ... Die haben so Gulaschkanonen gehabt, wie man sagt ... Gulasch war kans drin ... Erdäpfeln, Kartoffeln... Uns is ja schlecht 'gangen ... aber sowas hab'n mir nie 'gessen.«
Doch lang hielt die Verstimmung nicht an. Franz Josef Strauß, der Herrscher von München, wurde zu einer Art Alpen-Kini gesalbt. Als unbestrittener Chef der Arge Alp, der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer, durfte er jenseits seiner weiß-blauen Grenzpfähle beinahe ebenso oft Autobahnen eröffnen oder mit Schützenbrüdern feiern wie daheim. Beim Wiener Opernball war er auf eine Prominentenloge abonniert.
Kurz, Strauß war stets wohlgelitten, auch bei alpenländischen Roten wie dem Bruno Kreisky. Auf sein Wort hörte man, bis nach Südtirol und insgeheim sogar Slowenien hin. Und als Flick sein Bares bündelweise unter die Politiker zu bringen begann.. Auf einen Wink des Bayern hin bedachte der Konzernherr auch Salzburgs rechten Landeshauptmann Haslauer mit einer 200000-Schilling-Spende (knapp 30000 Mark).
Nun poltert derselbe Haslauer, der noch im letzten Jahr Salzburgs höchsten Orden an Franz Josefs Brust heftete, wider den Bayernfürsten, kommt Strauß nicht mehr zu den Salzburger Festspielen, wo Demonstranten auf ihn lauern, wollen die Salzburger gar ihr Ehrenzeichen zurück.
»Kraftlackl«, »unerhört«, schallt es aus österreichischen Blättern. Zwischen den Knödelessern beiderseits von Salzach und Inn »fliegen die Fetzen«, wie es die Münchner »AZ« ausdrückt, seit in der fernen Ukraine eine Kernschmelze die Menschheit aufschreckte.
Die Österreicher fühlen sich als Antiatomkrieger legitimiert, da sie ja ihr von einer Siemens-Tochter konstruiertes Atomkraftwerk in Zwentendorf vor Inbetriebnahme zusperrten. Von ausländischen AKWs bereits förmlich umzingelt, wähnen sie sich von Bayerns geplanter Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf bedroht. Und seit Tschernobyl sind sich die Österreicher einig: Atomkraft, nein danke!
Das wurmte Strauß, den Streiter für die Atomkraft, so sehr, daß er der ostmärkischen Luftwaffe mit Sperrung des Bayern-Himmels drohte und österreichische Anti-Wackersdorf-Demonstranten an der Grenze abweisen ließ.
Seither eskaliert der Alpenkrieg. Die Bayern Zimmermann und Stoiber rüffelten die Brüder in den Bergen so rüde, daß Kärntens Landeshauptmann sich entsetzte, so habe seit der Nazizeit kein Deutscher mehr mit Österreich gesprochen. Da setzte »Wiederholungstäter« Strauß, wie ihn Österreichs Wissenschaftsminister Heinz Fischer nannte, noch mehrere drauf. In einem »Appell an Wien« ortete er beim Nachbarn »eine erschreckende Informations- und Wissenslücke« hinter »pseudo-religiösen Weltuntergangspredigten«.
Und am 17. Juli antwortete er in einem sieben Seiten langen Brief auf ein Telex, das ihm der damalige Präsidentschaftskandidat Waldheim am 14. Mai geschickt hatte - mit der Bitte, Wackersdorf noch einmal zu überdenken.
Originalton Strauß an das nunmehrige Staatsoberhaupt Österreichs (dessen Wahl Kanzler Kohl unter grober Einmischung in Österreichs Innenpolitik seinerzeit wärmstens empfohlen hatte): »Die österreichischen Forderungen stellen allmählich eine Zumutung dar.«
Da fragte ein Leserbriefschreiber in der Grazer »Kleine Zeitung«, ob es »wieder einmal so weit ist, daß Deutschland und Österreich vor einem Wahnsinnigen zu Füßen liegen«.
Vizekanzler Steger, der Strauß »unverständliche Kraftmeierei« vorwarf, wollte am Wochenende als gelernter Sängerknabe zum Anti-Wackersdorf-Festival nach Burglengenfeld fahren und dort eine Rede halten. Er ließ aber erschrocken davon ab, als ihm sein deutscher Parteikollege Hans-Dietrich Genscher mitteilte, die Bayern hätten in Bonn nachgefragt, ob man für Steger, nach bewährter Manier, ein Einreiseverbot verhängen könne. Dazu Strauß: »Das ist unwahr.« Man habe nur wissen wollen, ob »Steger nach den Regeln des Völkerrechts in Bayern eine politische Rede halten dürfe«.
Nur einer ist bei dem bayrisch österreichischen Komödienstadel, den die Außenminister Genscher und Jankowitsch am Wochenende in Salzburg zu entschärfen suchten, wieder einmal, wie gehabt, nicht dabei: Bundespräsident Waldheim, der Straußens bislang gröbsten Fehde-Brief durch sein Telex provoziert hatte, ließ mitteilen, er fühle sich nicht angesprochen, da »er als Bundespräsident nicht mehr zu diesen Fragen Stellung nehmen könne«.