Feuchte Filter - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 48 / 87

USA Feuchte Filter

• aus DER SPIEGEL 23/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Schlag aus Washington traf Amerikas Zigarettenhersteller hart, aber nicht unvorbereitet. Sie haben als Prügelknaben schon Routine.

Die mächtige US-Bundesbehörde Federal Communications Commission (FCC), die unter anderem das private Fernsehen überwacht, attackierte die Werbepraxis der Tabakkonzerne. FCC -Chef E. William Henry: »Den Fernsehzuschauern wird eingeredet, Zigarettenrauchen sei der Schlüssel zu Spaß und Spiel mit dem anderen Geschlecht, zu gesellschaftlichem Erfolg und Männlichkeit ... Solche Werbung würde nie vermuten lassen, daß die meisten Mediziner einen gefährlichen Kausalzusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Gesundheit für gegeben halten.«

Auf diesen Zusammenhang müssen die Hersteller seit Anfang des Jahres selbst hinweisen; jedes der 110 Millionen Zigarettenpäckchen, die in den USA täglich produziert werden, trägt heute gemäß Bundesgesetz die Warnung: »Vorsicht: Zigarettenrauchen kann Ihre Gesundheit gefährden.«

Den Werbern jedoch macht das Gesetz keine Vorschriften. Die Industrie hat sich in einem freiwillig aufgestellten »Kodex« lediglich verpflichtet, ihre Fernseh-Einblendungen nicht an Sendungen mit vorwiegend jugendlichem Publikum anzuhängen. (Ähnliche Beschränkungen will sich jetzt auch die westdeutsche Zigarettenindustrie auferlegen.) Im übrigen läuft die Zigarettenwerbung »wie gewohnt« (Henry).

Auch der Umsatz, der 1964 nach dem sogenannten Terry-Report über mögliche Zusammenhänge zwischen Rauchen und Lungenkrebs vorübergehend gesunken war, hat seinen gewohnten Anstieg längst fortgesetzt. Im vergangenen Jahr erreichten Amerikas Raucher einen neuen Rekord; sie qualmten rund fünf Milliarden Zigaretten mehr als im Vor-Terry-Jahr 1963.

Daß die Tabakbranche den Terry-Report überspielen konnte, hatte sie vor allem ihrem Erfindungsreichtum zu danken. Nachdem Teer- und Nikotingehalt des Rauchs als krebsfördernd verdächtigt worden waren, brachten die Tabakinanager immer abenteuerlichere Filter auf den Markt.

Nach Holzkohlefiltern sind gegenwärtig Wasserfilter in Mode. Sie enthalten winzige, wassergefüllte Kapseln, die vor dem Rauchen durch einen leichten Fingerdruck zum Platzen gebracht werden.

Allerdings: Die Firmen konnten mit der Wirksamkeit ihrer Filter nicht offen werben. Sie hatten vor sechs Jahren auf Drängen der Washingtoner Handelsbehörde darauf verzichtet, die Verminderung des Teer- und Nikotingehalts durch Filter als Werbe-Argument zu benutzen.

Der Behörde war das hektische »Teer -Derby«, das damals in der Werbung für Filterzigaretten ausgetragen wurde, als unverantwortlich erschienen. Es erweckte den nach ihrer Meinung falschen Eindruck, Zigarettenrauch mit wenig Teer und Nikotin sei unschädlich.

Die Firmen verließen sich in der Folge darauf, daß die Verbraucher auch ohne ausdrücklichen Werbehinweis Filter mit Gesundheit gleichsetzen würden. In ihren Werbetexten konzentrierten sie sich statt dessen auf das Aroma ihrer Produkte.

Die Folge war, wie die Handelsbehörde im letzten Jahr herausfand, grotesk: Viele der neuen Filterzigaretten liefern genauso hochprozentigen Rauch wie ungefilterte. Denn um starkes Aroma durch starke Filter zu schleusen, ist starker Tabak mit hohem Teer- und Nikotingehalt nötig.

Als schließlich die renommierte amerikanische Krebsforschungs-Gesellschaft auf die gefährlichen Folgen des Verbots der Teerwerbung hinwies, machte die US-Handelsbehörde eine Kehrtwendung. Sie erklärte vor kurzem, »wahrheitsgemäße Information über Zigaretten« liege im »öffentlichen Interesse«.

Schon zwei Tage später ging P. Lorillard, viertgrößter US-Produzent von Filterzigaretten ("Kent"), an den Start zu einem neuen Teer-Derby. Die Firma kündigte die neue Marke »True« (wahr) an, deren niedriger Teer- und Nikotingehalt in der Werbung hervorgehoben werden soll.

Ganz anders stellt sich die amerikanische Gesellschaft für öffentliche Gesundheit die Zigarettenwerbung vor: Sie strebt einen obligatorischen Warntext auch für Anzeigen und Fernsehspots an.

P. Lorillard hat sich für kommendes Unwetter bereits einen nützlichen Notanker zugelegt. Fast gleichzeitig mit dem Aufbruch ins Teer-Derby erwarb das Unternehmen die Chicagoer Firma Reed Candy, eine Süßwarenfabrik.

Warnung auf US-Zigarettenpackung

Krebs oder Spaß?

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 87