Feurige Kämpfer - DER SPIEGEL
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Feurige Kämpfer

Soziales Elend und die Zuwanderung von Christen sind die Hauptgründe für die Unruhen auf Mindanao und den Inseln der Sulu-See.
Von Jürgen Kremb
• aus DER SPIEGEL 19/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf der Insel Basilan stürmte vergangenen Mittwoch die Armee ein Bergversteck, in dem die islamische Terrorgruppe Abu Sayyaf 22 Kinder, mehrere Lehrer und einen katholischen Priester gefangen gehalten hatte.

Vier Geiseln wurden tot gefunden, eine mit abgeschnittener Brust, von acht weiteren verlor sich die Spur im Dschungel. Gouverneur Wahab Akbar, 40, hat nun auf die Ergreifung jedes Terroristen ein Kopfgeld von umgerechnet 1600 Mark ausgesetzt - das halbe Jahresgehalt eines Lehrers.

Akbar residiert in einem minarettartigen Palast im Hauptort der Insel. »Abu Sayyaf zieht den Namen des Islam in den Dreck«, faucht der bullige Beamte mit dem pockennarbigen Gesicht. Doch in den neunziger Jahren war der nunmehr loyale Gefolgsmann des Präsidenten Joseph Estrada selbst ein Radikaler: als Mitbegründer eben jener Extremistengruppe, die auf der Nachbarinsel Jolo 21 weitere Geiseln in ihrer Gewalt hält.

Viele Abu-Sayyaf-Extremisten haben eine ähnliche Biografie wie Akbar. Der musste als Kind, Ende der sechziger Jahre, mit ansehen, wie Soldaten des damaligen Staatschefs Ferdinand Marcos seinen Vater von den Feldern jagten, die er mühsam dem Land abgetrotzt hatte. Die Vertreibung sei rechtens, hieß es, weil das Gelände ausländischen Zitruskonzernen und Plantagenbesitzern gehöre.

»Wir sahen in Christen und Chinesen unsere Feinde, weil sie das Land besaßen und uns, die muslimische Bevölkerungsmehrheit, ausbeuteten«, erinnert sich Akbar. Seit Jahrzehnten sind die Christen durch Zuwanderung im Süden der Philippinen nun in der Überzahl.

Nur Misuari, 59, jetzt Chefunterhändler im Geiseldrama von Jolo, wurde damals zum Idol der jungen Heißsporne. Denn 1972 hatte dessen Rebellenorganisation Moro National Liberation Front (MNLF) Manila den Krieg erklärt. Ziel war ein unabhängiger Staat auf Mindanao. Bereitwillig bildeten islamische Länder die feurigen Anhänger Misuaris aus.

Akbar studierte acht Jahre islamisches Recht in Damaskus, dann ließ er sich nahe Tripolis zum Guerrilla schulen. Sein Mitstreiter Abdurajak Janjalani immatrikulierte sich in Kairo, später kämpfte er mit den Mudschahidin des ehemaligen saudi-arabischen Staatsbürgers Ussama Ibn Ladin in Afghanistan. Dann gründeten Akbar und Janjalani die Abu Sayyaf Guerrilla - Abu Sayyaf steht für »Träger des Schwertes«. Basilan wurde zur logistischen Basis einer Organisation, die sich bester Verbindungen zu islamischen Terrorbanden in aller Welt rühmt.

Janjalani, 1965 auf Basilan geboren und Absolvent einer katholischen Schule, pflegte seit dem Afghanistankrieg enge Verbindungen zu Ibn Ladin, mit dem er gegen die Russen in den heiligen Krieg gezogen war. Zeitweilig kämpften mehr als 200 radikale Filipinos am Hindukusch. Ibn Ladin finanzierte die Söldner Allahs und ließ auch später reichlich Geld in den Süden der Philippinen fließen.

Ibn Ladins Schwager Mohammed Chalifa fungierte, bis zu seiner Verhaftung in San Francisco im Dezember 1994, als Präsident des philippinischen Arms der Internationalen Islamischen Hilfsorganisation. Über ein Netz von Firmen und regierungsunabhängigen Organisationen sollen seit Anfang der neunziger Jahre Millionen an die Abu Sayyaf überwiesen worden sein.

Für die Region hatte das verheerende Folgen. »Erst dachten wir, dass Abu Sayyaf nur die ausländischen Missionare vertreiben wollte«, sagt Bischof Romulo de la Cruz in Basilan. Doch als die letzten ausländischen Priester das einstige Tropenparadies verlassen hatten, flogen Bomben in Kirchen und christliche Schulen.

Zu den bis dahin schwersten Überfällen kam es 1995. Nahe eines Dorfs im Bergland Basilans hielten Abu-Sayyaf-Banditen einen Reisebus an und trennten die Passagiere nach Religionszugehörigkeit. 15 Christen, deren Familien kein Lösegeld zahlen konnten, lagen kurz darauf von Kugeln durchsiebt im Straßengraben. Auf Mindanao wurde im gleichen Jahr die mehrheitlich christliche Stadt Ipil geplündert, 53 Bewohner wurden massakriert und zahlreiche Häuser niedergebrannt. Diebesbeute und Lösegelder waren den rund 1000 Abu-Sayyaf-Mitgliedern bald wichtiger als die Verbreitung der reinen Lehre.

Als Janjalani im Dezember 1998 bei einem Feuergefecht mit der philippinischen Polizei auf Basilan ums Leben kam und sein Bruder Khaddafy die Leitung der Terrortruppe übernahm, hatte sich Akbar bereits abgesetzt. Nachdem der Alt-Rebell Misuari im September 1996 einen Friedensvertrag mit der Regierung in Manila abschloss, wurde der Aussteiger zum ersten muslimischen Gouverneur von Basilan gewählt. »Was wir brauchen, sind wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand«, sagt er nun, »sonst haben wir bald noch mehr Organisationen wie Abu Sayyaf.« JÜRGEN KREMB

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