BAUWIRTSCHAFT Fibel für die Flaute
Das Schicksal von 25 Baufirmen im Westerwald-Kreis Altenkirchen, die im Juli Konkurs mußten, trieb 26 Branchenkollegen in Mülheim an der Ruhr unter ein gemeinsames Dach. Im »Arbeitskreis Mülheimer Baufirmen« suchen sie Schutz vor konjunkturellen Unwettern.
»Wenn wir allein weiterarbeiten«, meint Willi Tupay, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises, »kann es sein, daß der eine oder andere zumachen muß.« In Mülheim, wo mit Stadt und Stahlwerken gleich zwei der wichtigsten Auftraggeber ihre Baupläne beschnitten, bekommt die Bauwirtschaft die Flaute doppelt stark zu spüren. So wird die neue Stadtbücherei, heute halbfertig, erst in mehreren Jahren vollendet sein.
Während sich die öffentlichen und privatwirtschaftlichen Kassen leeren, sinkt überall in der Bundesrepublik die Nachfrage nach Bauleistungen. Dabei hatte in der ersten Hälfte dieses Jahres die Lage der 67 000 Betriebe des Bauhauptgewerbes noch recht freundlich ausgesehen.
Im Juni freilich lagen die Wachstums-Quoten bereits unter denen des Vorjahresmonats. Die Zahl der Beschäftigten in der Bauwirtschaft sank um 2,6 Prozent, gleichzeitig waren sogar 16,5 Prozent weniger Stellen offen.
Das Branchen-Barometer, die Zahl der erteilten Baugenehmigungen, fiel im zweiten Quartal 1966 gegenüber der gleichen Zeit 1965
- im Wohnungsbau um 4,8 Prozent,
- im Wirtschaftsbau um 5,3 Prozent,
- im Hochbau insgesamt um 5,6 Prozent und
- im öffentlichen Hochbau - für sich allein genommen - um 12,7 Prozent.
Das Baugewerbe, das Ende Juli 1965 für vier Monate mit Arbeit eingedeckt gewesen war, hatte Ende Juli dieses Jahres noch ein Auftrags-Polster für 3,6 Monate.
Im Insolvenzen-Register deutscher Tageszeitungen tauchen immer häufiger Baufirmen auf. Allein die Zahl der Konkurse vermehrte sich von Januar bis Juni 1966 um 60 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres.
Nachdem die Bauunternehmer in ihren fetten Jahren durchweg mehr improvisiert als kalkuliert hatten, legte der Hauptverband der deutschen Bauindustrie nunmehr eine Fibel auf, die ihnen das Rüstzeug für schlechte Zeiten vermitteln soll. Es reicht von moderner Unternehmensführung bis zu maschineller Datenverarbeitung, von Arbeitsvorbereitung durch Netzpläne bis zu rationelleren Zahlungssystemen.
Denn »die Kapazitäten, die uns das Wirtschaftswunder vollbringen halfen«, warnt Diplom-Kaufmann Herbert Prange, Honorarprofessor für Baubetriebswirtschaft an der Münchner Technischen Hochschule, »drohen zu Überkapazitäten zu werden«. Der Wettbewerb sei bereits »zum Teil geradezu verwildert«.
Die Folgen einer Auftrags-Jagd um jeden Preis wurden zum Beispiel auf der Hauptversammlung der AHI-Bau (Allgemeine Hoch- und Ingenieurbau -AG) in Düsseldorf deutlich: Allein beim Bau einer Turnhalle im schwäbischen Böblingen setzte die AHI eine halbe Million Mark zu.
Die Gesellschaft stand 1965 vor dem Problem, »ob sie den Verlust des Aktienkapitals nach den aktienrechtlichen Vorschriften hätte müssen«, bekennt ihr Aufsichtsrats-Vorsitzender Bolko Graf von Roedern. Aktionärs -Fragen nach weiteren unterkalkulierten Projekten wehrte der Graf mit dem Hinweis ab, diese Dinge seien »vertraulich«.
Ein Einzelfall scheint die AHI nicht zu sein. Bei einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts unter Baufirmen beurteilten Ende Juli
- sieben Prozent ihre Lage als gut,
- 52 Prozent als saisonüblich und
- 41 Prozent als schlecht.
Die Unternehmen, die im Durchschnitt nur ein Drittel ihrer gesamten finanziellen Mittel selbst aufgebracht und fast ausnahmslos Gebäude und Ausrüstungen mit geliehenem Geld bezahlt haben, werden von der Kredit-Teuerung hart geprüft. Zu einer »schlechten finanziellen Lage« führen, so Diplom-Kaufmann Hanns van Kann, Leiter der Betriebswirtschaftlichen Abteilung des Hauptverbandes, obendrein die Zahlungsgewohnheiten der Bauherren, insbesondere deshalb, weil die »Zahlungsfristen nur selten eingehalten« werden.
Das haben auch die 26 Mülheimer Baufirmen erfahren müssen, ehe sie sich zusammenschlossen. Vorstandsmitglied Tupay: »Im vergangenen Jahr erhielten wir unser Geld im Durchschnitt nach vier Wochen. Heute dauert es doppelt so lange.«
Zum Zweck der »Mobilisierung von Leistungsreserven«, wie der Untertitel des Krisen-Breviers lautet, will der Mülheimer Arbeitskreis künftig gemeinsam einkaufen. Die dadurch gewonnenen Sonderrabatte (zehn bis 15 Prozent von jährlich zwölf Millionen Mark, die von den Mitgliedern allein für Baustoffe ausgegeben werden) fließen in eine Gemeinschaftskasse.
Für das Rabattgeld sollen Maschinen gekauft werden. Überdies wollen die meist kleinen Mitgliedsfirmen (zusammen haben sie 2000 Beschäftigte und erzielen 50 Millionen Mark Jahresumsatz) Kräne, Bagger und Schwerlaster, die sie sich nicht alle leisten können, zu Selbstkosten untereinander ausleihen.
Gemeinsam möchten die 26 Baufirmen zugleich an lukrativere Aufträge herankommen. Auf sich allein gestellt, konnten sie bei großen oder sogar überregionalen Ausschreibungen bisher nicht mitbieten. Jetzt wollen sie Biete-Gemeinschaften bilden.
In Essen, Oberhausen und Duisburg beabsichtigen Baufirmen, dem Mülheimer Beispiel zu folgen. Durch das System der Arbeitskreise, so hoffen sie, kann der wilde Wettbewerb der Überkapazitäten doch noch gezähmt werden.
Willi Tupay wundert sich nicht über den neuen Gemeinschaftsgeist: »Wir haben in Mülheim vor fünf, sechs Jahren schon einmal darüber gesprochen. Damals aber wollte keiner, da ging's uns noch zu gut.«
Baubetriebswirtschaftler Prange
»Wettbewerb verwildert«
Halbfertige Stadtbücherei in Mülheim an der
Ruhr: Arbeitskreis aus Angst vor Pleiten