Fisch im Baum - DER SPIEGEL
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TAIWAN Fisch im Baum

Nach seinem Wahlsieg steuert der frisch gewählte Präsident Chen auf die Unabhängigkeit zu - China droht mit Militäraktionen.
• aus DER SPIEGEL 13/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit einem taiwanischen Fähnchen in der Hand steht Mao Hong-fu vor der Stacheldrahtbarriere am wuchtigen Hauptquartier der Kuomintang ("Nationale Volkspartei") in Taipeh und ist den Tränen nahe. »Wie soll es nur weitergehen?«, klagt der Parteiveteran und zieht ein zerknittertes grünes Heftchen aus der Tasche. Es weist ihn als Mitglied Nr. 208 628 der Kuomintang (KMT) aus, aufgenommen im Jahr 1944. Fünf Jahre danach floh er mit den Truppen der Nationalisten auf die Insel Taiwan, später schob er als Soldat auf der Insel Matsu Wache.

Jetzt fühlt sich Mao von seinen Genossen betrogen. Leichtfertig hätten sie durch interne Querelen den Sieg verspielt: »Ich habe ihnen vertraut. Parteichef Lee Teng-hui ist an unserer Niederlage schuld. Er muss sofort zurücktreten.«

Trauer, Wut, Angst vor der Zukunft - für ergraute Kämpen wie Mao, die letzte Woche den Platz vor dem Osttor belagerten, ist mit der bitteren Niederlage der Kuomintang (23 Prozent) bei den Präsidentschaftswahlen am 18. März eine Welt zusammengebrochen. Der Sieg Chen Shui-bians, 49, von der Demokratischen Fortschrittspartei besiegelt nicht nur das Ende ihrer 50-jährigen Alleinherrschaft. Zum ersten Mal werden die 22 Millionen Taiwaner auch von Politikern regiert werden, die den - wenn auch noch so fernen - Traum von einem vereinigten großen China nicht träumen.

Wie Pekings Kommunisten, die Taiwan als Provinz betrachten, strebte auch die KMT die Wiedervereinigung an - seit einigen Jahren freilich unter demokratischen Vorzeichen. Doch Taipehs früherer Bürgermeister Chen und seine Anhänger gehören zu einer neuen Generation von Politikern, die keine emotionalen Bindungen zum Festland haben. Für sie ist die Insel ein »souveräner und unabhängiger Staat«, ein Zusammenschluss mit der Volksrepublik erscheint ihnen absurd.

Was für den ehemaligen Soldaten Mao eine Tragödie ist, bedeutet für die Historikerin Chen einen »neuen Anfang«. Sie arbeitet nur unweit von der Kuomintang-Zentrale im »Museum des 28. Februar«, das an eine der dunkelsten Episoden der KMT-Herrschaft erinnert: 1947 hatten nationalistische Soldaten zehntausende von Taiwanern niedergemetzelt.

Für die ehemalige Geschichtslehrerin, die heute Besucher durch das Museum führt, war die KMT stets eine autoritäre und korrupte Organisation, die sowenig nach Taiwan gehörte wie ein Fisch auf einen Baum. »Sie haben uns, unsere Kultur und unsere Sprache als minderwertig empfunden«, sagt Frau Chen.

Jahrelang durften die Taiwaner ihren lokalen Dialekt nicht sprechen, selbst die taiwanische Nationalhymne ist ein altes KMT-Kampflied. Die taiwanische Gesellschaft gestalteten die neuen Herren ganz nach ihrer alten Heimat. Sie benannten Taipehs Straßen nach den Städten und Provinzen des Festlands. In der KMT-Zentrale hängt noch heute kein einziges Rollbild mit einer Landschaft Taiwans.

Die Kinder lernen mehr über die Terrakotta-Armee bei Xian als über die Vergangenheit ihrer Insel. Der Rockmusiker und Wirtschaftsstudent Freddy Lin: »Wir kennen die Längen- und Breitengrade von Peking, lernen aber nicht, dass unsere Stadt Taitung südlich von Hualien liegt.«

Der neu gewählte Präsident hat Taiwanern wie Frau Chen und Lin einen großen Teil seines Erfolgs zu verdanken. Es ist vor allem die Jugend, die sich von Chen erhofft, er werde Taiwan zu mehr Eigenständigkeit und seinen Bürgern zu mehr Nationalbewusstsein verhelfen. »Die Menschen unterstützen uns, weil wir Taiwaner sind«, sagt die designierte Vizepräsidentin Annette Lu.

Meinungsumfragen zeigen, dass sich die Mehrheit der Bürger unter 35 Jahren vor allem als Taiwaner und erst dann als Chinesen verstehen. »In meinen Traditionen bin ich Chinesin«, sagt zum Beispiel die Wirtschaftsexpertin Lai Xin-yuan. »Ich folge der Lehre von Konfuzius, beuge mich auch dem Willen meines Vaters. Aber politisch bin ich Taiwanerin, ich habe mit dem Festland nicht das Geringste zu tun.«

Musiker Lin findet deshalb, Chen solle die Unabhängigkeit der Insel lieber heute als morgen erklären. Doch der übte sich letzte Woche in Konzilianz. Um nicht die Pekinger Genossen zu noch lauterem Säbelgerassel als vor den Wahlen zu provozieren, schlug er einen »Friedensgipfel« mit dem Festland vor. Zudem kündigte er an, die Taiwaner dürften bald direkt mit dem Festland handeln, was die KMT bislang verboten hatte. Schiffe sollen fortan nicht mehr in Macau oder Hongkong teure Zwischenstopps machen, Kaufleute und Touristen auf dem Weg nach China nicht mehr umsteigen müssen.

Um China nicht herauszufordern, vermied Chen sowohl die von dem scheidenden Präsidenten Lee Teng-hui geprägte Formel von den »besonderen Staat-zu-Staat-Beziehungen« als auch das heikle Wort »Unabhängigkeit«.

»Chen braucht gar nicht von Unabhängigkeit zu reden«, sagt Antonio Chiang, Herausgeber der englischsprachigen »Taipei Times«. »Die Realitäten sprechen für sich selbst. Wir sind doch längst ein unabhängiger Staat.«

Chen weiß, dass er sich auf schwierige Zeiten einrichten muss: Vor den Wahlen hatte die KP mit militärischen Aktionen gedroht, falls sich die Insulaner weiterhin weigerten, über die Wiedervereinigung zu verhandeln. Letzte Woche wiederholte KP-Chef Jiang Zemin Pekings Vorbedingung für Gespräche: Chen müsse die von Deng Xiaoping geprägte Formel »Ein Land, zwei Systeme« anerkennen.

Das ist für ihn eine inakzeptable Forderung. »Damit würden wir ja hinnehmen, dass wir nur eine Provinz der Volksrepublik sind«, sagt Publizist Chiang. »Sie stellen uns eine Falle und sagen: ,Bitte tappt hinein'.«

Für radikalere Chinesen war die Wahl des »Separatisten« Chen bereits Grund genug, sich zum Gefecht zu rüsten. In Chongqing demonstrierten Studenten mit Parolen wie »Kämpfen wir auf Taiwan!« für die »Verteidigung der Einheit unseres Mutterlandes«.

Der Chef des unabhängigen Chinesischen Rates für Fortgeschrittene Politikstudien in Taipeh, Andrew Yang, hält die Wahl Chens deshalb für »gefährlich«. Wenn er sich nicht bald deutlich vom Prinzip eines unabhängigen Taiwan absetze, sei das Risiko eines militärischen Konflikts groß, meint er. Nur ein paar präzise Raketenschläge gegen Flughäfen, Kasernen und Radaranlagen würden »Chaos und Panik« auslösen und Taipeh an den Verhandlungstisch zwingen.

Doch das werde niemals geschehen, glaubt Heavy-Metal-Rocker Freddy: »Je mehr Druck, desto mehr entfernen wir uns vom Festland.« Aus Protest gegen die Drohgebärden des »faschistischen« China organisierte er jüngst im Restaurant »Zeitgeist« in Taipeh ein Konzert. Motto: »Wir lassen uns von China nicht schlucken.« ANDREAS LORENZ

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