SPORTFERNSEHEN »Flaschen mit Köpfchen«
Den Wert eines Sportreporters erkennt man auch an dessen Spitznamen: je schlichter, umso beliebter. Waldemar Hartmann, 52, kann sich über mangelnden Zuspruch aus der Bevölkerung nicht beklagen.
Denn »Waldi«, ungekrönter Duz-König von Uwe (Seeler), Mehmet (Scholl) und wie die alten und jungen Spieler alle heißen, darf auch bei dieser Fußball-Europameisterschaft dahin gehen, wo es weh tut: ins Lager der deutschen Nationalmannschaft nach Vaals, wo er dann »den Loddar« (Matthäus) fragt, »wia's jetzt bei dir ausschaut«. Mit der Muskulatur und überhaupt.
Es schaut nicht gut aus, aber »Waldi«, der nonchalante Hausmeister des deutschen Teams, wird es schon richten. Nicht sehr kritisch, aber immer am Mann. »Waldi«, der mediale Platzwart. Der Abräumer im defensiven Mittelfeld der ARD-Riege.
Das ist immer noch ehrenvoller, als dauernd in Cafés herumsitzen zu müssen wie sein ZDF-Kollege Dieter Kürten, der dort Giovanni »Flasche leer« Trapattoni fragt: »Ist Italien ein Favorit?« Und Trapattoni antwortet: »Die Konditionä, die sie alle hatte, ein bissä ein Probläma geabt.«
Das muss jene Garnierung sein, von der Hartmann ("Ich bin Purist, wenn's um Fußballberichterstattung geht") eher abfällig spricht, als sei sie lediglich die Petersilie im Spanferkel der EM.
»Der Ball ist nach wie vor rund«, was so viel heißen soll wie: Das Spiel findet auf dem Rasen statt und dauert 90 Minuten. Ende der Durchsage. Doch weil zwei Halbzeiten längst nicht mehr reichen, um Marktanteile zu erobern, dekorieren die TV-Verantwortlichen das Fußballspektakel mit Analysen, Porträts und kantigen Expertenrunden, als sei der Globus nur noch ein Leder-Ei.
Beide Kanäle könnten allenfalls an der eigenen Programmflut ersticken, die ihnen seit vorvergangener Woche jedoch Traumquoten beschert. Allein die vergurkte EM-Premiere der deutschen Elf gegen Rumänien sahen bis zu 17 Millionen Zuschauer.
Endlich können die beiden öffentlichrechtlichen Anstalten mal wieder zeigen, dass es sie noch gibt, gegen all die Murdochs, Kirchs und sonstigen Fußballrechtekäufer dieser Welt.
Für den Schnäppchenpreis von knapp 30 Millionen Mark bekam man von der European Broadcasting Union die Rechte für drei Wochen Kicker-Kick. Anders als bei der in zwei Jahren in Japan und Südkorea startenden WM haben die jetzigen Spiele in Belgien und den Niederlanden den Vorteil, live zur hiesigen Hauptsendezeit angepfiffen zu werden. Bei den Begegnungen, die um 18 Uhr beginnen, dürfen die Öffentlich-Rechtlichen Gewinn bringend Werbung schalten.
Deshalb sollen die 31 Live-Spiele nun auf knapp 100 Stunden Programm gestreckt werden. Dafür bekommt man zum Beispiel Reportagereißer wie die Geschichte der Lösch- und Ladekräne im Hafen von Rotterdam geboten oder Dieter Kürten, der da schon wieder im Café sitzt und Fußballwetten erklärt.
Über 550 Mann stark ist das Fernseh- und Hörfunkteam. Fußball ist Männersache, und so wurde Anne Will, das einzige weibliche »Sportschau«-Gesicht, zum Tennisgucken nach Paris geschickt.
Das ZDF hat sogar seinen eigenen Schiedsrichter mitgebracht: Er heißt »Epsis Graphics Virtual Imaging«, ist eine französische Software und malt neuerdings lustige virtuelle Kreise und Pfeile auf das Spielfeld, mit denen etwa die Freistoßentfernung auch den 20 Millionen Bundestrainern zu Hause vor der Glotze metergenau vermittelt wird.
»36 Meter von halb links«, witzelt ZDF-Reporter Johannes B. Kerner, »nach Berlin sind es 750 Kilometer.« Bei der nächsten WM kann der Computer wahrscheinlich auch die Tagesgage der Spieler auf die Trikots krakeln. Die optischen Entfernungsmesser sind so beliebt, dass das ZDF auch darüber bereits einen Film zeigte.
Wem das alles noch nicht reicht, dem bietet das Zweite gleich 16 Experten (siehe Seite 106) - zu jeder Euro-Mannschaft einen. Für Rumänien zum Beispiel Ion Tiriac, der zwar nie aktiv Fußball gespielt hat, aber den rumänischen Akzent fehlerfrei beherrscht. Das reicht.
Branko Oblak wird danach als »Franz Beckenbauer Jugoslawiens« präsentiert. Mit Vergleichen haben sie es ohnehin. Einen spanischen Mittelfeldspieler nennen sie »den Matthäus Spaniens«. Und die Norweger sind »die Brasilianer Skandinaviens«, obwohl tags davor noch die Portugiesen als Brasilianer Europas gefeiert wurden. Vielleicht sind die Deutschen bald die Österreicher des Festland-Fußballs. Jedenfalls ist Heribert Faßbender momentan der Erich Ribbeck des TV-Teams - also nicht viel.
Offiziell koordiniert Alt-Star Faßbender die Arbeit von ARD und ZDF, die jeweils eifersüchtig darüber wachen, dass die gegnerische Anstalt nur ja keine Sendeminute oder Spitzenbegegnung zu viel bekommt. Inoffiziell ist er ein Grüß-Gott-August, der nicht mehr im Kommentatoren-Sturm steht.
Faßbender im Hintergrund? Das ist wie »Icke« Hässler auf der Ersatzbank, und so heulte nicht nur die »Woche« auf: »Uns geht es wie Kindern, wenn ihr erster Hamster stirbt.« Wer aber soll bei der ARD Faßbenders verbale Bananenflanken ersetzen?
Aus der Tiefe des sinnfreien Raums rauscht der Flügelflitzer Wilfried Mohren heran, schon jetzt unvergessen im Spiel Türkei - Italien: »Nach 7:1-Ecken in der Anfangsphase krabbeln sich die Türken so langsam frei.« Aber sonst? Im vorgezogenen Mittelfeld wartet Gerhard Delling, braver Allzweck-Smartie der ARD. Ihm zur Seite: Günter Netzer, der Delling die frechen Steilvorlagen liefern soll. Bislang sitzen die beiden TV-Spielmacher einander eher ratlos gegenüber. Als es um Holland gegen Tschechien ging, wirkte das Fernsehduett wie Lolek und Bolek beim Torwandschießen:
Delling: »Wussten Sie, dass beide Mannschaften 13-mal gegeneinander gespielt haben und dreimal nur die Niederländer gewonnen haben?«
Netzer: »Da haben Sie mir wieder mal was beigebracht.«
Delling: (lacht) »Ja, das mach ich ja gern.«
Den beiden ist dank derartiger Dialoge zumindest der Spott mancher ARD-Kollegen sicher. Für mannschaftsinterne Eifersüchteleien ist gesorgt, zumal zwei Ex-Legionäre hoch gehandelt werden. Das Sturmspitzenduell bestreiten Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner, die einst gemeinsam »ran« bei Sat 1 aufbauten und sich dann mehr oder weniger reumütig in den Schoß des öffentlich-rechtlichen Kaders zurückfallen ließen.
Mittlerweile hat Beckmann bei der ARD und Kerner beim ZDF eine eigene Talkshow. Beide sind weder Freunde noch Quotenstars geworden, aber dafür bei der EM omnipräsent.
Beckmann sei »imprägniert vom Sportaroma«, sagt NDR-Programmdirektor Jürgen Kellermeier und räumte ihm einen der begehrten Reporterposten frei. Aber wird Beckmann schon von irgendjemandem »Becki« genannt?
Immerhin: Gerd »Rubi« Rubenbauer soll das Endspiel moderieren. Der Ex-Skilehrer bürgt für bajuwarischen Stammtisch-Frohsinn, während Beckmanns karger »Also, ich sach mal«-Charme noch ins Abseits sendet.
Überhaupt scheint sich die jüngere Sportreportergeneration eher in ängstlicher Psychologentradition zu sehen. Allen voran: Michael »Wie fühlen Sie sich?« Steinbrecher, der seinem Ruf als ewiges Jungtalent nur noch dank lockig-langer Haarpracht gerecht wird. Gemeinsam mit Wolf-Dieter Poschmann führt er im ZDF-Team moderierend Regie. Nach dem 3:3-Zauber Sloweniens gegen Jugoslawien war Steinbrecher so hibbelig, dass ihm zunächst nur einfiel: »So platt das ist: Das ist Fußball.«
Steinbrecher und seine »Experten« hocken im Stadion-Studio auf Barhockern wie Gockel auf der Stange. Atemlos kommen dann noch Béla Réthy oder Thomas Wark von ihren Reporterplätzen auf der Tribüne angerannt, um zu erwähnen, dass der Weg Kondition verlangt. Ausdauer fehlt Wark mitunter beim Spiel, das er gern mit einer Schweigeminute kommentiert, die aber nicht weiter auffällt.
Wenn ihm doch mal ein gerader Satz rausrutscht, dann zum Beispiel: »Das ist typisch für einen Mittelstürmer, wie es ihn gerade wieder in die Mitte gedrängt hat.«
So platt das ist, das ist Wark, der es aber auch nicht leicht hat. Erstens muss er dauernd zwischen Studio und Tribüne hin- und herrennen. Zweitens haben die Fachleute bis zum Anpfiff jeden Muskelfaseranriss in den englischen Defensivspitzen von 1968 in Grund und Boden analysiert.
ZDF-Taktik scheint zu sein, die eigenen Reporterspitzen vor jedem Spiel konsequent totzuquatschen, bevor wieder zu Kürten ins Café geschaltet wird: »Dieter, kannst du uns hören?«
Lustig wird es höchstens, wenn beim »Teamcheck« den Spaniern attestiert wird: »Die komplette Abwehr kann wieder aufrecht laufen.« Apropos Ausfälle: Das ZDF muss auf den Einsatz von Rolf Töpperwien verzichten. »Töppi« beendete Experimente mit Stroh-Rum und offenem Feuer auf der Intensivstation. Der Rasen-Profi hatte sich nach einer langen Nacht mit Halbweltprominenz selbst flambiert und darf nur zuschauen. Die Zeiten seien vorbei, sagt einer seiner Kanalkollegen, »als man 90 Minuten drauflosplapperte und danach unter Absingen der Nationalhymne mit den Spielern im Puff verschwand«. Heute sei Information gefragt.
Und so saß zum Beispiel ZDF-Mann Kerner schon vor dem Vorbereitungsspiel der deutschen Mannschaft gegen Tschechien zwei Tage lang von morgens bis abends im Hotel und paukte Fakten. Sein einziges Rotlicht: das der Kamera.
Sehr unterhaltsam ist das nicht, doch die komödiantischen Einlagen können Kerner & Co. getrost DFB-Teamchef Ribbeck überlassen, der nach interner Spielerkritik an seiner Matthäus-Passion kundtat: »Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv. Wenn sie subjektiv sind, würde ich an meiner objektiven ...« und so weiter. Wir haben ja hier auch nicht ewig Zeit.
Wenn man ARD und ZDF überhaupt einen echten Vorwurf machen kann, dann den, dass sie die deutsche Elf noch ernst nehmen, die in der Telekom- und Bitburger-Werbung bislang ihre originellsten Auftritte hatte.
Danach kam gleich die Schnapsreklame: »Flaschen mit Köpfchen«. Aber das hatte sicher nichts mit Co-Trainer Horst Hrubesch zu tun, der ernst erklärte, das Spiel noch mal »Paroli laufen« zu lassen.
Ganz objektiv: »Waldi« - fass! Und dann ab durch die Mitte zu Dieters Café-Satz, brasilianischen Skandinaviern Paroli laufen.