Fliegender Handschuh - DER SPIEGEL
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POLIZEI Fliegender Handschuh

Über zusätzliche Polizeiwaffen, die Gewalttäter stoppen, aber nicht verletzen sollen, beraten in dieser Woche die Innenminister. Das Neueste: Plastikmunition.
• aus DER SPIEGEL 19/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn westdeutsche Polizisten gegen militante Demonstranten eingesetzt werden, fehlt ihnen häufig etwas: eine »polizeitypische Waffe«, wie Helmut Schirrmacher, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), das Defizit beschreibt, die »sicher und gezielt wirkt, aber bei der Wirkung die Verhältnismäßigkeit bewahrt« -- zweifellos »eine Wunderwaffe«.

Denn die Beamten sind ihren gewaltsamen Widersachern zwar häufig an Zahl, kaum aber in der Ausrüstungsvielfalt überlegen. Mit Plastikschilden, Schutzhelmen und Schlagstöcken wirken sie mitunter schwerfällig wie die Rittersleut''; ihre Gegner schleudern Erdklumpen, Pflastersteine und Molotow-Cocktails, schlagen mit Flaschen und Stangen oder katapultieren Sechskantmuttern auf die Uniformierten. Oft sehen sich Polizisten, so der Waffenexperte Heinz Josef Stammel, »in der Lage: Blutbad oder Ohnmacht«.

Nun soll die »breite Lücke« im Mittelstreckenbereich zwischen Gummiknüppel und tödlichen Geschossen, die Schirrmacher beklagt, geschlossen werden. Gefunden scheint die Waffe der Weisen, ein »wirksames Mittel«, wie ihr Erfinder, der Stuttgarter Ingenieur und waffentechnische Polizeiberater Siegfried F. Hübner rühmt, »mit dem die Polizei Gewaltdemonstranten endlich außer Steinwurf-Reichweite halten kann, ohne sie zu verletzen«.

Hübners dickes Ding ist zylinderförmig, vier Zentimeter stark, fünf Zentimeter lang und etwa 60 Gramm schwer. Eine Kunststoffhülle umschließt graue Plastikmasse, die mit weißen Körnern durchsetzt ist und bis zu einer Entfernung von 30 Metern knallhart treffen, aber niemanden ernstlich verletzen soll.

Prototypen der unscheinbaren Plastikpatronen sollen am Mittwoch dieser Woche von den Innenministern der Bundesländer begutachtet werden. Auf einer Sitzung in Bonn wollen die obersten Polizeichefs erörtern, wie sich Hausbesetzungen und Gewalt-Demos verhindern und bekämpfen lassen.

Strittig ist dabei vor allem die Frage, ob und wie das Waffenarsenal der westdeutschen Polizeistreitmacht ergänzt werden soll. Bereits Anfang März, nach gewalttätigen Ausschreitungen von Hausbesetzern und Kernkraftgegnern, hatte Bayerns Innenminister Gerold Tandler (CSU) die Einführung von Gummigeschossen gefordert.

Doch der Bayer stieß mit seinem Vorschlag bei Kollegen wie Polizisten auf Ablehnung. Denn Gummi-Schrotpatronen, wie sie beispielsweise bei den Züricher Krawallen verschossen wurden, haben zwar die gewünschte »mannstoppende Wirkung«, können aber auf kurze Distanz lebensgefährliche Verletzungen verursachen. GdP-Schirrmacher damals: »Der falsche Weg.«

Wo es mit der Polizeibewaffnung langgehen könnte, soll nun Hübners Plastikmunition aufzeigen, die er nach monatelanger Entwicklung und Erprobung gerade rechtzeitig zum Mai-Meeting der Innenminister fertigstellte. Denn ein Treffer der Projektile vom Mammutkaliber 40 Millimeter, die aus der für Spezialgeschosse konstruierten Pistole HK 69 A 1 des Oberndorfer Herstellers Heckler & Koch abgefeuert werden, soll die Nachteile von Gummigeschossen vermeiden.

Ein Schuß wirkt, wie der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Baden-Württemberg, Dietrich Siemann, erfreut beobachtete, »wie ein harter Schlag mit einem Boxhandschuh, der Schmerzen verursacht, aber nicht verletzt«.

Der »fliegende Boxhandschuh«, wie Polizisten die Anti-Riot-Munition

( Riot (engl.): Aufruhr. )

deshalb nennen, werde zwar beim Aufprall »ziemlich schmerzen« (Hübner), könne aber nicht aufsplittern und, da er kanten- und eckenlos ist, weder die Haut aufreißen noch gar Knochen brechen.

Die Wirkung auf Getroffene: Benommenheit, Gleichgewichtsverlust, Atemnot, leichte Prellungen, Magen- oder Muskelschmerzen, nicht ganz ausgeschlossen seien, so der Erfinder, geschwollene Lippen und blaue Augen -wie im Boxring.

Die Pufferkörner in der Geschoßmasse, deren Konsistenz Hübners Geheimnis ist, federn die Patronen, die sich beim Aufprall geringfügig verformen können, im Ziel weich ab. Und »die Energie«, versichert der Polizeiberater, der schon mehrfach mit Neuerungen auf dem Waffen- und Munitionssektor erfolgreich war, »ist auf drei Meter nicht viel größer als auf 30 S.131 Meter« -- das hieße: keine ernsthaften Verletzungen auch im Nahbereich, kein Wirkungsverlust auf weite Distanz.

Nach Meinung von Medizinern, die den Pralleffekt der Weichmunition bereits untersucht haben, könnte die Trefferwucht durch Veränderung der Treibladung sogar noch gefahrlos erhöht werden, aber auch Verminderung ist technisch möglich. »Der Grad der beabsichtigten schmerzhaften Warnung oder Abwehr« (Hübner) kann je nach Polizei-Kalkül dosiert werden.

Während Experten des Hamburger Innensenators die Neuentwicklung eher skeptisch beurteilen und erst mal Knie-, Schienbein- und Hodenschutz für die Beamten bevorzugen, drängen Polizisten anderer Länder ihre Fachminister mit einem gewichtigen Argument zur schnellen Entscheidung für Hübners Plastikpatronen.

»Wer es ablehnt, die Lücke zwischen Schlagstock und Schußwaffe zu schließen«, so etwa der baden-württembergische GdP-Vorsitzende Siemann, »trägt die Mitverantwortung dafür, wenn Polizeibeamte in Notwehr scharf schießen.«

S.129Riot (engl.): Aufruhr.*

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