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DDR / REVISIONISMUS Fließt ein

• aus DER SPIEGEL 45/1968
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Den Chef der ostdeutschen Einheitspartei quält Sorge um die Einheit der Partei.

Denn Walter Ulbricht, »Held der Sowjet-Union«, hat offenkundig Angst, der böhmische Bazillus könne trotz Panzer und Bannfluch Moskaus Musterknaben infizieren. Wann immer der DDR-Regent in den letzten Wochen ans Katheder trat, warnte er vor dem Prager Kontaktgift -- fünfmal allein zwischen dem 12. und dem 23. Oktober.

Als Staatsratsvorsitzender befahl er die Intellektuellen zum Appell und sprach »offen": »Die ideologische Koexistenz ist nichts anderes als ein Werkzeug des psychologischen Krieges des westlichen Monopolkapitals.«

Als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrats ermahnte er die Generalstäbler der Dresdner Militärakademie »Friedrich Engels« zur »Geschlossenheit und Organisiertheit« gegen den inneren und äußeren Feind.

Als »Freund und Förderer der Jugend« vergatterte er seine Staatsjugend: »Es kann niemals einen Burgfrieden mit der bürgerlichen Ideologie und anderen reaktionären Ideologien geben.«

Als Namenspatron der Potsdam-Babelsberger Juristen-Anstalt »Walter Ulbricht« redete er den Rechtswahrern ins Gewissen. »Das schleichende Gift der bürgerlichen Ideologie richtet sieh vor allem gegen die marxistisch-leninistische Partei.«

Und als Erster Sekretär der SED schließlich beklagte er sich vor seinem Zentralkomitee: »Der Gegner wendet im Kampf gegen die Deutsche Demokratische Republik immer raffiniertere Methoden an.«

Im Politbüro der SED fanden Ulbrichts Sorgen, wie stets« volles Verständnis. Die Genossen teilten die Chef-Meinung·. »Auch in der CSSR fing es mit Revisionismus an.« Und damit es ihnen nicht ergehe wie dem Genossen Novotny und seinen Freunden« befanden die Parteilinien-Richter: »Der Kampf gegen den Revisionismus ist die ideologische Hauptaufgabe.« Ihren Flurwächtern im Staats- wie Parteiapparat erteilten sie Order, alle Abweichler schnellstens zu disziplinieren.

Und seither suchen die Partei-Inquisitoren landauf, landab nach politischer Konterbande.

Im Potsdamer Hans-Otto-Theater entdeckten die Späher in der gerade uraufgeführten »Nausikaa«-Version des Ost-Berliner Lyrikers Karl Mickel statt »Volkstümlichkeit« ideologische »Verworrenheit«. Auch mißfiel ihnen »die zotig-brutale Sprache« des Autors, »wofür in unserer sozialistischen Kunst kein Platz sein sollte«.

Professor Wolfgang Heinz, Intendant des »Deutschen Theaters« in Ost-Berlin, kam an den Partei-Pranger. weil er Goethes »Faust« als einen »in der Beschränktheit kleinbürgerlicher Horizonte verzweifelnden und hysterisch rebellierenden Intellektuellen« (DDR-Kulturminister Klaus Gysi) auf die Bühne brachte.

Heinz verstieß damit gegen die vom Partei-Anzeigei« »Neues Deutschland« verbreitete Interpretation, nach der Goethes »Faust« -- stets zitierte Leitgestalt des »höchsten Repräsentanten des ersten sozialistischen Staates deutscher Nation« -- ein »Tatmensch« zu sein hat, der »auf unserer heimatlichen Erde zu Hause ist«.

Und weil ein »Faust«, dessen »Größe im rebellischen Ausbruch liegt« ("Neues Deutschland"), den Staat gefährden könnte« setzten die Parteizensoren die Heinz-Inszenierung kurzerhand ab. Sie appellierten an den »umdenkbereiten Verstand« des Reinhardt-Sachwalters und verlangten von ihm die Rückkehr zur DDR-Tradition.

Doch nicht nur auf den Bühnen der Republik machten Ulbrichts Revisionisten-Riecher Revision. Sie durchforsteten die Bücher und Aufsätze ihrer bislang liebsten Leute, der Wirtschafts- und Gesellschafts-Wissenschaftler, und fanden auch dort abartiges Gedankengut.

So bezichtigte Politbüromitglied und Wirtschaftspapst Dr. Günter Mittag den renommierten Ost-Berliner Okonomie-Professors Gunther Kohlmey der Nachbarschaft »zur bürgerlichen Ökonomie in Westdeutschland«. Kohlmey hatte von den DDR-Betrieben »marktkonformes Verhalten« verlangt und in einer Rang-Liste der ökonomischen Triebkräfte die »führende Kraft der Partei« erst an letzter Stelle genannt.

Den Soziologen kreidete das Politbüro den »fehlenden Klassenstandpunkt« an. Diese Gesellschaftstheoretiker, räsonierte Mittag, »entnehmen ihre Begriffe fast ausschließlich dem Arsenal der bürgerlichen Soziologie«, und das erleichtere »das Eindringen revisionistischer Auffassungen«. Denn, so Mittag auf parteichinesisch: Mit diesen Begriffen »fließt auch der gegnerische Inhalt in die Arbeiten ein«.

Für einige Partei-Patienten freilich kam diese ideologische Schutzimpfung zu spät. Sie sitzen, von Staatsanwälten betreut, schon seit Monaten in der Isolierstation.

Es sind an die hundert junge Leute, die in den Tagen nach dem 21. August mit Flugblättern und Losungen in Gera und Weimar, in Erfurt und Ost-Berlin gegen die Sowjet-Invasion in der CSSR demonstrierten. Und es sind fast durchweg Söhne und Töchter einst oder noch immer prominenter Genossen.

Daß die Söhne Frank, 19, und Florian, 16, des Parteifeindes Robert Havemann unter den »Dubcek«-Schreiern sind, mochte den Sittenwächtern der SED noch ins Klassenfeind-Konzept passen. Aber daß auch die Tochter Erika-Dorothea, 18, des Star-Ideologen Lothar Berthold und der Sohn Thomas, 23, des Minister-Stellvertreters Horst Brasch für Dubcek und gegen Ulbricht auf die Straße gingen, brachte die Partei-Aufseher in Verlegenheit.

Und als sie Ende Oktober durch das Ost-Berliner Stadtgericht die Jung-Prominenz »wegen staatsfeindlicher Hetze« aburteilen ließen sechs Angeklagte erhielten Strafen zwischen 15 und 27 Monaten Gefängnis -, mußten sie in der Urteilsbegründung einen ideologischen Salto mortale vorführen.

Noch am 18. Oktober hatte der Staatsrat frohgemut verkündet: »Die Außenposten des Revisionismus in der DDR, Robert Havemann und (der Bänkelsänger) Wolf Biermann, wurden politisch geistig geschlagen und damit isoliert.«

Nur elf Tage später, am 29. Oktober, aber bekannten die Parteirichter: »Zu ihrer gegen die sozialistische Ordnung in der DDR gerichteten Haltung wurden die Angeklagten von Robert Havemann und Wolf Biermann systematisch inspiriert.«

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