AGENTEN Flirt am Strand
Pflichtgemäß meldete die Geheimnisträgerin ihr Ferienziel im Osten den Vorgesetzten: Dagmar Kahlig-Scheffler, 30jährige Sekretärin in der Auslandsabteilung des Bonner Kanzleramts, hatte den letzten Sommerurlaub am Schwarzen Meer gebucht.
Doch was die attraktive Blondine am Sonnenstrand 1976 erlebte, verschwieg sie -- bis zu ihrer Verhaftung am 4. Mai in Bonn.
Erst jetzt, fast ein Jahr nach der Schwarzmeerfahrt, beichtete die Schreibdame den westdeutschen Staatsschützern ihr Abenteuer und seine Folgen: Am Strand hatte die geschiedene, lebenslustige Frau einen netten jungen Mann kennengelernt und nach eigenem Geständnis »heftig mit ihm geflirtet«.
Dabei blieb es nicht. Denn als Beamte der Sicherungsgruppe Bonn vorletzte Woche in Düsseldorf die Wohnung des angeblich englischen Staatsbürgers Anthony Roge und seiner Ehefrau Jutta filzten, fanden sie vertrauliche Papiere aus der Bonner Regierungszentrale, darunter auch einen Vermerk über ein Vier-Augen-Gespräch von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem britischen Premier James Callaghan.
Die Staatsschützer brauchten nicht lange zu rätseln, woher die Unterlagen kamen: Sie hatten das Düsseldorfer Ehepaar schon längere Zeit observiert und dabei auch dessen Bekanntschaft mit der Kanzleramtssekretärin registriert.
Dagmars netter junger Freund, der Strandläufer vom Schwarzen Meer, so ließ sich nachträglich rekonstruieren, war offensichtlich ein DDR-Agent, der im Auftrag seines Chefs, Generalleutnant Markus ("Mischa") Wolf, die Ansprechbarkeit westdeutscher Touristen testen sollte und seiner Zentrale in Ost-Berlin prompt den heißen Tip mit der Adresse der schönen Bonnerin geliefert hatte.
Von dort, so ermittelten jetzt die westdeutschen Geheimdienstier, ging der Auftrag an die beiden in Düsseldorf wohnenden Spionageprofis, die anlehnungsbedürftige Frau in ihr Geschäft einzuspannen.
Was die Ost-Berliner Drahtzieher nicht wußten: Ihre Düsseldorfer Residenten standen schon längst auf der Verdachtsliste des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz. Bei ihrer systematischen Überprüfung der Meldekarteien per Computer waren den Agentenjägern etliche Ungereimtheiten in den Daten eines Mannes namens Anthony Roge aufgefallen, der angeblich am 10. November 1952 im englischen Stratford geboren wurde und bis zu seinem Umzug nach Düsseldorf am 18. Juli 1973 in Leeds gewohnt hatte.
Doch noch fehlten die Beweise. Erst als Mr. und Mrs. Roge für den 6. Mai einen Flug nach Berlin buchten, entschloß sich die Abwehr, zu handeln -- zwei Tage vor der geplanten Abreise der beiden. Die Wohnungsdurchsuchung bestätigte, wie berechtigt der Verdacht war: Der Name der Eheleute war genauso falsch wie ihr Lebenslauf.
Anthony und Jutta entpuppten sich als Peter Goslar und Gudrun Schlimper, beide aus der DDR. Neben den üblichen Spionageutensilien fanden die Häscher auch höchst aktuelle Papiere aus dem Bonner Kanzleramt: Akten zur Vorbereitung des Weltwirtschaftsgipfels, der am folgenden Wochenende (7./8. Mai) in London stattfand. Das Material konnte nur von Frau Kahlig-Scheffler stammen; sie wurde sofort in Bonn festgenommen.
Die neue Spionageaffäre offenbarte eine Lücke im Bonner Sicherheitssystem. Als Dagmar Kahlig-Scheffier vor ihrem Eintritt ins Kanzleramt die nach dem Fall Guillaume verschärfte Sicherheitsprüfung passierte, stand sie noch nicht im Dienst der DDR. Die nächste routinemäßige Kontrolle aber wäre frühestens 1978 fällig gewesen.
Die erste Durchleuchtung bestand die Sekretärin mit Bravour: Weder die zehnwöchige Lebenslaufkontrolle und Karteiüberprüfung noch die achtwöchigen Recherchen bei Bekannten, Nachbarn und früheren Arbeitskollegen erbrachten Negatives. Sie hatte keine Verwandten in der DDR und führte einen ordentlichen Lebenswandel. Ein Geheimdienstler: »Wir hätten sie sogar bei uns eingestellt.«