SÜDAFRIKA Fluch der Jungen
Ihre Stelle als Arzthelferin hatte sie verloren, ein neuer Job war nirgends zu finden. Um die Leere in ihrem Leben zu füllen, wünschte sich Enthea Mashabane, die ihren wahren Namen lieber verschweigen möchte, ein Kind. Das war vor drei Jahren.
Im letzten November hat die heute 26-Jährige erfahren, dass der Preis für den im Oktober 1998 geborenen Jungen ihr baldiger Tod sein wird. Frau Mashabane ist HIV-positiv.
Der Vater des Kleinen hat die junge Frau mit dem Aids-Virus angesteckt. Ob auch ihr Sohn infiziert ist, weiß sie nicht; sie hat ihn nie testen lassen. Nur eines ist gewiss: Falls er gesund sein sollte, so wird er noch vor seinem Abgang von der Grundschule verwaisen. Sein Erzeuger, ein 29-jähriger Gerichtsübersetzer, der die Schwangere im siebten Monat sitzen ließ, ist längst todkrank. Und auch zwischen Entheas Brüsten hat sich bereits Hautkrebs gebildet.
Die Ärzte werden Frau Mashabane nicht helfen können, denn sie ist schwarz und mittellos. Sie lebt in einem Township, dessen Straßen bis heute nicht gepflastert sind - obwohl rundum eins der größten Goldvorkommen der Welt abgebaut wird. Der Ort heißt Khutsong, beherbergt etwa 300 000 Menschen und ist auf keiner Karte zu finden. Offiziell gilt er als Teil von Carletonville, einer vornehmlich von Weißen bewohnten Bergwerksstadt 75 Kilometer südwestlich der südafrikanischen Metropole Johannesburg. Tatsächlich jedoch koexistieren im Schatten der gelb glitzernden Abraumhalden zwei Welten.
In den kalten Winternächten hängt beißender Rauch über den bescheidenen Reihenhäusern der Schwarzensiedlung. Die Menschen verfeuern Holz. Kaum einer könnte hier die Stromrechnung für das Heizen mit Radiatoren zahlen. An den Kauf kostspieliger medizinischer Cocktails, die HIV-Infizierten in den Industriestaaten der westlichen Welt das Leben verlängern, ist gar nicht erst zu denken.
Wie die meisten Township-Bewohner ist Enthea Mashabane nicht krankenversichert. Die staatlichen Kliniken verweigern die Abgabe der lebensverlängernden Medikamente an Aids-Patienten. Die Mittel sind zu teuer, die Kranken zu zahlreich. HIV-positiven Afrikanern bleiben als Medizin nur Vitaminpillen und Gebete.
Vor 18 Jahren wurde die Immunschwächekrankheit erstmals bei einem Afrikaner diagnostiziert. Seither sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen allein im südlichen Afrika elf Millionen Menschen daran gestorben. Längst rafft die Seuche auf dem Schwarzen Kontinent mehr Menschen dahin als Malaria, Unterernährung oder Bürgerkriege. Und das große Sterben hat gerade erst begonnen.
Die Staaten südlich der Sahara beherbergen ein Zehntel der Weltbevölkerung, aber zwei Drittel aller HIV-Infizierten. Bis zum Jahr 2005 werden dort mehr Menschen an der Immunschwäche sterben, als im mittelalterlichen Europa der Pest erlagen. Die tötete vor allem die Kranken, Schwachen und Alten, 25 Millionen insgesamt. Aids in Afrika dagegen ist der Fluch der Jugend, der sexuell wie wirtschaftlich aktivsten Bevölkerungsgruppen, der jungen Mütter und Väter. Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes bahnt sich an in Ländern wie Simbabwe, Sambia, Botswana und Südafrika.
Das Land am Kap wurde als letztes von der Pandemie erfasst. Zunächst schien die Krankheit vor allem weiße Homosexuelle heimzusuchen. Das war Ende der achtziger Jahre, als noch die Buren herrschten. Die betrachteten die Seuche als gottgewollte Strafe für sexuelle Perversion; gesundheitspolitische Maßnahmen ergriffen sie nicht. Dann kam die Zeit des Umbruchs: In KwaZulu-Natal, der bevölkerungsreichsten Provinz des Landes, tobte ein Bürgerkrieg; rechtsradikale Weiße drohten mit dem Umsturz; die Schwarzen feierten die Befreiung ihres Helden, Nelson Mandela, aus 27jähriger Haft. Das Virus wurde vergessen.
Zehn Jahre später hat es mehr als ein Zehntel der Bevölkerung befallen. Und fast alle Opfer sind schwarz. Doch noch immer reagiert die politische Führung ratlos auf die Epidemie; Aufklärungskampagnen bleiben wirkungslos, Kondome verpönt. Kurz vor der 13. Welt-Aids-Konferenz, die vom 9. bis 14. Juli in der Hafenstadt Durban stattfinden wird, stiftete Staatschef Thabo Mbeki auch noch Unmut und Verwirrung: Er suchte das Gespräch mit Wissenschaftlern, welche die längst entkräftete These verfechten, Aids sei nicht die Folge einer HIV-Infektion, sondern die Konsequenz von Drogen- und Alkoholmissbrauch, Armut und Unterentwicklung.
Als das Rassistenregime der Buren 1994 abdanken musste, hätte das Land noch eine Chance gehabt, die Epidemie einzudämmen. Doch ein nationaler Aids-Plan scheiterte an Kompetenzgerangel, Misstrauen gegenüber weißen Experten und Mangel an politischem Führungswillen.
In seiner fünfjährigen Amtszeit widmete Mandela, der weltweit respektierte erste schwarze Präsident des Landes, dem Thema Aids weniger Zeit in der südafrikanischen Öffentlichkeit als PR-Treffen mit den Spice Girls, Naomi Campbell und Michael Jackson. Zwar hatten prominente Schwarzenführer schon 1990 gewarnt, Aids könne »die Verwirklichung unserer Träume ruinieren«; zwar hatte ein noch im Exil verfasstes Gesundheitspapier des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) eingeräumt, dass beinahe 60 000 Freiheitskämpfer infiziert sein könnten. Trotzdem wurde keiner der Rückkehrer getestet.
Und nur einmal, Ende 1998, machte Mandela Aids zum Gegenstand einer ausführlichen Rede - auf einem Wirtschaftsforum in der Schweiz. Da war bereits jede fünfte Wöchnerin Südafrikas HIV-positiv.
Inzwischen sind landesweit 22,4 Prozent aller Gebärenden infiziert; bei den unter 30-jährigen Frauen liegt die Durchseuchungsrate gar bei fast 26 Prozent. Dennoch wurde in keinem Jahr seit der Machtübernahme des ANC das staatliche Aids-Budget auch nur ausgeschöpft. Gleichzeitig verweigerte die Gesundheitsministerin Schwangeren »aus Kostengründen« das Mittel AZT, das die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung auf das Neugeborene um die Hälfte reduziert.
Jeder zweite südafrikanische Jugendliche werde an Aids sterben, prognostiziert eine Studie der Weltgesundheitsorganisation. Stündlich stecken sich 70 weitere Südafrikaner mit dem todbringenden Virus an. Und nirgends, glaubt der Seuchenforscher Brian Williams, 55, sei die Lage so schlimm wie in der Bergwerksstadt Carletonville. Denn der Goldabbau bietet die ideale Brutstätte für ein Virus, das beim Sexualakt übertragen wird. 70 000 einsame Männer leben in den Baracken der Minengesellschaften rund um die Kleinstadt und ihr schwarzes Township, Resultat einer zu Apartheidzeiten eingeführten Arbeitskräftebeschaffungspolitik. Das Gold liegt in Carletonville mehrere tausend Meter tief; kaum mehr als ein paar Gramm werden aus jeder Tonne Geröllmasse gewonnen. Damit sich der Abbau lohnte, mussten massenweise billige Wanderarbeiter an die Abbaustätten verfrachtet werden. Bis heute bekommen sie ihre Familien nur alle zwei bis drei Monate zu sehen. Den Rest des Jahres leben sie zusammengepfercht zu 14 Mann auf 45 Quadratmetern.
Da die Bergleute im Gegensatz zu der Mehrzahl der Männer im Vorort Khutsong, wo die Arzthelferin Mashabane lebt, über Einkommen verfügen, mangelt es nicht an jungen Mädchen und Frauen, die ihre Körper feilbieten: um das Schulgeld für jüngere Geschwister zu verdienen oder auch nur ein paar modische Kleider kaufen zu können. Und immer finden sich unter ihnen genug, die es auch »ohne« machen. Denn für Sex mit Kondom wollen viele der Minenarbeiter nicht zahlen. Ein Bonbon, sagen sie, vernasche man auch nicht mit Papier.
Die plötzliche Zunahme von Tuberkulosefällen bei Goldminenarbeitern machte den Epidemiologen Williams auf Carletonville aufmerksam. Binnen zehn Jahren hatte sich die Zahl der Schwindsüchtigen fast vervierfacht; die TB-Häufigkeit war hundertmal größer als in westlichen Industrienationen. Der Forscher wusste: Die Lungenerkrankung kommt oft im Gefolge einer HIV-Infektion. Tests bestätigten seinen Verdacht, jeder dritte Minenarbeiter war bereits HIV-infiziert, dazu 37 Prozent aller erwachsenen Frauen.
Völlig unvorbereitet aber traf den Forscher die Erkenntnis, in welchem Ausmaß die Jugend Khutsongs von der Seuche befallen ist: Bei den Mädchen stieg die Rate der HIV-Infektionen im Alter von 15 sprunghaft an; mit 20 war fast die Hälfte aller jungen Frauen HIV-positiv, mit 25 hatten sich 58 Prozent angesteckt. Bei den Männern erreichte die Durchseuchungsrate mit 32 Jahren ihren Höhepunkt; da hatten 45 Prozent das tödliche Virus im Blut.
Enthea Mashabane ahnte nichts von solcher Statistik, als sie ihrem Partner den Kinderwunsch vortrug. Das Paar hatte gewissenhaft Kondome benutzt - um zu verhüten, nicht aus Angst vor der Seuche. Vor der fühlte die junge Frau sich gefeit. Aids galt als Krankheit jener, die häufig den Partner wechseln. Sie hatte zwar schon eine Tochter mit einem anderen Mann, lebte aber bereits zwei Jahre mit ihrem neuen Freund zusammen. Der, so glaubte sie, meinte es so ernst mit ihr wie sie mit ihm.
Sie war zum Arzt gegangen, weil ein Juckreiz sie kaum noch schlafen ließ. So erfuhr sie das Testergebnis: HIV-positiv. Während er sie mahnte, sich gesund zu ernähren und optimistisch zu bleiben, dachte sie nur ans Sterben. »Ich wollte mich umbringen, mich und die Kinder«, sagt sie.
Dass sie bis heute nicht Hand an sich gelegt hat, verdankt sie dem Beistand von Familienangehörigen, einem Priester und einer Gruppe engagierter Bürger. Die hatten in der Goldgräberstadt und in Khutsong bereits ein Aids-Aktions-Komitee gegründet, als Südafrikas Politiker der Seuche kaum Aufmerksamkeit schenkten.
Krankenschwestern auf der Wöchnerinnenstation vom städtischen Krankenhaus in Carletonville waren durch Routine-Blutuntersuchungen auf die drohende Katastrophe aufmerksam geworden und schlugen Alarm. Sozialarbeiter, Gewerkschafter, Jugendvertreter, Priester, Ärzte und traditionelle Heiler schlossen sich dem Aktionsbündnis an. Aids drohte zwar ihr gesamtes Sozialgefüge zu zerstören. Doch die Bedrohung schweißte auch zusammen.
»Der Kampf, der uns bevorsteht, wird lang und hart sein«, sagt Yahya Nagdee, 49. Der praktische Arzt ist Mitglied des kommunalen Aids-Komitees. Er wirkt abgespannt und überarbeitet. All seinen Appellen zum Trotz, sagt er, nähmen die Teenagerschwangerschaften kaum ab. Selbst bei vielen, die eine rote Aids-Schleife am Revers tragen, fruchte die Aufklärung nicht - sie kommen mit Geschlechtskrankheiten in seine Praxis. Diese sind seit Jahren endemisch - nicht nur in Carletonville, in ganz Südafrika. Und sie steigern die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung um das 10- bis 20fache.
Nagdee war es, der Enthea Mashabane die schreckliche Mitteilung machen musste. Die gesamte Ärzteschaft des Orts könnte allein von der Behandlung von HIV-, Syphilis- und Tripperpatienten leben, sagt er. Und im Krankenhaus zeigten bereits 70 Prozent der Eingewiesenen Symptome einer Aids-Erkrankung. Wer wolle da als Mediziner nicht kapitulieren?
»Aber wir haben gar keine Wahl, als zu kämpfen«, sagt er. »Viele werden diesem Kampf noch erliegen, so wie auch viele im Widerstand gegen das Apartheidregime starben. Doch, andererseits, wer hätte früher denn gedacht, dass wir das stürzen können?«
Das Engagement des Aktionsbündnisses imponierte dem Epidemiologen Williams. Der Direktor des Seuchenforschungsinstituts von Johannesburg hatte mit Besorgnis das allgemeine nationale Verdrängen registriert. Und da der Staat untätig blieb, organisierte er selbst ausländische Gelder für ein Pilotprojekt in Carletonvilles Goldminen: Ein Team untersucht seit Anfang 1998 Sexualverhalten und Durchseuchungsraten in der Kommune, bildet Bergarbeiter und Prostituierte zu Agitatoren für Bewusstseins- und Verhaltenswandel aus; lässt Geschlechtskrankheiten rigoros behandeln.
Doch die größte Risikogruppe, die Jugend, blieb sich selbst überlassen. Denn bis vor einem Jahr ahnte niemand, wie schlimm es um sie stand. Die jungen Leute mieden Township-Kliniken.
Wer sich mit einer Genitalinfektion oder der Bitte um Kondome an eine der örtlichen Krankenschwestern wandte, handelte sich im besten Fall eine Moralpredigt ein. Im schlimmsten Fall erfuhren die Eltern vom Grund des Besuchs.
Wie in einer Dorfgemeinde bleibt auch in Khutsong wenig geheim, weil jeder jeden kennt. Und wie in jeder Gemeinde, die ihre konservativen Wertvorstellungen gegen den Zeitgeist zu verteidigen versucht, war Sex ein Thema, über das man, wenn überhaupt, nur verstohlen redete. Ein paar arbeitslose Jungbürger zogen schließlich ihre eigenen Konsequenzen, denn immer öfter hatten sie Altersgenossen zu begraben. Ohne nennenswerte Hilfe von außen richtete die Gruppe inzwischen ihre eigene Beratungs- und Fortbildungsstelle ein. Das jüngste Mitglied ist gerade 13 Jahre alt und klärt heute seine Schulkameraden über die Gefahren ungeschützten Geschlechtsverkehrs auf.
Der Vorsitzende ist ein ehemaliger politischer Aktivist mit abgeschlossenem Jurastudium, der keine Arbeit fand. »Ich hing einfach so herum, als ein Freund mich fragte, ob ich bei der Gründung eines Jugendgesundheitszentrums mitmachen wolle«, erzählt Kgapa Mabusela, 24. Und weil er es frustrierend fand, sein erworbenes Wissen nirgends nutzen zu können, willigte er ein.
Seither nimmt der Kampf gegen die Epidemie und die Diskriminierung ihrer Opfer einen ähnlich breiten Raum in Mabuselas Leben ein wie einst der Widerstand gegen die Rassentrennung. Damals, vor dem Machtwechsel, hatten die Sicherheitskräfte des Apartheidregimes ihn drei Monate lang festgesetzt und gefoltert, weil er einem oppositionellen Schulbeirat vorstand. Heute nutzt der Jurist sein in jahrelangem Studium erworbenes Organisationstalent und seine Redegewandtheit, um Jugendliche vor der Ansteckung mit dem Virus zu bewahren.
»Es ist cool, jungfräulich zu sein«, sagt er den Schülern und Schülerinnen, die sich nach dem Unterricht im Zentrum des »Jugendfreundlichen Dienstes von Khutsong« zusammenfinden, um sich als »peer group educators«, als Aufklärer für Gleichaltrige, ausbilden zu lassen. Und: »Benutzt euren Kopf, nicht euer Herz, bevor ihr miteinander schlaft. Das Herz ist dazu da zu pumpen, nicht zu denken.«
Mabusela möchte aufschrecken, ohne abzuschrecken, will Stereotypen in Frage stellen, um Verhaltensnormen zu durchbrechen. Anders ließe sich kein wirksamer Widerstand organisieren gegen den neuen Feind, sagt er. Denn der fährt nicht schwer bewaffnet in gepanzerten Fahrzeugen auf.
Damals hatte jeder mit gebrochenen Knochen und blutigen Striemen aus den Gefängnissen des Apartheidstaats entlassene Jugendliche seine Altersgenossen in dem Wunsch bestärkt, den Kampf gegen das verhasste Regime fortzusetzen. Viel schwieriger ist es heute, eine sorglose Generation gegen eine Krankheit zu mobilisieren, die wie ein Phantom um sich greift.
Nicht selten werden Mabusela und seine Mitstreiter als »Mr. und Mrs. Condom« verspottet, wenn sie, mit Kisten voller Kondome bewaffnet, in Bars, Slums oder entlegenen Farmarbeitersiedlungen Werbung für Gummis, aber auch für Partnertreue und Enthaltsamkeit machen. Nachdruck verleihen ihrem Feldzug gegen ungeschützten Geschlechtsverkehr Nahaufnahmen von Ausfluss, Pusteln und Geschwülsten an Penisschäften und Scheidenwänden.
In den Schulen scheint die Botschaft der Jugendgruppe allmählich zu greifen. Wandgemälde an Klassenzimmerwänden mahnen, Kondome immer zur Hand zu haben. Rollenspiele dramatisieren das Thema. Ohne Hemmungen diskutieren Teenager alternative Liebesspiele und Masturbation. Selbstbewusst erklären selbst junge Mädchen, dass sie ihrem Freund lieber den Laufpass gäben, als in Sex ohne Gummi einzuwilligen. Und nach und nach, erklären sie, würden zumindest die Mütter begreifen, dass dieses Thema nicht länger verschwiegen werden darf, wenn ihre Kinder überleben sollen.
Selbst Doktor Nagdee zeigt sich beeindruckt vom Bewusstseinsstand der Schüler und Schülerinnen. In Khutsong habe er bei den unter 20-Jährigen nur noch wenige Geschlechtskrankheiten zu behandeln.
Und noch eins haben die Jugendlichen und das Aids-Komitee mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit erreicht: Es herrscht keine Pogromstimmung im Ort gegen die Kranken. Das ist keine Selbstverständlichkeit in Südafrika.
In KwaZulu-Natal zum Beispiel, wo am nächsten Wochenende 10 000 Wissenschaftler und Regierungsmitglieder zusammentreffen, um »das Schweigen zu brechen«, erschlugen Dörfler noch vor anderthalb Jahren eine HIV-positive Aids-Aktivistin, weil sie sich öffentlich zu ihrer Erkrankung bekannt hatte. Khutsong hingegen verfügt inzwischen über ein Netz freiwilliger Helfer zur Versorgung von Aids-Patienten im Endstadium. Und während führende Politiker an »unerklärlichen Leiden« sterben, werden in Khutsong die meisten Aids-Tode nicht länger verschleiert.
Das heißt freilich nicht, dass die Einwohner des Townships aufgeklärter als ihre politische Führung wären. Sie gehen den von der Seuche Gezeichneten schlicht aus dem Weg. Wie eine Aussätzige werde sie selbst von ihren einst besten Freundinnen gemieden, erzählt Enthea Mashabane. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich das Virus längst auch ihrer Körper bemächtigt hat.
»Schmutzig und abscheulich«, sagt die Kranke, habe sie sich in den ersten Wochen und Monaten gefühlt, in denen sie lernen musste, mit ihrer Krankheit zu leben. Und je mehr es sie drängte, offen mit ihrer Infektion umzugehen, umso einsamer wurde sie. Bei der pensionierten Krankenschwester, die das Versorgungsnetz für die Bettlägerigen aufbaute, und bei Mabuselas Jugendgruppe hat sie endlich vorurteilsfreie Zuhörer gefunden.
In seinen Lehrstunden für angehende Sexualberater hält der arbeitslose Jurist immer auch im Namen jener leidenschaftliche Plädoyers, für die jede Aufklärung zu spät kommt. Denn schon in wenigen Jahren, so warnt er seine Zuhörer, werde so gut wie jede Familie am Ort ein Opfer der Seuche zu beklagen haben. BIRGIT SCHWARZ