Frauen als Beute - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 103 / 138

KRIEGSVERBRECHEN Frauen als Beute

Erstmals wird vor einem Uno-Tribunal Gewalt gegen Frauen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt.
Von Roland Schleicher
• aus DER SPIEGEL 13/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch im Internierungslager achteten die Bewacher auf strikte hierarchische Ordnung in den eigenen Reihen: Die Vorgesetzten nahmen sich jeden Abend die ganz jungen bosnischen Mädchen, 12 bis 15 Jahre alt.

Ihre Untergebenen hatten ihnen die Gefangenen über Tag herbeigeschafft - »zum Durchdrehen«, wie es im Jargon der Serben hieß. Für die Lieferung des Nachschubs durften sich die niederen Ränge dann an älteren Frauen vergreifen, an Müttern, Kriegswitwen und Schwangeren.

Ein richtiges Zwangsbordell richteten serbische Milizionäre 1992 im bosnischen Städtchen Foca ein, wo sie muslimische Frauen als Sex-Sklavinnen misshandelten. Nun müssen sich drei der Anführer vor Gericht verantworten - im ersten Verfahren, in dem das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag über Massenvergewaltigung als einem gezielten Mittel der Kriegführung urteilen will.

Laut Anklageschrift mit dem Aktenzeichen IT-96-23 sollen die Beschuldigten Dragoljub Kunarac, 39, Radomir Kovac, 38, und Zoran Vukovic, 34, die Gräuel in Foca systematisch geplant haben. In mindestens 50 Einzelfällen wird ihnen Folter, Vergewaltigung und Versklavung vorgeworfen. Werden die aus Foca stammenden Angeklagten schuldig gesprochen, droht ihnen Haft auf Lebenszeit.

Der Prozess ist ein Novum in der Rechtsgeschichte und ein gewagtes Unternehmen. Denn bislang war sexuelle Gewalt aus politischen Motiven kein Tatbestand des Völkerrechts und somit auch nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden. Frauen als Beute und Vergewaltigung als Waffe war bei den Vereinten Nationen lange nicht einmal ein Thema. Erst im Winter 1992 definierte die Uno-Menschenrechtskommission organisierte Gewalt gegen Frauen als Kriegsverbrechen - aufgeschreckt durch die täglichen Horrorberichte aus Bosnien.

Es war die ungewöhnliche Publizität und Politisierung durch die internationalen Medien, die in diesem Krieg den weiblichen Opfern zugute kam. Notwendig war aber auch die Zivilcourage der gedemütigten Frauen, die ihre eigene Scham überwanden und über das Geschehen sprachen - nicht erst Jahrzehnte später. Dass diese Offenheit mit den Tücken der Kriegspropaganda kollidierte, war unausweichlich.

So schätzte im Februar 1993 eine Arbeitsgruppe der Europäischen Gemeinschaft die Zahl der vergewaltigten Bosnierinnen auf 20 000. Viele von ihnen seien in Bordelle und Lager verschleppt und zwangsgeschwängert worden. Die Serben hätten einige dieser Opfer, so die Brüsseler Experten, so lange gefangen gehalten, bis eine Abtreibung unmöglich geworden sei. Das Kalkül: Mit dieser sadistischen Demütigung sollten die Frauen aus ihren Familien verstoßen und mit einer Schwangerschaft gebrandmarkt werden.

Kurz nach dieser Veröffentlichung nutzte das bosnische Innenministerium die antiserbischen Ressentiments im Westen mit eigener Zahlenakrobatik aus. Sarajevo sprach plötzlich von 60 000 Vergewaltigungsopfern, von denen 30 000 sogar als »Gebärmaschinen« zur Vermehrung des Serben-Volks in »Konzentrationslagern« eingesperrt seien.

Und um das Bild des serbischen Unmenschen abzurunden, brachte die bosnische Kriegsseite die Version in Umlauf, Belgrads Mordbrennerbanden schlitzten schwangeren Frauen die Bäuche auf und nagelten die Föten an Bäume - eine selbst von seriösen Westmedien übernommene Horrorgeschichte.

Sieben Jahre später steht das Uno-Tribunal vor der fast unlösbaren Aufgabe, aus all der Propaganda, den Schreckensberichten und Übertreibungen die Wahrheit herauszufiltern. Im Fall der Sex-Folterer aus Foca glauben die Ankläger ausreichend Beweismaterial zu besitzen, um die Existenz des Vergewaltigungslagers in der zentralbosnischen Stadt nachweisen zu können. Staatsanwalt Dirk Ryneveld nennt den Prozess gegen die drei Foca-Serben »den umfassendsten Fall von systematischer Massenvergewaltigung in Bosnien«.

In nüchternen Zahlen: Einen Monat lang, etwa vom 13. Juli bis 13. August 1992, wurden in der örtlichen Sporthalle »Partizan« mindestens 72 Frauen wie Sklavinnen gehalten. Sie lebten in ständiger Todesangst und wurden von ihren Schändern erniedrigt, »bis sie serbische Babys gebären würden«.

Andere wurden an Soldaten weiterverkauft. Darunter war laut Ryneveld auch ein zwölfjähriges Mädchen, für das der Angeklagte Kovac 200 Mark verlangt habe. Danach sei das Kind verschwunden.

Die Beschuldigten lieferten dem Uno-Aufklärer zufolge zwei Opfer für je 500 Mark nach Montenegro, wo sie nach Monaten Geiselhaft schließlich fliehen konnten. Eine der beiden Frauen soll im Zeugenstand aussagen, zu ihrem persönlichen Schutz hinter einer Milchglasscheibe und mit verzerrter Stimme.

Allem Anschein nach kann sich das Tribunal in Den Haag bislang nur auf Zeugenaussagen der Opfer stützen, die ihre Peiniger wieder erkannt haben. Das Geständnis eines beteiligten Soldaten, der als Kronzeuge auftreten könnte, gibt es nicht.

Die Angeklagten hatten schon im Vorfeld des Prozesses alle auf unschuldig plädiert. Ein serbischer Verteidiger höhnte öffentlich: »Ein Vergewaltigungslager in der Sporthalle von Foca? Das sind doch CIA-Märchen; dort haben meine Mandanten die ganze Zeit über nur Basketball gespielt.« ROLAND SCHLEICHER

Zur Ausgabe
Artikel 103 / 138