Freigabe
(Nr. 25/1973, Zeitgeschichte)
Nicht die Tatsache, daß die Dissertation Kurt Schumachers bisher nicht veröffentlicht und so gut wie unbekannt war, ist das eigentlich Interessante an Ihrer Berichterstattung, sondern die Frage: Wie kommt es, daß die SPD sie jetzt zum Druck freigibt was sie auch weiterhin leicht hätte verhindern können, nicht zuletzt unter Berufung auf den letzten Willen Schumachers selbst, den der damalige Parteivorsitzende Erich Ollenhauer in Briefen an Professor Plenge als Argument für die vom Parteivorstand nicht genehmigte Veröffentlichung ausdrücklich hervorhob (der schriftliche Nachlaß Plenges wurde von mir, in Übereinstimmung mit der Alleinerbin, der Universitäts-Bibliothek in Bielefeld übergeben). In der Einleitung zu dem von mir herausgegebenen Buch über Plenge, »Soziologie und Sozialismus, Organisation und Propaganda« (Enke Verlag 1967. Seite 7), heißt es: »Die Doktorarbeit Schumachers, »Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie', zeugt von einer gründlichen Auseinandersetzung mit Plenges Werk und den Schriften des Neu-Marxismus. Das Hin und Her um den Neudruck der Schumacherschen Dissertation nach 1950, der dann von der offiziellen Parteispitze unter Berufung auf einen Wunsch Schumachers nicht genehmigt wurde, zeigt, daß sich die SPD von bestimmten Schumacherschen Positionen distanzierte.« 1973 bleibt zu fragen, ob diese Aussage noch stimmt.
Neustadt (Rhld.-Pf.)
PROFESSOR DR. BERNHARD SCHÄFERS