FREIZEIT - DER SPIEGEL
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Briefe

FREIZEIT
• aus DER SPIEGEL 26/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

FREIZEIT

(Nr. 24/1969, Underground-Titel)

Die Untergrundbewegung ist der natürlichste Protest der Welt gegen jegliche markierte Autorität, gegen jedes Pseudo, gegen alles, was faul ist und als Parasit der Gemeinschaft ärgerniserregend wirken muß.

München DR. GUSTAV GROSSMANN

Kunst ist, was wir tun. Kultur ist, was man uns antut! Was aber ist das, was Sie Ihrem Leser mit dem Titelbild antun? Wäre es nicht besser, statt uns mit Hängebusen und Fettbäuchen zu traktieren, die Nackedeis den Illustrierten zu überlassen, die in der Auswahl schmucker Bienen offenbar wesentlich mehr Geschick haben als Sie? Oder wollen Sie gar, höchst raffiniert, die Menschen vor der Beschäftigung mit dem »Untergrund« auf diese Weise abschrecken? Welcher Aspekt: Regierung bekämpft Untergrund mit nackten Unschönen. Noch ein Verdacht: Das Bild wurde Ihnen -- zwecks Umsatzdämpfung -- vom Bayernkurier unter die Jacke gejubelt.

Steinebach (Bayern) WILLI MERKL

Das Titelphoto zum Beitrag »Anti-Gesellschaft im Untergrund« wird Ihnen vermutlicherweise seitens allzu prüder Leser einige Proteste einbringen. Ich bin nicht prüde, aber ich protestiere auch. Wenn Sie schon das Bild einer offenbar in aller Häuslichkeit so frisch ausgezogenen jungen Frau (man sieht's am Streifen, den das Gummiband des Höschens hinterlassen hat) veröffentlichen, dann bringen Sie es doch wenigstens etwas schärfer! Bei einem so netten Motiv am häuslichen Herd, dem doch ganz und gar nichts Obszönes anhaftet, hätten Sie getrost auf die Weichzeichnerei verzichten sollen. Jedenfalls meine ich, daß ein solcher Schnappschuß weit mehr Ausstrahlung hat als die Schaustellungen von Profinackedeis, die der SPIEGEL, wenn schon mal, dann unverschleiert seinen Lesern vorführt, und damit, so will mir scheinen, tun Sie der ungekünstelt dargebrachten weiblichen Schönheit auf Ihrem Untergrund-Titelblatt ein wenig Unrecht.*

Kronau (Bad.-Württ.) MARTIN DEWALD

Eine Frage zu Ihrem Schweinereien-Bericht: Wie können Sie eigentlich diesen Gestank aushalten, den Sie beim ergiebigen Rühren in der Scheiße verursachen? Haben Sie Schnupfen? Setzen Sie eine Klammer auf die Nase? Oder: Ist Ihnen der Gestank angenehm?

Köln KLAUS SCHMUDA

Auch der SPIEGEL geht also endgültig den Weg des Intellekts, dem in Ermangelung positiver Verstandeskräfte schon immer die Linie unterhalb des Bauchnabels als Ausweg erschien, weil es dort nicht mehr vieles gibt, was man falsch wiedergeben könnte. Die menschlichen Aufgaben, welche von den Partien oberhalb der Gürtellinie in Angriff genommen und zur Ausbildung gebracht werden müssen, überläßt man immer mehr den emotionell besonders veranlagten Kräften. Nordhorn (Nieders.) BRUNO KÖPKE

Saure-Gurken-Zeit, was? Und wenn man's noch so in die Länge zu ziehen versucht ("Stein dranhängen") auf »neun« oder gar »elf inches«, saure Gurke bleibt saure Gurke.

Berlin R. FUCHS

Ihre Story über den Untergrund ist ein Musterfall für die gutgemeinte Präsentation der eigenen Impotenz, soziale Phänomene, die außerhalb des eigenen Erlebnisbereichs liegen, zu verstehen und ihre Inhalte Dritten zu vermitteln. Die langen Haare und das konsequent andere Leben der Leute, für die diese Gesellschaft am »liebsten physische Vernichtung und bestenfalls stupiden Spott bereithält, signalisieren auch für Sie Gefahr für Ihre eigene heile geile Welt. Deshalb sagt die Story über den Untergrund mehr über den internalisierten Lustverzicht Ihrer Autoren als über den Untergrund aus, sie können deshalb auch nicht anders als sich auf die sexuellen Attitüden der angeblich von Ihnen Beschriebe-

* SPIEGEL-Leser Dewald irrt. Das Titelbild zeigt psychedelische Lichtspiele in der Londoner Diskothek Happening Happening »44«. -- Red.

nen zu stürzen, um so Moral zu heucheln. Die Lieblings-Horror-Bilder des lizensierten Voyeurismus, die Kleinanzeigen, sollen die Verruchtheit dokumentieren. Ich lege ein paar Kleinanzeigen aus dem der untergründigen Tendenzen sicher nicht verdächtigen Kölner Stadt-Anzeiger bei. Es sollte auch einem SPIEGEL-Redakteur die Einsicht gelingen, daß der Satz »suche eine Frau zum Schlafen« ehrlicher ist als die sich mit »weltoffen, aufgeschlossen, unkonventionell« anbietende Pläsiersuche.

Köln HENDRYK M. BRODER

... daß ich speziell Ihre Titelgeschichten (Underground wie auch vorher Homosexualität) in Ihrer jeweiligen Darstellung, Analyse, Rückschau und Angebot von Heilmitteln für außerordentlich bedenklich und auch problematisch wie auch ungenügend halte. Meine erste Reaktion auf diese Art von Titelgeschichten des SPIEGEL war: Selbstverständlich fühlen sich diese Mitmenschen/Künstler und so weiter entlastet, wenn sie ihre inneren Seelen-, Charakter- und Schicksalsschwierigkeiten in einer solchen Form. Art, Möglichkeit und so weiter abreagieren und loswerden können. Aber -- um Gottes willen -- wozu sollen andere Menschen -- ausgenommen Psychologen, Ärzte und so weiter -- sich mit der Problematik solcher Dinge belasten? Hat doch ein jeder Mensch für sich selbst genügend eigene ungelöste Schwierigkeiten -- SPIEGEL-Leser und SPIEGEL-Redakteure inbegriffen ... Meine zweite Reaktion war schon ein bißchen freundlicher, aber auch wohl differenzierter, nämlich: Überall prallen Gegensätze aufeinander, das Gute und das Ungute treten sehr sichtbar an die Oberfläche. Und das gibt uns Normalverbrauchern wiederum die schöne Möglichkeit, das Ungute besser und leichter zu erkennen und so das Gute an dessen Stelle zu setzen. Kennen wohl die Herren SPIEGEL-Redakteure die hier anzuwendende Theorie? Man soll das Ungute »verhungern« lassen, dann wird das Gute zu erblühen anfangen. Und dieses Verhungernlassen bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß wir versuchen, das Ungute nicht zu kritisieren, nicht breitzutreten, nicht in den Vordergrund von Diskussionen zu stellen.

Offenbach (Hessen) C. U. JOHANNSEN

Auf den Seiten 143 und folgende ist die Bezeichnung der Rubrik für Ihre Underground-Titelgeschichte mit »Kultur« angegeben. Liegt hier nicht ein Versehen des Metteurs oder des Redakteurs am Umbruchtisch vor?

München ROLF REVENTLOW

Bei Artikeln dieser Art in Zukunft bitte Lexikon mitliefern.

Rotenburg (Hessen) FRIEDRICH FLEISCHER

Wenn die Underground-Anhänger sich weiter so benehmen, wie der SPIEGEL das in seinem »Jahr des Schweins«-Artikel schildert, so haben sie bei Erreichen ihres 40. Lebensjahres kein einziges Problem gelöst außer jenem ihrer eigenen Sexualität: Sie können alle nicht mehr -- pimpern! Erlangen (Bayern) E. LINDENLAUB

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