Frische Farbe - DER SPIEGEL
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Frische Farbe

Ein Iraner aus Berlin rettet die verbliebenen Mauer-Gemälde vor dem Verblassen.
Von Christian Esser
• aus DER SPIEGEL 40/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Erinnerung hat wieder Farbe. Glücklich steht der iranische Künstler Kani Alawi, 44, vor den Resten der Berliner Mauer zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Vor zehn Jahren hatte er seine schönste Erinnerung darauf gemalt - die glücklich-verwirrten Deutschen, die am Tag der Maueröffnung durch den Schutzwall von Ost nach West strömten: »Es geschah im November« nannte er sein Betonfresko.

Das Bild von Kani Alawi war eins von 114 Werken, die 118 Maler aus 21 Ländern damals auf einem 1,3 Kilometer langen Grenzstreifen an der Spree auf die Mauer pinselten. Die East Side Gallery avancierte zur Touristenattraktion.

Jede ordentliche Sightseeingtour nahm die Mauergalerie an der Mühlenstraße ins Programm. Der tägliche Durchgangsverkehr bescherte dem bunten Betonwall, so Alawi, »die wahrscheinlich höchsten Besucherzahlen der Welt«. Einige Motive erlangten Kultstatus, wie der »Bruderkuss« zwischen Breschnew und Honecker, gemalt vom Moskauer Dimitrij Vrubel.

Trotz des regen Interesses fühlte sich aber keine Berliner Behörde für den Erhalt der East Side Gallery zuständig. Die Farben begannen zu verblassen, Graffiti-Sprayer übertünchten die ursprünglichen Malereien, der Beton bröckelte ab.

So schwang sich Alawi zum Schutzpatron und Retter des »Jahrhundertwerks« auf. Jahrelang warb er um Sponsorengelder, aber erst kurz vor dem zehnten Jahrestag der Einheit stellte der Verband der Lackindustrie 300 000 Mark zur Verfügung.

Das reichte Alawi, um sein eigenes Bild frisch zu streichen und mit einem Graffitischutz zu überziehen und Künstler zur Renovierung von weiteren 43 Bildern zu bewegen. Auf 300 Metern leuchten jetzt wieder die Farben.

Was geschieht mit den restlichen 1000 Metern? Auf öffentliche Gelder kann Kani Alawi nicht hoffen. Aber offenbar hat der Vorstoß der Lackindustrie den Damm gebrochen: »Bei uns haben sich inzwischen mehrere potenzielle Sponsoren gemeldet.« CHRISTIAN ESSER

Die Geschichte, von der wir reden, qualmt noch RAINER EPPELMANN, OKTOBER 1993

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