Frischer Lorbeer - DER SPIEGEL
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SPANIEN Frischer Lorbeer

Vorsichtig versucht Verteidigungsminister Gutiérrez Mellado, Francos Geist aus den Kasernen zu verbannen. Putschpläne rechter Militärs wurden rechtzeitig aufgedeckt.
• aus DER SPIEGEL 48/1978
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Es muß Spaß machen, Verschwörung zu spielen, besonders mit einem Whiskyglas in der Hand oder in einem guten Restaurant«, spottete General Manuel Gutiérrez Mellado, spanischer Vizepremier und Verteidigungsminister, noch vor wenigen Wochen in einem Interview mit der Armeezeitschrift »Reconquista«. »Aber ich glaube wirklich nicht, daß hier irgendein Militär, der diesen Namen verdient, an so etwas denkt.«

Vorigen Mittwoch jedoch mußte der General dem spanischen Kongreß in einer außerordentlichen Sitzung über die knapp eine Woche zuvor aufgedeckten Putschpläne rechter Militärs berichten, die sich in der Madrider Cafeteria »Galaxia« getroffen und dort einen Staatsstreich für den 17. November ausgeheckt hatten:

An jenem Tag -- nach der Abreise des Königs Juan Carlos zum Staatsbesuch nach Lateinamerika -- sollte eine Handvoll Offiziere mit rund 200 Mann den Moncloa-Palast, Amtssitz von Premier Adolfo Suarez, besetzen, die Kabinettsmitglieder verhaften und den Regierungschef als Geisel nehmen. Dem König, so die Pläne der verhinderten Putschisten, sollte das Ultimatum gestellt werden, entweder eine »Regierung der nationalen Rettung« einzusetzen oder nicht nach Spanien zurückzukehren.

Es war ein von vornherein zum Scheitern verurteilter »Handstreich«, erklärte die Regierung hinterher; die Situation sei fest in ihrer Hand. Zwei der mutmaßlichen Hauptverschwörer wurden sofort festgenommen.

Gleichwohl blieb bis zum Wochenende ungeklärt, ob die mißratene Verschwörung tatsächlich nur das letzte Gefecht der alten Franco-Garde war, die Spaniens Demokratisierung, für viele überraschend, bislang grollend hingenommen hatte. Ein Alarmsignal war der vereitelte Putschversuch allemal -- vor allem für den General Gutiérrez Mellado, jenen spanischen Baudissin, der seit zwei Jahren versucht, aus einstigen Franco-Soldaten Demokraten in Uniform zu machen. Das scheint weithin gelungen -- aber nicht ausnahmslos.

Der schmächtige, stets etwas grämlich wirkende General sorgte dafür, daß zumindest auf die wichtigsten Kommandoposten und in die Spitzen des Generalstabes Königstreue kamen. Doch viele in der breiten Mittelschicht der altgedienten Troupiers, der Obersten und Majore, stehen der jungen Demokratie noch mißtrauisch gegenüber.

Ihr Mißtrauen wuchs während der monatelangen Debatten des im vorigen Jahr gewählten Parlaments über die neue Verfassung. Denn die meisten Artikel des neuen Grundgesetzes, das am 6. Dezember dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden soll, erscheinen den Anhängern des verflossenen Franco-Regimes als geradezu ketzerisch -- die Möglichkeit der Ehescheidung etwa, oder die Bestimmungen über die Autonomie der spanischen Regionen.

Schon während der Parlamentsdebatten pflegten Abgeordnete Journalisten gegenüber hintersinnig zu bemerken: »Na, mal sehen, wie lange uns die Armee hier noch machen läßt.«

Und bei der Schlußabstimmung über die Verfassung im Senat mochten die drei dort mit Sitz und Stimme vertretenen Militärs nicht mit Ja stimmen -- obwohl sie ihre Ernennung zum Senator dem König selbst verdanken. Andere Verfassungsgegner sorgten derweil für eine Welle von Gewalt: Die baskischen Separatisten des radikalen Flügels der Eta, die nicht nur Autonomie, sondern völlige Unabhängigkeit des Baskenlandes wollen, töteten allein in diesem Jahr 47 Menschen, darunter 31 Polizisten, zwei hohe Militärs und einen Richter.

Rechtsradikale Kampfbünde verschickten Briefbomben an liberale Zeitungen wie »El Pais«. »El Alcázar« und die neue Tageszeitung »El Imparcial«, beide in den Kasernen viel gelesen, riefen die Militärs zum Eingreifen auf.

»Die Armee an die Macht«, brüllten auf Massenveranstaltungen noch vor wenigen Tagen auch die Anhänger des halben Dutzend faschistischer Organisationen, die es noch in Spanien gibt. Ein »Patriotischer Gerechtigkeitsausschuß« veröffentlichte eine »Todesliste«, auf der außer dem Namen des Premiers unter anderen auch der von Gutiérrez Mellado stand.

Der General ließ sich nicht beirren. Behutsam, aber bestimmt versuchte er, die Unruhe in den Kasernen zu zügeln. Nach der Ermordung eines Generals durch die Eta im Sommer etwa drängte er seine Stabschefs zu einer ostentatiyen Loyalitätserklärung für König, Premier und Regierung. Seinen Militärs gestattete er per Dekret ausdrücklich die freie Meinungsäußerung auch in politischen Dingen, verlangte aber Pflichterfüllung, auch wenn sie dem politischen Credo des einzelnen zuwiderläuft.

So etwa wurde der Oberstleutnant der paramilitärischen Guardia Civil, Antonio Tejero Molina, der während seiner Stationierung im Baskenland einmal eigenmächtig die von ihm verachtete Baskenflagge einholen ließ, sofort nach Malaga strafversetzt. Als er dort eine von der Regierung genehmigte Demonstration verbot, mußte er wieder gehen. Doch da er sein Ehrenwort gab, sich zu bessern, durfte er immerhin nach Madrid. Jetzt wurde er dort verhaftet -- als einer der beiden Hauptverantwortlichen für die Verschwörung des 17. November.

Für Skeptiker ist der Fall Tejero lediglich der Beweis dafür, auf wieviel Nachsicht die Rechte unter den Militärs bislang noch immer rechnen konnte: An Tejeros Ehrenwort hatten seine Vorgesetzten schließlich trotz seiner Dienstverfehlungen noch geglaubt.

Mindestens vier verschiedene rechtsextreme Militärorganisationen agieren noch ungehindert in den Kasernen, obwohl militärische Polit-Vereinigungen offiziell verboten sind. Und in der Marineschule Mann hängt um die Francobüste nach wie vor ein stets frischer Lorbeerkranz.

Nun aber scheint die Regierung zu mehr Härte entschlossen: Vorigen Donnerstag erließ sie ein totales Demonstrationsverbot bis nach dem 6. Dezember.

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