FRANKREICH Frischer Wind
Auf dem Tagesprogramm des Klosters »Carmel de Frileuse« im französischen Briis-sous-Forges wurde den Karmelitinnen für den 5. Mai Weltliches verkündet: ein Vortrag über die Europawahl und den Gemeinsamen Markt.
Nach dem Vortrag, gehalten von einem Jesuiten, staunte Nonne Antoinette:,, Das ist eine außerordentlich komplizierte Materie, die müssen wir studieren.«
Zwar entschieden sich die 27 Nonnen gegen den Kauf eines TV-Gerätes für ihr Kloster, zwar ist ein Besuch bei der Familie verboten und der Gang in das nahe Dorf nur mit Sondergenehmigung möglich. Doch die »absolute Isolation«, die mehr als 2000 französische Karmelitinnen für ihr ganzes Leben gelobt haben, »ist heute schwer durchzuhalten«, wie Antoinette bekennt: »Wir müssen wissen, was sich vor unserer Pforte ereignet.«
Die Frauen von Frileuse beten noch immer täglich sieben Stunden, aber überall, notierte die Pariser Tageszeitung »La Croix«, durchwehe »ein frischer Wind die Klöster
Die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil verkündeten Reformen, der Kampf um wirtschaftliches Überleben, die Überalterung hätten die mehr als 300 französischen Klöster »zu neuem Realismus und einer gewissen Improvisation« gezwungen, bekräftigt auch der Benediktinerabt Dom de Floris.
Zumindestens die französischen Benediktiner haben keinen Nachwuchsmangel, sondern registrieren »in nahezu jedem Kloster mindestens einen Absolventen der nationalen Etiteschule«. Auf die Frage aber, »wie sichern wir unsere wirtschaftliche Existenz«, suchen die Klöster laut dc Floris »alle eine Antwort": In Frankreich, einem Land mit strenger Trennung von Kirche und Staat, erhält die Kirche keinerlei Steuergelder. So versuchen es denn die Klöster mit der Wirtschaft.
Die Frauen von Frileuse etwa drucken für Pariser Restaurants auf zwei modernen Offsetmaschinen Speisekarten und Werbebroschüren. Sie verdienen derart gut. daß das Kloster der Diözese mit den Überschüssen zwei Angestellte finanziert.
Die Kartäuser-Mönche, die 27 Kilometer nordöstlich von Grenoble in dem Kloster La Grande Chartreuse ihren gleichnamigen Likör herstellen, bauten das »Monastére dc Bethléem zu einer Herberge um, in der sich Manager in absoluter Stille und Schweigepflicht vom Stress erholen können.
Im »Guide des Monastères«, einem in Paris herausgegebenen Klosterführer, werben die Mönche und Nonnen für ihre Fremdenzimmer »in friedlicher und ruhiger Umgebung, die das Nachdenken und den Kontakt zu Gott ermöglichen« (so die Benediktiner im bretonischen Plomodiern); bieten, so die Visitantinnen in Amiens, »Damen und jungen Mädchen« die Möglichkeit, »sich für mehrere Tage vom Leben zurückzuziehen«; preisen, wie das »Kloster der Jungfrau Maria« nördlich von Paris, die »großen Gärten und Bäume«.
Die Trappisten bieten Studenten in Bricquebec bei Cherbourg reinige ruhige Tage« zur Examensvorbereitung. Als »wundervoll zwischen Bergen und Meer gelegen« preisen Benediktinerinnen im korsischen Erbalunga ihr Kloster, fordern jedoch vor der ersten Anmeldung Referenzen.
Die Ordensschwestern der »Abbaye Notre-Dame« bei Mâcon geben sich schon zufrieden, wenn die Gäste versprechen, bei der Bedienung und dem Abwaschen zu helfen. Im Kloster »Notre-Dame dc Beaufort« bei Samt-Mab werden Kinder nicht aufgenommen, »weil wir weder eine Herberge noch eine Familien-Pension sind«.
Zuweilen verfügen die Klöster nur über sieben Betten (Carmel de Frileuse), mitunter haben sie mehr als 50 Zimmer (Abbaye Saint-Benoit d'en-Calcat im südfranzösischen Departement Tarn). Manche Kloster-Gemeinde stellt es den Gästen frei, wieviel sie für Übernachtungen zahlen wollen, oder erheben einen Zimmerpreis, der die Forderungen der benachbarten Hotels allemal unterbietet. Ergebnis: Die Kloster-Herbergen melden zur Reisezeit meist ausgebucht.
»Zehntausende Männer und Frauen«, schreibt der »Klosterführer« von Maurice Colinon, »drängen sich jedes Jahr durch die leicht geöffneten Klostertüren«, derart viele, daß die Mönche und Nonnen jetzt anbauen oder erweitern müssen: »Immer mehr Menschen«, glaubt Autor Golmon, »suchen in einer Zeit allgemeiner Unruhe nach Häfen der Ruhe, physischer, besonders aber moralischer.«
Der Andrang zu diesen sogenannten »retraites en silence«, erläuterte Benediktiner de Floris, selbst zwölf Jahre Klostervorsteher, stelle zwar den Kontakt »zwischen der Klostergemeinde und den Rastlosen der Stadt« wieder her. von den Übernachtungen allein könne jedoch »kaum ein Kloster existieren, zumal wir keine Hoteliers sein wollen«.
Deshalb meint Karmelitin Antoinette, die ihre Nonnen in Druckerei-Betrieben ausbilden ließ, werden manche Klöster »beinahe regelrechte Fabriken« nach dem Gebet gehen die Mönche an Schraubstöcke. die Nonnen an die Webstühle.
Die Benediktiner der »Abbaye Samt-Vincent« im Departement Allier stellen Rasierwasser her. Der »Carmel Notre-Dame de la Treille« im Norden von Lille fabriziert Nachthemden. 25 Kilometer von Nizza entfernt bauen die Karmelitinnen von Caros elektronische Geräte. Die Trappisten von Laval verkaufen Schafskäse.
Und das Pariser »Monastère des Clarisses de l'Ave Maria« näht in Handarbeit Blusen für die Luxusartikel-Firma Hermès.