FRONTBERICHT
Der Teil des Berichtes »Rußland im Krieg«, der sich mit dem Kessel von Tscherkassy befaßt, enthält grobe Unrichtigkeiten. Als damaliger Chef des Stabes des Führers der Kesseltruppe, General der Infanterie Stemmermann, stelle ich berichtigend fest:
- Die Stärke der Truppen im Kessel betrug am Tage der Einschließung etwa 45 000 Mann. Davon blieben 3000 liegende Verwundete im Kessel zurück, die größtenteils in Feindeshand fielen. Rund 35 000 Mann wurden nach dem Ausbruch in den deutschen Sammelstellen als Rückkehrer gezählt. Demnach betrugen die Verluste etwa 10 000 Mann. Wären es 70 000 bis 80 000 Mann gewesen, wie die Russen behaupten, wären das 25 000 bis 35 000 Mann mehr, als anfänglich im Kessel kämpften.
- Im Kessel befanden sich nicht zehn Divisionen und eine Brigade, sondern sieben Divisionen und eine Brigade. Davon bestanden ein bis zwei Divisionen nur noch aus kaum kampffähigen Resten, als der Kessel sich schloß.
Die Kesseltruppe hat nicht in der Nacht vor dem Ausbruch »beschlossen, einen verzweifelten Ausbruchsversuch zu wagen« (russische Behauptung). Der Ausbruch war vielmehr der Schlußstein zu einer wohlüberlegten Operation, die unter Führung des AOK VIII (General der Infanterie Wöhler, Chef des Stabes: Generalmajor. Dr. Speidel) planmäßig vor sich ging und daher im wesentlichen auch gelang.
- Kein General hat sich »mit dem Flugzeug davongemacht«. Alle haben bis zum Schluß ihre Truppe im Kampf geführt.
- Der beim Ausbruch gefallene General Stemmermann hatte keinen »Schmiß auf der Wange« und war auch kein früherer Corpsstudent. Er hatte vielmehr am oberen Schädel eine Narbe, die von einer Kriegsverletzung herrühre.
Die 3000 liegenden Verwundeten sind unter der Betreuung von Sanitätspersonal in Schanderowka zurückgelassen worden, um den Russen ordnungsgemäß übergeben zu werden. Der leitende Sanitätsoffizier war mit einem Schreiben des Generals Stemmermann ausgestattet, in dem um korrekte Behandlung der Verwundeten gebeten wurde. Es ist ein Unfug zu behaupten, die Verwundeten seien deutscherseits durch Schuß in den Hinterkopf getötet worden. Ein Teil der Verwundeten hat sich allerdings selbständig mit Schlitten auf den Weg gemacht; davon dürften viele bei den russischen Gegenangriffen gefallen sein.
- Die Stimmung der Truppe im Kessel war ruhig, gefaßt und zuversichtlich. Von Hysterie oder Verzweiflung war keine Spur, sonst hätten nicht 35 000 Mann den Weg in die Freiheit gefunden.
Koblenz HEINZ GAEDCKE
Generalleutnant a.D.
Zu zwei Punkten Stellung zu nehmen, fühle ich mich als Teilnehmer am Ausbruch aus dem Korsun-Kessel bei Tscherkassy und als ehemaliger Sanitätsoffizier und Chirurg in der Sanitäts-Kompanie der 112. Infanterie-Division verpflichtet:
- Die Behauptung, daß die Generale der eingeschlossenen Divisionen, mit Ausnahme des gefallenen Generals der Artillerie Stemmermann, mit dem Flugzeug aus dem Kessel geflohen wären, ist eine infame Lüge. Ich hoffe, daß Herr Generalleutnant Lieb, der Kommandeur des einen der beiden eingeschlossenen Korps, der heute in Stuttgart oder Umgebung lebt, zu dieser kriegshistorischen Lüge Stellung nimmt.
- Die Behauptung des Majors Kampow, auf deutscher Seite habe der Befehl bestanden, sämtliche deutschen Verwundeten zu erschießen, und dieser Befehl sei ausgeführt worden, ist eine infame Lüge.
Pirmasens DR. MED H. SITTEL
Facharzt für Chirurgie
Mit Interesse lese ich in Ihrer geschätzten Zeitschrift den zeitgeschichtlichen Artikel »Rußland im Krieg«, da ich selbst damals als 22jähriger Leutnant den Feldzug im Mittelabschnitt bis vor die Tore Moskaus in vorderster Linie mitgemacht und den ganzen Schlamassel bis zur Neige »ausgekostet« habe. Anbei ein Flugblatt, das in jenen Tagen über den Fronten abgeworfen worden ist.
Dortmund A. STAMM
Wenn behauptet wird, es hätte keine jüdischen Partisanen gegeben, entspricht dies nicht den Tatsachen. Sie kämpften vielmehr zu Tausenden in Abteilungen und Gruppen, besonders in Litauen, Weißrußland und der Ukraine und fielen bis auf wenige. Richtig ist dagegen, daß Juden bei den Partisanen nicht als gleichwertige Waffenbrüder und Freiheitskämpfer angesehen und mit offenen Armen empfangen wurden, weil allzuoft die Polen und Ukrainer den inneren nationalen Schweinehund nicht überwinden konnten. Ihnen saß zwar der Tod ständig im Nacken, der Antisemitismus aber tief im Herzen. Wenn es trotzdem zahlreiche jüdische Partisanen und sogar Kommandeure in ihren Reihen gab, so mehr der Not gehorchend als der Vernunft folgend. Sie gönnten den Juden ihrer eigenen Nation nicht einmal den ehrenvollen Tod vor dem gemeinsamen Feind. Der Anteil jüdischer Partisanen wäre noch weit größer gewesen, wenn die Bauern und andere Bevölkerungsteile (mit wenigen Ausnahmen) die Flüchtlinge nicht der Gestapo gegen sogenannte Kopfprämien ausgeliefert hätten - und wenn die polnische Exilregierung in London sowie das Hauptkommando der AK (National-Armee) mehr menschliches Entgegenkommen gezeigt hätten.
Berlin ITZCHAK PRUSCHNOWSKI
Diese knallrote Räuberpistole über die armen, armen Partisanen und die bösen, bösen deutschen Soldaten, die so grausam waren, Vergeltung zu üben, stinkt penetrant nach orientalischer Märchen-Universität: Die Partisanen waren Mörder, und ihre Methoden die von Untermenschen.
München S. REST
Gaedcke
Russisches Flugblatt*
* Verfasser: Der 1953 in Ost-Berlin verstorbene Schriftsteller Erich Weinert, der während des Zweiten Weltkriegs Präsident der deutschen Emigrantenorganisation »Freies Deutschland« in der Sowjet-Union war.