FRONTBERICHTE - DER SPIEGEL
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Briefe

FRONTBERICHTE
• aus DER SPIEGEL 34/1965
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FRONTBERICHTE

Obwohl ich es als sehr lobenswert betrachte, daß Sie den Deutschen den Krieg mal von der anderen Seite gesehen zeigen, muß ich doch bedauern, daß Sie für eine solche Aufklärung ausgerechnet eine russisch-chauvinistische, völlig verlogene und der offiziellen sowjetischen Propaganda entsprechende Darstellung wie die von Alexander Werth benutzen.

Edmonton (Kanada) NADIJA KOWALENKO

Diese überdimensionale Verherrlichung des russischen Abwehrkampfes und Ausdrücke wie Hitlerbande für die Generation unserer Eltern zeichnen ein Bild des Herrn Werth, das keine noch so gute Photographie menschlicher machen könnte.

Tübingen EBERHARD BIZER

Daß die Artikel-Serie wegen ihres leicht sowjetischen Aspekts ein Pamphlet, eine Verunglimpfung, eine Beschmutzung der »Ehre des deutschen Soldaten« sein soll, kann man wohl nicht behaupten, ich möchte eher sagen, daß es eine willkommene Gelegenheit ist, dem Rußlandfrontsoldaten von damals zu zeigen, welch großes Leid er nicht nur über sein eigenes, sondern auch über ein fremdes Land gebracht hat; letzteres wird bei normaldeutschen Schilderungen allzugerne übersehen, statt dessen wird der deutsche Soldat als Vaterlandsverteidiger glorifiziert. Der deutsche Soldat kam aber nicht als Verteidiger, sondern als Angreifer. Das mögen sich die Gegner von Werths Schilderung hinter die Ohren schreiben.

Köln C. INGENMEY

Herr Professor Dr. Forßmann führt in seiner Leserzuschrift (SPIEGEL 30/1965) aus, daß es im Bereich seiner Einheit möglich war, die russische Zivilbevölkerung mit überschüssiger Verpflegung zu versorgen. Ich habe nie davon gehört, daß deutsche Kampfeinheiten in Rußland überschüssige Verpflegung hatten. Die Verpflegung wurde pro Kopf und Nase im HVP gefaßt. Man ging sehr genau mit den zustehenden Mengen um, und kapp war alles ohnedies.

Sehr gern hört man, daß rückwärtige Sanitätsdienste der Zivilbevölkerung halfen. Ich gehörte der 46. Infanterie -Division an und habe vor Sewastopol einmal einen schwerverwundeten Russen verbinden wollen, der mit einer Oberschenkelwunde wie ein Faß auslief. Als ich den Bataillonsarzt um Verbandsmaterial bat, erhielt ich die Antwort, ich solle nicht sentimental werden. Der Arzt sah den Mann liegen und schaute nicht einmal hin. Ich habe dem Russen dann doch helfen können. Er wurde später einer unserer besten Hi-Wi's, habe also sogar im Sinne der sogenannten »militärischen Notwendigkeiten« gehandelt.

Bei einem Ort Said Asan auf der Halbinsel Kertsch wurde im Januar 1942 im Bereich meiner Infanterieeinheit III/IR 72 ein Spähtrupp losgeschickt, der mit fünf Russen zurückkam. Im tiefen Schnee standen sie barfuß vor dem Bataillonsgefechtsstand und warteten auf eine Vernehmung. Der Dolmetscher sollte vom Regiment geholt werden. Ich schickte die Russen in die gegenüberliegende Scheune, in der sich Teile der Gefechtsstaffel des Bataillons aufhielten, damit sie bei 25 Grad Kälte vor dem Frosttod bewahrt wurden. Resultat: Die Androhung eines Kriegsgerichtsverfahrens wegen Mißachtung eines gegebenen Befehls durch den Bataillonsadjutanten. Aus diesem wurde dann nichts, weil sich die Ereignisse durch starke Angriffe der Russen überstürzten.

Kleine Beispiele, aber Dutzendware. Letztendlich kam das davon, daß man sich von Hitler bis zum letzten »Volksgenossen« an der eigenen Propaganda berauschte, die besagte, die Russen seien Untermenschen und es sei einfach ein Verbrechen, ihnen irgendwie zu helfen statt sie zu vernichten. Von Angehörigen der SS-Division Totenkopf wurden wir Heeressoldaten »Brotbeutelträger« genannt, weil wir noch Gefangene machten.

Fürth (Bayern) HEINZ ARNOLD

Die Schilderung Alexander Werths vermittelt einen Eindruck von dem furchtbaren Geschehen in und um Stalingrad und von den menschlichen Tragödien, die sich dort abgespielt haben, der verständlicherweise nicht frei von Sentiments sein kann. Unserer jungen, damals unbeteiligten Generation werden die Konsequenzen des unbegreiflichen nazistischen Fanatismus plastisch vor Augen geführt.

Hamburg RUDOLF FRANZ

Alexander Werth behauptet im Abschnitt »Charkow unter den Deutschen«, daß

- die meisten der Wolkenkratzer am Dserschinski-Platz von den Deutschen »vor ihrem Abzug in Brand gesetzt« worden seien;

- »70 000 oder 80 000« Menschen, vor allem im fürchterlichen Winter 1941/ 42, »verhungert oder erfroren« seien.

Als Angehöriger der deutschen 101. leichten Infanterie-Division, die Charkow am 23./24. Oktober 1941 in Besitz nahm, stelle ich fest:

- Die Wolkenkratzer brannten bereits, als die 101. le. Infanterie-Division zum Angriff auf Charkow antrat; sie waren von den Sowjets vor ihrem Abzug in Brand gesteckt worden;

- die Menschen Charkows - wie auch diejenigen anderer Städte - mußten hungern und zum Teil verhungern, weil die Sowjets vor ihrem Abzug rücksichtslos sämtliche Lebens- und Futtermittel abtransportiert hatten, ihre eigene Bevölkerung also selbst dem Hungertod preisgegeben hatten. Da die deutschen Truppen infolgedessen fast ausschließlich auf den Nachschub aus der Heimat angewiesen waren, der im Winter 41/42 noch nicht funktionierte, mußten auch die deutschen Soldaten und Pferde hungern. Von den rund 640 Truppenpferden des einen Infanterie-Regiments der 101. le. Inf. Division waren zum Beispiel im Frühjahr 1942 fast 600 verhungert, aufgegessen oder so geschwächt, daß sie getötet werden mußten.

Ob unter diesen Verhältnissen die »120 000 Menschen, vor allem junge Leute«, zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschafft werden mußten, erscheint unglaubwürdig; im Winter 41/42 hatten sich die meisten - wenn nicht alle - sicherlich freiwillig gemeldet.

Wenn Herr Werth bei derart leicht nachprüfbaren Tatbeständen unzutreffend berichtet, dann dürfte jeder Leser wissen, daß auch bei seinen anderen Angaben größte Vorsicht geboten ist.

Frankfurt HANS KISSEL

Generalmajor a.D.

Die deutschen Landser haben also in Charkow den Russen und Ukrainern ihre Armbanduhren abgenommen ("Uhri, Uhri") und den dortigen Damen die eleganten Schuhe ausgezogen, um sie nach Hause zu schicken. Auch haben diese Bösewichte die Schönen des Landes mit »Frau, komm« belästigt. Nein sowas! Jetzt wird mir auch klar, warum die Sowjetmenschen 1945 so sehr hinter unseren Uhren her waren. Sie wollten nur ihr rechtmäßiges Eigentum wiederhaben.

Wolfsburg BERND MEYERHOFF

In einer Folge Ihrer Rußland-Serie schreiben Sie, daß deutsche Soldaten in Charkow der russischen Bevölkerung die Armbanduhren abgenommen sowie den Russinnen die Schuhe ausgezogen und dieselben ihren Frauen nach Hause gesandt haben. Ich habe den Rußlandfeldzug von A bis Z in einer Pioniereinheit mitgemacht, war selbst in Charkow, habe aber in all den Jahren in ganz Rußland nicht eine Armbanduhr gesehen. Von der Existenz derselben dürften sie wohl erst erfahren haben, als sie plündernd deutschen Boden betraten. In Deutschland waren bestimmt viele Waren sehr knapp, aber so schlimm war es doch nicht, daß eine deutsche Frau die verlatschten Schuhe einer Russin angezogen hätte.

Wien KURT GOTTWALD

Mit ganz besonderem Interesse habe ich Ihren Artikel über die Kämpfe um Leningrad gelesen, denn ich hatte die Möglichkeit, vom Tage der Einschließung an bis etwa August 1942 an verschiedenen Stellen der Front durch tägliche Beobachtungen am Scherenfernrohr das Geschehen wenigstens am Rande und im Vorfeld der Stadt mitzuerleben. Noch heute besitze ich eine Kopie eines geheimen Auszuges aus dem Feindnachrichtenblatt jener Zeit. Die Darstellungen Ihres Autors stimmen mit denen dieses Blattes, was die Zustände in der Stadt betrifft, fast haargenau überein. Das Schicksal Leningrads, dessen Silhouette sich mir unvergeßlich eingeprägt hat, ist wahrlich grausam gewesen. Man spricht in den mir vorliegenden Unterlagen davon, daß sich etwa vier bis 4,5 Millionen Menschen (Einwohner und Flüchtlinge) bei der Einschließung dort befunden hätten. Ich darf zitieren: »Insgesamt sind während des Winters über eine Million Menschen zugrunde gegangen.« Der Krieg war für beide Völker grausam, aber mit Erschütterung denke ich oftmals an diese Stadt und ihre Menschen.

Mainz WERNER CORDIER

Wir Soldaten, nicht Gestapo oder SS, sind mit den Sowjets, ob Soldaten, Zivilisten oder Kinder, sehr gut ausgekommen. Im Winter 1941/1942 haben wir laufend vor Leningrad an die halbverhungerte Bevölkerung das Restessen aus den Feldküchen verteilt. Wir als aktive Truppe, an eine gute Kampfmoral gewöhnt, wurden durch die Gemeinheiten, Roheiten und Grausamkeiten der Partisanen im Waldgebiet nördlich von Luja dermaßen verbittert, daß sich die Sowjets manches selbst zuzuschreiben hatten. Der deutsche Landser war im allgemeinen ein anständiger Kerl. Der Dreck, den man nach uns zu werfen vorsieht, bleibt nicht haften.

Itzehoe (Schl.-Holst.) KURT RÜCHLIGER

Ihr Autor Werth berichtet, daß die Russinnen darüber empört waren, von den deutschen Soldaten stets mit »Matka« angeredet zu werden. Die Empörung der Russinnen ist verständlich, denn Matka heißt auf russisch Gebärmutter. Vermutlich haben unsere Soldaten dieses Wort aus Polen mitgebracht, ohne sich darüber im klaren zu sein, was dieses Wort auf russisch bedeutet und wie es in russischen Ohren geklungen haben muß, wenn ein deutscher Landser zu einer Russin, wie Werth berichtet, sagt: »Los, Matka, hol' mal Wasser zum Waschen!« Ähnlich ist es ja auch mit dem fatalen Wort »Carajo«, das deutsche Urlauber in Spanien nicht mehr in den Mund nehmen würden, wenn sie wüßten, welche Bedeutung es auf spanisch hat.

Hannover PAUL BURG

Serien-Titel

Kissel

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