FRONTBERICHTE
Meine Photographie des Bataillonskommandeurs auf dem Titelblatt der Zeitschrift DER SPIEGEL Nr. 26/1965 wurde von mir im Jahre 1942 zu Beginn eines Bataillonsangriffs der Roten Armee auf die Stellungen der Wehrmacht aus einem Schützengraben bei Lugansk (früher Woroschilowgrad) im Donbass gemacht. Ich war damals bei Einheiten der Südfront Bildreporter der »Tass« und befand mich gemeinsam mit dem Bataillonskommandeur in dem Schützengraben. Ich schoß mit der Kamera in dem Moment, als er sich aus dem Schützengraben erhob und mit dem Ruf »Mir nach« die Soldaten zum Angriff führte. Das war die einzige Momentaufnahme, eine zweite konnte ich nicht mehr machen. Den Bataillonskommandeur habe ich nie wieder gesehen.
Im Jahre 1948 erhielt ich für dieses Photo auf der Ausstellung »Der Große Vaterländische Krieg« den ersten Preis. Nach dem Krieg fand mich der Sohn des Bataillonskommandeurs und teilte mir mit, daß er das Bild seines gefallenen Vaters Alexej Gordejewitsch Jeremenko gesehen habe. Später schickte er mir andere Aufnahmen von ihm. Sein Sohn Iwan Alexejewitsch Jeremenko wohnt jetzt in Saporoschje, Siegesstraße 48, Wohnung 18.
Das ist die Geschichte dieser Photographie.
Moskau MAX ALPERT.
Ihre interessante Artikelreihe ist sehr verständlich, wenn man sie aus dem berechtigten Blickwinkel des Russen betrachtet. Trotzdem muß aber auch der Haltung und Einstellung der deutschen Soldaten Rechnung getragen werden. Ich habe den Rußlandfeldzug von Anbeginn bis Oktober 1942 als Chirurg bei der 123. Division mitgemacht und kann Ihnen versichern, daß in diesem Bereich keine Grausamkeiten der russischen Bevölkerung und den Kriegsgefangenen gegenüber von unseren Soldaten begangen worden sind.
Allerdings nahm eine durchziehende SS -Truppe zu Pfingsten 1942 in dem Ort Stary Brod (Kessel von Demjansk) grundlose Erschießungen von Gefangenen vor. Da mein Einspruch als Ortsältester nichts nützte, habe ich mich umgehend an den Divisionskommandeur, Herrn Generalmajor Rauch, gewandt, der im etwa sechs Kilometer entfernten Nachbardorf mit seinem Divisionsstab lag. Herr General Rauch hat damals, ohne nur eine Minute zu zögern, sofort eingegriffen, die Erschießungen verboten, die SS -Wachmannschaft verhaftet und die Gefangenen in die Obhut unserer Division übernommen, wo sie ordnungsgemäß verpflegt und abtransportiert wurden.
Auch um das Wohl der Zivilbevölkerung hat sich unsere Truppe damals, soweit es überhaupt in ihren Kräften stand, gekümmert. Als der Bewegungskrieg zu Ende kam, hatten alle Sanitätsdienste von unserem Divisionsarzt, Herrn Oberfeldarzt Dr. Gesche, Befehl, sich des Wohls der Zivilbevölkerung anzunehmen. Bei den rückwärtigen Sanitätsdiensten der Division (zwei Sanitätskompanien, ein Feldlazarett) wurden eigens Häuser eingerichtet, in denen erkrankte Zivilrussen behandelt und auch operiert wurden. Verpflegt wurden diese Patienten aus den Feldküchen der betreffenden Einheit, die auch ihr überschüssiges Essen restlos an die Bevölkerung ausgab. Es ist mir auch bekannt, daß der einzelne Soldat - jeden Ranges
- immer wieder Brot und übrige Verpflegung an die Russen abgegeben hat. Soviel zur Ehrenrettung meiner alten Division. Es hat also auch noch andere Verhältnisse gegeben, als sie der Verfasser schildert.
Düsseldorf PROF. DR. WERNER FORSSMANN
Zum Abdruck der Berichte von Alexander Werth darf ich Sie aufrichtig beglückwünschen. Als Richtkanonier in der vierten Panzerdivision habe ich den Krieg im Mittelabschnitt bis hin nach Wenew nordöstlich Tula miterlebt. Am 5. Dezember 1941 wurde ich zur Kriegsschule nach Berlin abkommandiert. Möglicherweise hat mir dies das Leben gerettet.
Zu meinen Hobbys gehörte es seinerzeit, sowjetisches Propagandamaterial, aber auch sonstige Dokumente, zu sammeln. Obwohl dies strengstens verboten war, habe ich einiges Material über Feldpost nach Hause geschickt und kurioserweise auch über das Kriegsende hinweg gerettet. Als Besitzer dieses kleinen Privatarchivs interessieren mich die von Ihnen abgedrückten Bilder und Karikaturen besonders. Der Bericht des Herrn Werth läßt mich eine Frage beantworten, die ich mir von Anbeginn an vorgelegt habe. Die Frage nämlich: Wann war der Krieg in Rußland militärisch verloren? Er war es in der Tat spätestens im September 1941. Die militärische Kraft der Wehrmacht war zu diesem Zeitpunkt nicht unerheblich geschwächt, obwohl bis dahin überwiegend veraltetes Kriegsmaterial der Russen eingesetzt war. Als die modernen Waffen der Russen spürbar wurden, waren Schwung und Angriffskraft der Wehrmacht bereits wesentlich geschwächt. Dieser Umstand muß dem Oberkommando des Heeres bekannt gewesen sein. Ein interessantes Zeugnis hierüber lege ich bei. Der geheime Gefechtsbericht der vierten Panzerdivision vom 8. Oktober 1941 führt auf Seite sechs folgendes aus:
Nach übereinstimmenden Berichten wurde mit größter Kaltblütigkeit und Ruhe geschossen, obwohl die Überlegenheit der russischen Panzer und die Unzulänglichkeit der eigenen Abwehrwaffen bald außer Zweifel standen.
Es war die Zeit, da die russischen Panzer manche Batterie einfach überwalzten, weil die Geschütze ihre Panzerung nicht mehr durchschlugen. Übrigens hat die vierte Panzerdivision in dieser Zeit die ersten Stalinorgeln in großer Zahl erbeutet.
Rückblickend ist es mir heute unverständlich, daß der Krieg in Rußland über so lange Zeit hinweg mit dem Ziel eines Endsieges geführt wurde. Der deutschen Generalität mußte es auf Grund der unbestechlichen Berichte der deutschen Divisionen klar sein, daß ein militärischer Erfolg nicht mehr möglich war.
Der Bericht Werths idealisiert die russische Seite, dennoch stellt er dadurch das Bild richtig, welches man den deutschen Soldaten in den ersten Wochen und Monaten des Krieges über die russische Armee gegeben hat.
Bayreuth HANS WALTER WILD
Die von Werth zitierten Zweck-Propaganda-Märchen sowjetischer Generale verzerren das Bild völlig. Als Teilnehmer vom ersten Tag des Feldzuges an möchte ich Herrn Werth mitteilen: Verstört waren nicht die Sowjets, sondern wir - über die fabelhafte Bereitschaft des Gegners, der angeblich nicht einmal Spaten hatte.
Marburg WALTER BAUER
Als ehemaliger deutscher Soldat, der ein Jahr an der Ostfront bei Orel eingesetzt war, fühle ich mich verpflichtet, gegen die Verunglimpfung meiner Kameraden, wie sie in unwürdigster und verlogenster Weise in dem oben angeführten Pamphlet zum Ausdruck kommt, zu protestieren.
Dieser Schmutz-Artikel, den der SPIEGEL ohne Kommentar übernimmt, ja noch durch gehässige Untertitel unter den Kriegsphotos unterstreicht, ist eine bewußte und gezielte Diffamierung der deutschen Soldaten. Noch über die Gräber der Gefallenen hinweg wird die Ehre des deutschen Soldaten beschmutzt und besudelt.
Ingelheim (Rhld.-Pfalz) ERWIN MARTIN DIX
Bauingenieur BdB
Die in Ihrer Serie geschilderten Grausamkeiten, die deutsche Soldaten in Rußland begangen haben, müssen jeden tief erschüttern. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß auch die Russen fürchterliche Grausamkeiten verübten. Ich schicke Ihnen ein Photo, auf dem ein deutscher Spähtrupp zu sehen ist, den die Russen fingen, entkleideten, erfrieren ließen; dann sägten sie den Soldaten Arme und Beine ab.
Kaiserslautern FRIEDRICH FUCHS
In der Serie veröffentlicht Herr Werth das Gedicht von Konstantin Simonow »Warte auf mich«. Er schrieb mit Recht, daß diese wörtliche Übertragung nicht den Rhythmus des Originals vermitteln kann. Es sei Im Grunde auch recht mittelmäßig, setzte er noch hinzu. Nun möchte ich Ihnen heute eine, wie ich meine, weit glücklichere Übersetzung senden: Wart auf mich, ich komm' zurück, Aber warte sehr.
Warte, wenn der Regen fällt
Grau und trüb und schwer.
Warte, wenn der Schneesturm tobt,
Wenn der Sommer glüht,
Warte, wenn die andern längst,
Längst des Wartens müd',
Warte, wenn vom fernen Ort
Dich kein Brief erreicht.
Warte bis auf Erden nichts
Deinem Warten gleicht.
Wart auf mich, ich komm' zurück.
Stolz und kalt hör zu,
Wenn der Besserwisser lehrt:
»Zwecklos wartest du!«
Wenn die Freunde, Wartens müd',
Mich betrauern schon,
Trauernd sich ans Fenster setzt
Mutter, Bruder, Sohn.
Wenn sie, mein gedenkend, dann
Trinken herben Wein,
Du nur trink nicht - warte noch
Mutig, stark, allein.
Wart auf mich, ich komm' zurück!
Ja, zum Trotz dem Tod,
Der mich hundert-, tausendfach
Tag und Nacht bedroht.
Für die Freiheit meines Landes,
Rings umdroht, umblitzt,
Kämpfend, fühl' ich, wie im Kampf
Mich dein Warten schützt.
Was am Leben mich erhält,
Weißt nur du und ich:
Daß du so, wie niemand sonst,
Worten kannst auf mich.
Bamberg E. LACKNER
Ich möchte Sie herzlich für Ihren schönen Artikel im SPIEGEL danken, auch für die großartige Präsentation meines Buches »Rußland im Krieg«. Das einzige, das mir nicht gefiel, war das schauderhafte Bild von mir; das kann ich aber Ihnen nicht vorwerfen! Ich schicke Ihnen ein anderes, das Sie vielleicht noch benutzen können; es sieht doch etwas menschlicher aus!
Wie haben Ihre Leser auf das Buch reagiert? Natürlich war ich auf der »anderen Seite«, und die Hitlerbande hatte ich nicht gern; aber deutschfeindlich bin ich gar nicht (das sehn Sie übrigens von meiner Kritik des Ehrenburg im »Into-Germany«-Kapitel). Es wird Sie auch vielleicht interessieren, daß meine Schule im alten Petersburg eine deutsche war - die Schule der Reformierten Gemeinden; vor einigen Monaten habe
ich auch einen Brief von einem meiner Lehrer, dem Herrn Eric von Voss, erhalten; er ist ein alter Herr von 83 Jahren und wohnt in Bayern. Ein sehr netter Mensch in der guten liberalen Goethe -Tradition; trotzdem wurde er auch von den Nazis während des Krieges verführt! Als ich 15 Jahre alt war, konnte ich perfekt deutsch schreiben; jetzt, wie Sie sehen, geht es nicht so gut.
Paris ALEXANDER WERTH
Photograph Max Alpert
Forßmann*
Wild*
Werth
* Medizin-Nobelpreisträger und Leiter der Chirurgischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf.
* Oberbürgermeister von Bayreuth.