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SCHMUGGEL Frust mit tödlichem Risiko

Deutschland ist zur Drehscheibe des internationalen Schmuggels geworden. Der Zoll steht den gut organisierten und gut ausgerüsteten Banden meist hilflos gegenüber. Jetzt bezahlten vier Zöllner ihre Sisyphusarbeit mit dem Leben.
• aus DER SPIEGEL 8/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Normalerweise kommt der weiße Neoplan-Bus mit kasachischem Kennzeichen immer samstags vor den Schlagbaum gerollt. In der vergangenen Woche tauchte er bereits am Dienstag morgen um 3.20 Uhr am Grenzübergang Ludwigsdorf bei Görlitz auf.

Der Zollbeamte Thomas Haupt, 30, der in dieser Nacht Dienst hat, gilt unter den Kollegen als Spürnase. Von allen Beamten hat der Zöllner die meisten »Aufgriffe« zu verzeichnen, ein Vorgesetzter lobt, Haupt sei »oft wie ein Terrier bei der Sache« gewesen.

Mit seinem Kollegen Ralph Schulze, 34, betritt Haupt den Bus, um die Reisenden zu kontrollieren und nach Schmuggelware zu suchen. Als er mit beiden Händen einen Luftfilter überprüfen will, macht der Beamte den tödlichen Fehler. Ein Kasache reißt ihm die Dienstwaffe (Sig Sauer P6) aus dem Holster und schießt das Magazin leer. Zuerst sinkt Schulze getroffen zu Boden, dann bricht Haupt zusammen.

Viele an der Grenze können und wollen nicht verstehen, warum es zu dieser Katastrophe kommen mußte. Der Kasache habe einfach die Nerven verloren, obgleich kein Schmuggelgut an Bord des Busses gewesen ist - ein tragischer Unglücksfall also, der nicht zu verhindern war?

Andere, die jene unsichtbare Linie sichern, die Deutschland von seinen Nachbarn trennt, glauben, daß es beinahe zwangsläufig zu solch einer Tragödie - oder einer ähnlichen - kommen mußte. Gefährlich leben auch die Fahnder der Sonderkommission (Soko) »Blauer Dunst«, die sich ausschließlich mit dem Zigarettenschmuggel befaßt. »Es ist zum Verzweifeln«, meint deren Leiter, Wolfgang Maierhofer, »die Ganoven sind besser ausgerüstet als wir.«

Wenn die Fahnder mal einen Schmugglerring hochgehen ließen, kämen sie manchmal »aus dem Staunen nicht mehr raus": Beim Gegner »tauchen Ferngläser, Funktelefone, Nachtsichtgeräte und Autos mit 200 PS auf«.

Zwischen März und Oktober 1996 verloren die »Blauer Dunst«-Fahnder von 14 Autos 7 durch Totalschäden. »Fast jeder Schmuggel-Lkw«, erklärt Maierhofer die hohe Crash-Quote, »wird von ein oder zwei Fahrzeugen begleitet. Wenn die sehen, daß sich unsere Leute an so einen Laster drangehängt haben, stellen die sich einfach quer, inszenieren einen Unfall oder drängen uns von der Straße.« Es sei ein Wunder, daß es dabei noch keine Toten gegeben habe.

Das Fußvolk von Zoll und Bundesgrenzschutz ist schon lange überzeugt, einen aussichtslosen Dienst zu versehen: Sie erwischen lediglich einen Bruchteil der Schmuggler, Subventionsbetrüger und Menschenhändler, die täglich die Grenze passieren, als gebe es nichts Alltäglicheres. Vor allem die organisierten Banden sind den Grenzschützern stets um Längen voraus. Erwischt werden die Kleinen - die dann locker ihre Strafen absitzen und bald den nächsten Versuch wagen.

»Den Kampf gegen den Schmuggel haben wir verloren«, sagt auch Günther Losse, 43, von der Oberfinanzdirektion Hamburg; seinen Job hält er für die »reinste Sisyphusarbeit«. »Kaum hat man erkannt, was auf welchem Weg ins Land kommt, haben die schon wieder ihre Methoden geändert. Wir laufen eigentlich ständig hinterher.«

Die Erfolglosigkeit habe zum großen Frust geführt, sagt ein Insider. Die Grenztruppe teile sich in zwei Gruppen. Die eine entwickle wie zur Selbstbestätigung eine Unnachgiebigkeit auch bei geringsten Verstößen, da habe jeder den Ehrgeiz, bei der internen Punktwertung, die von den Vorgesetzten wie die Bundesligatabelle geführt werde, vorne zu liegen.

Der andere Teil habe resigniert, winke Autos, Lkw und Passanten nur noch mechanisch durch. Die Leere und Langeweile bekämpfen die meist jungen Beamten, die einst von einer Räuber- und Gendarm-Romantik in den Job gelockt wurden, mitunter auf besondere Weise. »Nervenkitzel und ein paar Mark zusätzlich« würden so manchen dazu verleiten, »selbst ein bißchen mitzuschmuggeln«, sagt einer, der erst kürzlich erwischt wurde.

Da war der Zwischenfall von Görlitz willkommene Gelegenheit, von den wirklichen Problemen abzulenken. »Die Gewaltbereitschaft an den Grenzen ist grenzenlos«, meinte noch am gleichen Tag der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Zollbeamten, Heinz Schulze. Zumindest am vergangenen Dienstag stimmte diese These.

Nur wenige Stunden nach dem Mord von Görlitz fallen auch ein paar hundert Kilometer entfernt Schüsse, sterben zwei weitere Zöllner. Gegen 10.30 Uhr stoppt ein roter Mitsubishi an der deutsch-schweizerischen Grenze bei Konstanz. Am Steuer sitzt der 28jährige Italiener Mario Telatin, ein Waffennarr, der diverse Handgranaten und Waffenteile im Gepäck hat. Als der Zollamtmann Thomas Lachmeier, 40, den Kofferraum öffnen will, feuert der Fahrer aus einer Pistole. Lachmeier stirbt im Kugelhagel, auch sein Schweizer Kollege Stefan Jetzer wird tödlich getroffen.

Die Reaktionen auf die Todesschüsse zeigen, daß an der deutschen Grenze noch ein weiteres Problem dräut - die Splitterung zwischen Bundesgrenzschutz und Zoll. Was die Beamten am stärksten irritiere, sagt der Hamburger Zollamtsrat Losse, sei die Tatsache, daß sich »der Kanther jetzt hinstellt, von einem tragischen Einzelfall spricht und behauptet, wir bräuchten keine bessere Ausrüstung«.

Wie Losse dachte auch sein Kollege Roland Händler, 47, der an der Oder-Stadtbrücke in Frankfurt Dienst tut, über den Einsatz von Schußwesten nach, aber »in dem alten Zeug, über das wir verfügen, kann man nur eine Stunde rumrennen, so schwer ist das«. Losse machte gar einen Test, kam sich aber schon bald so unförmig »wie ein Michelin-Männchen vor«.

Der »von allen belächelte Zoll« sei es doch, der »das Geld reinholt«, mit dem dann der BGS aufgerüstet werde. Sicher gebe es geeignete Schußwesten - »aber die kosten Geld, und darum werden wir sie wohl nie bekommen«.

Doch auch Losse weiß, daß der Aufwand an der Grenze immer weniger durch den Ertrag gedeckt wird. Die offiziellen Importe brachten nach Schätzungen der Zollverwaltungen im vergangenen Jahr 140 Milliarden Mark in die Kasse. Zwar spotten Beamte, »allein von den Mengen, die in Deutschland jedes Jahr beschlagnahmt werden, könnten einige Zwergstaaten ihre komplette Versorgung bestreiten«. Doch sichergestellt wird nur ein Bruchteil der heißen Ware.

So wurden 1996 674 Millionen unversteuerte Zigaretten beschlagnahmt, das entspricht einem Steuerschaden von 120 Millionen Mark. Zollfahnder stellten außerdem 528 925 Liter Alkohol sicher, leiteten in dem Zusammenhang 973 Verfahren ein und stellten fest, daß weitere 4 668 233 Liter Alkohol nicht versteuert wurden - geschätzter Steuerschaden jährlich: mindestens 100 Millionen Mark.

Weiter wurden 1,4 Millionen Liter Treibstoff vom Zoll konfisziert und 4500 Kilogramm Kaffee, 212 Kilo Gold und Silber, 938 Gold- und Silbermünzen, Computersoftware im Wert von über 371 000 Mark und Sportartikel für über 482 000 Mark

Noch stärker als der traditionelle Schmuggel fallen illegale Einfuhren und Subventionsbetrügereien ins Gewicht. Allein im Agrarbereich (Vieh, Fleisch, Zucker, Obst und Milcherzeugnisse) entstand ein bekanntgewordener Schaden von 183 Millionen Mark. Außerdem aus dem Verkehr gezogen: 424 Kilogramm Heroin, 1384 Kilogramm Kokain, 5646 Kilogramm Marihuana, über 32 000 LSD-Trips, 953 Schußwaffen, darunter 49 Maschinenpistolen, und 128 Kilogramm Sprengstoff.

Dazu tun sich immer neue Märkte auf. Zwischen 1994 und 1996 stieg der Wert beschlagnahmter Güter im Bereich der Produktpiraterie von 197 793 Mark auf 2 272 396 Mark - um mehr als das Zehnfache. Die Software-Industrie beziffert den weltweiten Umsatzverlust auf 17,9 Milliarden Mark. In Europa sei Deutschland dabei mit der geschätzten Schadensumme von fast 800 Millionen Mark führend.

»Es schwappt von allen Seiten herein«, weiß Losse, der bislang lediglich »bestimmte Schwerpunkte« ausmachen konnte. Die Zigaretten kämen vorwiegend über die polnische Grenze, Opiate vom Balkan nach Süddeutschland. »Das Kokain landet im Hamburger Hafen, illegal eingeführte Tiere am Frankfurter Flughafen. Waffen werden aus Tschechien geliefert und Haschisch aus Holland.«

Deutschlands Rolle als Drehscheibe des internationalen Schmuggels wächst ständig. Nach der deutschen Definition für Organisierte Kriminalität (OK) wurden 1996 74 Schmuggelfälle aufgeklärt, die in den OK-Bereich fielen.

Auch in Bonn herrscht mittlerweile Alarmstimmung. Der Zoll könne den Kampf, sagt der Leiter des Zollfahndungsreferats im Finanzministerium, Dierk Hahn, nur unter Ausnutzung aller »rechtlichen und technischen Möglichkeiten« bestehen. Prophylaktisch warnt Hahn aber vor übertriebenem Optimismus. Eine Zusage, »wir bekämen den Schmuggel in den Griff«, sei »maßlos übertrieben«.

Selbst der Einsatz von moderner Technologie wie im Hamburger Hafen stört den großangelegten Schmuggel nur unwesentlich - schließlich müssen rund 3,3 Millionen Container jährlich kontrolliert werden.

»Das Ent- und Beladen eines Containers hat unsere Leute früher stundenlang auf Trab gehalten«, erklärt Ditmer Sturies von der Oberfinanzdirektion Hamburg. In der Zwischenzeit seien dann diverse unkontrollierte Container ins Land gekommen. Wenigstens das hat sich jetzt geändert. Seit Juni 1996 ist direkt neben den Abfertigungsanlagen am Hafenrand eine 36 Millionen Mark teure Röntgenanlage in Betrieb, die mittels zweier Linearbeschleuniger komplette Container durchleuchten kann. Statt mehrerer Stunden dauert eine einzelne Kontrolle jetzt nur noch knapp 20 Minuten. Auf vier Monitoren kontrollieren Zollbeamte den Container-Inhalt und können dabei kleinste Verstecke ausmachen oder falsch deklarierte Waren anhand der unterschiedlichen Struktur erkennen.

So wurden mal Elefantenstoßzähne aus Ghana unter einer Ladung mit Umzugsgut ausgemacht, dann 2,5 Tonnen Marihuana hinter Stapeln von Jeans aus Thailand oder 17 920 Liter Alkohol hinter einer Ladung Seegrasmatten aus Vietnam entdeckt. Im vergangenen Herbst fanden die Zöllner in einem tschechischen Lastwagen 2,2 Tonnen Haschisch (schwarzer Afghane) im Wert von rund 16 Millionen Mark - der Stoff kam aus Pakistan und war für die Weiterfahrt nach Tschechien bestimmt.

Doch die Arbeit ist mühsam. Eine zehnköpfige »Überwachungsgruppe Container« ist permanent damit beschäftigt, die Frachtlisten zu studieren - bei einem Schiff, das 2000 Container geladen hat, sind das immerhin 2000 Blatt Papier.

»Wir können auch mit der neuen Anlage immer nur punktuell überprüfen«, klagt der Leiter der Abteilung, Martin Wassmuth. Bei Weitertransporten, etwa nach Skandinavien oder Rußland, sei die Zeit, welche die Fahnder zur Kontrolle hätten, immer noch zu kurz.

So verlassen sie sich ebensooft auf ihr Gespür. Eine Firma in Südamerika hatte angeblich Polyesterharz von Equador über Hamburg nach Marokko verschiffen wollen. Doch Polyesterharz ist in Spanien viel günstiger zu erwerben als in Lateinamerika. Die Überprüfung im Hamburger Freihafen förderte 52 Fässer mit über 100 Kilogramm Kokain zutage.

Nur selten machen die Schmuggler dem Zoll die Arbeit so einfach wie der Latino, der Wachleuten nächtens im Hamburger Hafen aufgefallen war, als er völlig durchnäßt und mit Taucherausrüstung um ein Containerschiff herumschlich. Unter dem Rumpf des Ozeanriesen fand der bis dahin ahnungslose Hamburger Zoll später größere Mengen Kokain.

Am Frankfurter Flughafen, nach London-Heathrow der zweitgrößte Europas, steigt die Menge beschlagnahmter Drogen kontinuierlich. Fielen den Fahndern 1995 noch 1084 Kilo Rauschgift in die Hände, war es 1996 mit 3061 Kilogramm bereits fast das Dreifache. Ungewöhnlichster Kurier war ein Kolumbianer, der 125 Kondome mit insgesamt einem Kilo Kokain geschluckt hatte.

Auch die deutschen Urlaubsweltmeister schleppen tonnenweise Verbotenes an den rund 800 Mitarbeitern des Zolls vorbei ins Land, vom Paar Schlangenlederstiefel bis zum Hutband aus Krokodilleder. Die mit einer schweren Eisentür gesicherte Asservatenkammer des Hauptzollamts hat mittlerweile die Ausmaße eines mittelgroßen Jahrmarkt-Panoptikums. Trommeln aus Pythonleder (Kambodscha), Lampen aus Pferdehufmuscheln (Philippinen) oder als Bongos präparierte Schildkröten (Kuba) stapeln sich in den Regalen. Die Renner 1997 waren Rainsticks aus Kakteenholz, die aus Peru, Chile oder Mexiko mitgeführt wurden.

»Den klassischen Schmuggler gibt es nicht«, sagt Flughafenzöllner Peter Krawczyk. Er selbst hat sich in einer Sonderschulung mit orientalischen Knüpftechniken vertraut gemacht, um wertvolle Teppiche erkennen zu können, einer seiner Kollegen, Autodidakt, habe sich auf »ältere Damen spezialisiert« und vor den Augen seiner staunenden Kollegen »einen Treffer nach dem anderen« gelandet. Gut in Erinnerung ist auch der falsche Bischof geblieben, der zur schwarzen Soutane braune Halbschuhe trug, dadurch einem Kirchgänger unter den Zöllnern auffiel und sich als Kokainkurier entpuppte.

Schwer zu orten sind Schmuggler, die sich auf Computerzubehör spezialisiert haben. Sie sehen aus wie ganz normale Geschäftsleute und sind es auch meist. Nach Schätzungen des Finanzministeriums werden allein in dieser Branche »Steuerschäden von mehreren hundert Millionen DM verursacht«. Spezialisiert haben sich die Schmuggler dabei auf SIM-Module als Speicherbausteine für Computer und sogenannte CPUs, die als Prozessoren verwendet werden.

Die rasante Entwicklung auf diesem Sektor sei möglich, berichtet das ZKA in seiner Studie, »weil der Handel mit diesen Modulen relativ einfach ist«. Die Teile seien so klein, daß sich »der Warenwert, der sich beispielsweise in zwei großen Reisekoffern befindet«, auf mehr als zwei Millionen Mark belaufen könne. Eine aufwendige Lagerhaltung der Kleinteile sei darüber hinaus nicht notwendig: »In den meisten Fällen reicht ein Telefon und ein Faxgerät.«

Das Prinzip ist simpel: Computer-Spezialisten mit ordentlicher Gewerbeanmeldung kaufen die Module, bei deren Import Abgaben in Höhe von 4,2 Prozent und zeitweise Anti-Dumpingzölle in Höhe von bis zu 60 Prozent erhoben wurden, beim Hersteller in Asien, bringen sie in Reisetaschen oder Koffern heimlich nach Deutschland und verkaufen sie hier. Zwar liegt die Gewinnspanne pro Stück bei lediglich 2 bis 5 Prozent, doch lassen sich die kleinen Module problemlos in großen Mengen über die Grenzen befördern.

Die Schmuggelbekämpfer vom Zollkriminalamt schlagen jetzt Alarm. In einem Strukturpapier klagen sie, »ein Unrechtsbewußtsein« sei »im Bereich der Steuerhinterziehung« nicht besonders ausgeprägt: »Die Wirtschaftskriminellen höhlen das Rechtsempfinden der Bürger aus« und schädigten das »Ansehen des Staates«. Eine im Aufbau befindliche Einsatztruppe, die »Zollunterstützungsgruppe Zoll« (ZUZ), ist seit Anfang des Jahres bereits im Einsatz und soll den Mißstand beseitigen helfen - Beamte mit Spezialausbildung, die schießen können und Häuser stürmen.

»Der Schmuggler«, ließ Dostojewski seinen Protagonisten in »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus« (1861/62) berichten, »betreibt sein Gewerbe aus innerem Triebe, aus Leidenschaft. Es liegt eine gewisse Poesie darin.« Schließlich setze er sich größter Gefahr aus, bediene sich der List und erfinde ständig neue Mittel.

Besonders viel, so scheint es, hat sich trotz High-Tech und Globalisierung in dem uralten Gewerbe in der Zwischenzeit nicht geändert. Heute wie damals ist es das gleiche Spiel - der Krieg an der Grenze erinnert an Räuber und Gendarm. Wie damals führen Schiffe, die aus der Ferne kommen, zwischen der Ladung haufenweise Schmuggelware, wie damals begeben sich die »Ameisen« genannten Lastenträger mit ihren Rucksäcken auf den mühseligen Weg über die grüne Grenze.

Seit Oder und Neiße die neue Wohlstandsgrenze zwischen Ost und West markieren, ist der Zustrom kaum noch zu bremsen. Aus dem Osten kommt so ziemlich alles, was im Westen Geld bringt: Frauen, Waffen, Drogen, Kaviar und tonnenweise Zigaretten.

»Wie sollen wir das denn unterbinden?« fragt der Frankfurter Zollamtsvorsteher Händler. »Eine in Rußland oder der Ukraine erworbene Stange Zigaretten kostet dort 4 bis 7 Mark, 10 Mark dann schon in Polen, in Frankfurt (Oder) 20 und in Berlin 25 bis 28 Mark.« Für eine in Deutschland versteuerte Stange hingegen muß der Raucher bis zu 50 Mark berappen.

Während Händler noch den Anreiz, eine schnelle Mark zu machen, beschreibt, stoppt vor dem Schlagbaum, der das deutsche Frankfurt (Oder) vom polnischen Slubice trennt, ein weißer Honda Civic mit polnischem Kennzeichen. Die beiden Frauen geben vor, einen kleinen Ausflug ins Nachbarland machen zu wollen. Doch eine Überprüfung der üppig gefüllten Picknickkörbe läßt 59 Stangen Zigaretten Marlboro, West und Ernte 23 zum Vorschein kommen. Der Erlös hätte ein gutes polnisches Monatseinkommen eingebracht.

Einmal wöchentlich stopft Händler säckeweise Zigaretten in einen Kleinlaster, der das Schmuggelgut zum Schreddern und Kompostieren bringt. Weil den polnischen oder ukrainischen Packungen der Aufdruck »Rauchen gefährdet ihre Gesundheit« und die Steuermarke fehlen, zudem die Tabak- und Nikotinwerte nicht immer mit den deutschen übereinstimmen, muß zerstört werden, was dem Staat auf dem Markt Millionen einbringen könnte - es gibt nicht wenige Zöllner, denen das angesichts der fehlenden Gelder für moderne Ausrüstung »ziemlich absurd« erscheint.

Hinzu kommt: Vor allem an den grünen Grenzen fühlen sich die deutschen Zöllner ohnmächtig gegenüber dem massiven Einfuhrdruck. »Die verarschen uns nach Strich und Faden«, klagt Zollobersekretärin Manuela Nering, die im Grenzabschnitt Küstrin-Kietz, einige Kilometer nördlich von Frankfurt (Oder), patrouilliert.

Die dünne Personaldecke des Zolls läßt eine gründliche Überwachung gar nicht zu. Wenn Zöllnerin Nering mit ihrem Kollegen Matthias Schneider zum Kontrollgang aufbricht, dann ist außer den beiden nur eine einzige weitere Patrouille für einen Abschnitt von 60 Kilometer Grenze zuständig. Ein Kampf gegen Windmühlenflügel - erfahrene Schmuggler benötigen für eine Oderüberquerung nicht mehr als zwei Minuten.

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