Fuchs im Stall - DER SPIEGEL
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Naher Osten Fuchs im Stall

Nach der Truppenentflechtung am Suezkanal und im Golan-Gebiet befürwortet Amerika nun ein jordanisch-israelisches Abkommen. Friedensreisender Nixon will Details mit König Hussein besprechen.
• aus DER SPIEGEL 25/1974
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Jordaniens Regierung nennt Jordanier Verräter, die im besetzten Westjordanien Boden an Israelis verkaufen. Dennoch werden neuerdings immer mehr Grundstücke zu immer günstigeren Preisen angeboten.

Denn geschäftstüchtige Westufer-Spekulanten wittern, daß politische Abmachungen die Transaktionen bald nichtig machen könnten. Die Israelis, so glauben sie, werden demnächst abziehen.

Ihre Zuversicht scheint verfrüht, keineswegs aber gänzlich abwegig. Denn nachdem Nixons Kissinger die Ägypter und selbst die hartnäckigen Syrer zur vertraglichen Truppentrennung mit dem israelischen Feind überreden konnte und ein Abkommen Washingtons Zusammenarbeit mit dem Erdölgiganten Saudi-Arabien sichert, ist nun ein jordanisch-israelisches Abkommen der nächste realisierbare Entspannungsschritt im Nahen Osten.

»Dank Kissingers Verhandlungsgeschick«, fand die »New York limes«, »scheint der alte diplomatische Imperativ nicht mehr zu gelten, dem zufolge keine Macht gleichzeitig mit Israel und den Arabern befreundet sein kann.«

Kissinger-Chef Nixon kassierte auf seiner Orienttour den Beifall für die Erfolge seines Außenministers. Er erlebte in Ägypten, was derzeit zu Hause undenkbar ist: jubelnde Menschenmassen und eine freundliche Presse. Amerikas Öffentlichkeit sah denn auch die Nixon-Reise weitgehend wie der Senator Jackson: »Taktik, um von Watergate abzulenken.«

Nicht wenige Araber aber würden, wie Ägyptens Präsident Sadat, Nixons Sturz als »Tragödie« beklagen. Die für Arabien vorteilhaftere Nahost-Situation ist in ihrer Sicht untrennbar mit dem Duo Kissinger/Nixon verbunden. Und die Araber waren deshalb mindestens so schockiert wie die Amerikaner, als Kissinger am Dienstag in Österreich weinend mit seinem Rücktritt drohte.

Der erfolgreiche Unterhändler hatte im Januar in Amman jene Vorschläge ausgetüftelt, die Nixon auf der letzten Etappe seiner Nahosttour mit König Hussein besprechen wird und die das jordanisch-israelische Verhältnis allmählich normalisieren sollen:

Ein 16-Punkte-Programm sieht die Bildung einer entmilitairisierten Pufferzone zu beiden Seiten des Jordan vor (Israels Vize-Premier Allon: »Präventive Truppenentflechtung"). Jordanien darf in von Israel geräumten Gebieten eine Zivilverwaltung mit Polizeikräften einsetzen, garantiert aber, daß es weder Militär noch Freischärler zulassen wird.

Der Gazastreifen soll durch zwei Korridore mit Westjordanien verbunden werden, Israel hingegen berechtigt sein, Straßen zu seinen Wehrsiedlungen in der Jordansenke zu halten. Über künftige Grenzen beziehungsweise gegenseitige territoriale Konzessionen sollen spätere bilaterale Besprechungen entscheiden.

Nach dem 16-Punkte-Programm wird Jerusalem -- von Israel stets als Hauptstadt beansprucht und in einem arabischen Teil bereits annektiert -- ungeteilt bleiben. Die Stadt soll aber zwei autonome Verwaltungen erhalten. Israel würde neben den westlichen Stadtteilen auch das jüdische Viertel in der Altstadt regieren. Die heiligen Stätten sollen einer unabhängigen Behörde von Würdenträgern des Islam, der Juden und der Christen unterstellt werden.

Israels neuer Verteidigungsminister Peres hält zwar derzeit wenig von territorialen Konzessionen an Jordanien »ohne Gegenleistung«, weil mit dem Königreich de facto sowieso seit Jahren Friede herrscht. Und 64 Prozent der Israelis lehnen Gebietsverzichte gerade in den »biblischen Provinzen Judäa und Samaria« ab, das heißt in Westjordanien.

Mehr Israelis als früher erkennen freilich auch die demographischen Gefahren einer De-facto-Annexion des Westufers mit seinen 750 000 palästinensischen Einwohnern. Ein hoher Regierungsbeamter: »Wir dürfen kein zweites Zypern oder Irland werden.« Und viele Israelis begreifen heute, daß es ohne die Lösung der Westjordanienfrage keinen Nahostfrieden geben kann.

In einem Punkt stimmen Jerusalem und Amman sogar überein: Zwischen Wüste und Mittelmeer ist nur Platz für zwei Staaten -- Israel und Jordanien. Geräumte Westufergebiete müßten deshalb zurück an das Haschemiten-Reich und dürften keineswegs ein autonomes Klein-Palästina werden, in dem Jassir Arafats PLO bestimmt. Israels Peres über ein solches Land: »Eine mit sowjetischen Waffen gespickte radikale Aggressionsbasis gegen Israel.«

König Hussein verspricht der -- in ihrer Mehrheit wohl gleichermaßen antiisraelischen wie antijordanischen

Westuferbevölkerung nach Israels Abzug eine Volksabstimmung über ihren zukünftigen Status. Niemand zweifelt an einem ihm genehmen Ergebnis.

Denn auch die Westjordanier dürften kaum eine Masseneinwanderung ihrer militanten heimatlosen Brüder herbeisehnen. »Dann kommen Palästinenser aus den Flüchtlingscamps, sagen wir im Libanon«, beschreibt Jordaniens Minister für die Westufergebiete Tahir el-Masri ein solches Zukunftsbild. »Arm wie sie sind, stehen plötzlich die Habenichtse neben den Häusern der relativ Wohlhabenden. Alle sind Palästinenser. gut. Aber das reicht nicht, um soziale Konflikte zu verhindern.«

So sehen sich denn wieder einmal die Palästina-Flüchtlinge vor der Gefahr, daß sie politischen Interessen geopfert werden. Es klang für sie nur hinhaltend, als Ägyptens Sadat ihrem Arafat erklärte, daß es noch nicht an der Zeit sei, dem Friedensreisenden Nixon eine Erklärung zu den Rechten der Palästinenser abzuverlangen.

Während die meisten arabischen Zeitungen den US-Präsidenten lobten. warnte die palästinenserfreundliche Bei -- ruter »El-Muharrir« vor dem »Fuchs im arabischen Hühnerstall«.

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