USA Fuck Computer
Junggeselle, Anfang 40, rotblonde Haare, Schnurrbart und gesunde Hautfarbe, naturliebend und sehr belesen, guter Job, beliebt und höflich - das Porträt würde jede Heiratsanzeige schmücken, wäre da nicht eine perverse Neigung. »Der sprengt gern Menschen in die Luft«, beschreibt der Washingtoner Sicherheitsexperte Frank McGuire das auffälligste Merkmal des Mannes, der seit 17 Jahren die USA mit Bomben terrorisiert.
»Unabom« ist die Codebezeichnung der Bundeskriminalpolizei FBI für den Attentäter, auf dessen Ergreifung eine Million Dollar ausgesetzt sind. Sogar im Internet (http://nai.nasa.gov/fbi) fahnden die Agenten nach dem Serienbomber, dessen explosives Tun in der US-Kriminalgeschichte ohne Beispiel ist.
Der Name - aus den Wörtern Universität, Airline und Bombe gebildet - umschreibt so etwas wie das Programm des geheimnisvollen Terroristen, der bisher 16mal zugeschlagen hat; dabei wurden 3 Menschen getötet und 23 verletzt. Der selbsternannte »antiindustrielle Anarchist« hat es vor allem auf High-Tech-Repräsentanten abgesehen: Professoren und Luftfahrtmanager gehörten zu seinen ersten Opfern. Computerwissenschaftler, Genetiker, der Flugzeughersteller Boeing und Computerläden in Sacramento und Salt Lake City gerieten ebenso ins Visier.
Nach seinem letzten Mord am 24. April, fünf Tage nach dem Anschlag von Oklahoma City, machte der Unabomber plötzlich ein Friedensangebot: Er werde innehalten, so sein Vorschlag an die New York Times, wenn ein angesehenes nationales Presseunternehmen seine ausführliche Rechtfertigungsschrift veröffentliche.
Vergangene Woche schien er es sich wieder anders überlegt zu haben: Erstmals kündigte er eine Aktion konkret an - diesmal nicht gegen ein von ihm gezielt ausgewähltes Individuum, sondern in blindem Terror gegen eine beliebige Gruppe von Flugpassagieren. Nur einmal zuvor, bei seinem dritten Attentat am 15. November 1979, hatte er in ähnlicher Form zugeschlagen: Eine Paketbombe zwang einen American-Airlines-Jet zur Notlandung auf dem Washingtoner Flughafen Dulles.
Die Drohung, irgendwann in den nächsten sechs Tagen einen Sprengsatz in einem Verkehrsflugzeug zu zünden, das vom Internationalen Flughafen Los Angeles (LAX) starte, versetzte der Nation nach dem blutigen Anschlag von Oklahoma City einen weiteren Schock. Amerika, abhängig vom Flugverkehr wie kaum ein anderes Land, sah seine Bewegungsfreiheit bedroht.
Mit rund 2000 Starts und Landungen täglich ist LAX der verkehrsreichste Flughafen der Welt. Seine Lähmung würde den Luftverkehr ins Chaos stürzen. Die Aktion drohte zudem die Reisewelle zu brechen, die traditionsgemäß zum Nationalfeiertag am 4. Juli über das Land schwappt. Entsprechend einschneidend waren die Schutzmaßnahmen, die gleich nach Eingang des Drohbriefs beim San Francisco Chronicle über den sonst so lebensfrohen »Goldenen Staat« verhängt wurden: *___Luftpost wurde zunächst gar nicht mehr befördert, ____dann auf Sendungen beschränkt, die leichter als 340 ____Gramm (zwölf Unzen) sind - der Attentäter hatte bislang ____vornehmlich mit Briefbomben gearbeitet. *___Passagiere müssen nun auch auf kalifornischen ____Flughäfen Ausweise vorweisen und ihr Gepäck ____identifizieren. *___Jedes elektronische Gerät muß eingeschaltet werden, ____damit geprüft werden kann, ob eine Bombe in dem ____Plastikgehäuse steckt. *___Allein am vergangenen Mittwoch wurden rund 150 000 ____Gepäckstücke durchleuchtet und in Verdachtsfällen per ____Hand durchsucht.
Endlose Schlangen vor den Sicherheitsschleusen waren die Folge. Zwar gingen gleich nach dem Alarm bei der New York Times und einen Tag später bei der Washington Post Beschwichtigungsschreiben ein. Der Brief an den Chronicle, hieß es darin, sei nur ein letzter Warnschuß gewesen. Aber die Terrorexperten mochten dem Friedensangebot nicht trauen. Der beigelegte 67 Seiten lange Revolutionsaufruf gegen die »industriell-technologische Gesellschaft«, der das Ende der Anschlagserie bringen soll, änderte nichts an der Skepsis. »Wir können uns doch nicht auf die Wahrhaftigkeit eines Bombenlegers verlassen«, warnte einer der Fahnder.
Nichts deutet darauf hin, daß die Polizei dem Attentäter hart auf den Fersen ist. Nur einmal, vor acht Jahren, sah eine Zeugin den Unabomber. Auf ihren Angaben beruht die Fahndungsskizze.
Ansonsten haben die Kriminalisten kaum Hinweise. Der Bastler scheint Tischlerarbeiten zu mögen: Alle seine Bomben enthielten selbstgefertigte hölzerne Bauteile. Sorgsam geschreinerte Kästen bargen meistens den Sprengstoff. Und der Absender des letzten Drohbriefs lautete: Fredrick Benjamin Isaac (FBI!) Wood, 549 Wood Street, Woodlake, CA 93286.
Über die wahren Motive des Technologiefeindes, der vermutlich in Nordkalifornien zu Hause ist, können die Fahnder nur spekulieren. Immerhin, das Kürzel FC, das der Einzelgänger in Bauteile seiner Bomben markiert, glauben die FBI-Leute entschlüsselt zu haben: »Fuck Computer.« Y