FÜHRERBILD - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 58 / 66

Briefe

FÜHRERBILD
• aus DER SPIEGEL 35/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

FÜHRERBILD

Mit dem Vorabdruck aus Masers Buch »Hitlers 'Mein Kampf'« wirkt der SPIEGEL erneut als Geschichtslehrbuch.

Ihmert (Nordrh.-Westf) I. BERKENHOFF

Über Ihre neue Artikelfolge zu Hitlers Krampf bin ich gelinde gesagt erstaunt. Was soll uns heute diese hochnotpeinliche Untersuchung über die Entstehungsgeschichte eines solch verbrecherischen Machwerks? Sehen Sie denn nicht, daß solche Stories über jenes Super-Scheusal zur Bildung einer Hitler-Legende beitragen.

Berlin DR. C. LEHRMANN*

Dem Artikel gebührt deshalb Dank, weil er endlich einmal eine zusammenhängende Evolution in der Haltung eines Volkes zeigt.

Jarny (Frankreich) DIETRICH INGENSCHAY

In einem Flugblatt, welches englische Bomber im Kriege über Deutschland abgeworfen haben, findet sich ein Gegenstück zu der theatralischen, gestellten Posenserie auf Seite 47 in Nummer 33/1966. Ich habe Ihnen die Photos mit Unterschriften reproduziert. Diese Photos sind echte Rednerposen.

Köln PETER FISCHER

Es gibt doch wirklich aktuellere Reportagen! Marschiert bei Euch schon wieder die Reaktion? Ihr verleidet einem das Lesen des SPIEGEL.

Tel Aviv M. KRINSKY

Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Ihrer Leser ihren Urlaub im Ausland verbringen, bringen Sie ein Konterfei Hitlers. Daß dies bei unseren Gastgebern zumindest Skepsis auslösen muß, ist Ihnen bei der Auswahl des Bildes wohl nicht in den sonst so sprühenden SPIEGEL-Sinn gekommen. Jedenfalls haben Sie Ihren im Ausland weilenden Lesern und der Verständigung mit unseren Nachbarn einen schlechten Dienst erwiesen.

z. Z. Groede (Holland) RUDOLF JUNG

Werner Maser hat bereits in seiner »Frühgeschichte der NSDAP - Hitlers Weg bis 1924« (vergleiche DER SPIEGEL, Nummer 41/1965) erstmalig, in einer bedeutenden Studie, Mythenbildungen und Mystifizierungen um das Leben und den Lebensweg des Österreichers Adolf Hitler in den entscheidenden Jahren, in denen er sein »Weltbild« bildete, aufgelöst. Diese Arbeit bildet einen Wendepunkt in der Erforschung nicht zuletzt der inneren Geschichte der Weimarer Republik, die fatal durch den Antagonismus, ja die Feindschaft bayerischer Führungsgruppen gegen »Weimar« und gegen »Berlin« vorentschieden wurde: in Frontstellungen, die Hitlers Eroberung des Gesamtstaates ermöglichten.

Dieser Band hat nun eine logische und geschichtslogisch richtige Fortsetzung gefunden in dem Buche: »Hitlers Mein Kampf - Entstehung, Aufbau, Stil, Änderungen, Quellen, Quellenwert, kommentierte Auszüge«. Werner Maser macht auf die wahrhaft katastrophale Tatsache aufmerksam, daß dieses 1925/26 vorliegende Programm einer Welt-Zerstörung, eben Hitlers zweibändiger »Mein Kampf«, »übersehen«, von den verantwortlichen Staatsmännern Europas (und, ich möchte hinzufügen, von den führenden Männern der Großkirchen) nicht ernst, nicht todernst genommen wurde. Was bei deutschen Gebildeten und Intellektuellen, die Hitler nicht lasen, Snobismus und ein sich apolitisch gebärdender Dünkel sein mochte, war »oben« strafwürdiger Leichtsinn.

Maser unterstreicht noch einmal, sehr zu Recht, die hohe Verantwortlichkeit führender politischer Kreise (und von Kreisen des deutschen, zunächst bayerischen Besitz- und Bildungsbürgertums) für den Aufstieg des »Schriftstellers«

Adolf Hitler, der sich »mit österreichischem Charme« (wie es ein weibliches Mitglied der Familie Richard Wagners nannte) sehr wohl auf dem glatten Parkett und im Salon bewegen konnte. Hitler düpierte gerade auch führende Persönlichkeiten der konservativen (und katholischen) Front, da er ihren wishfulthinking, ihrem Wunschdenken, entgegenkam Masers Buch verdient zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zuletzt ein eminent politisches Interesse.

Wien PROF. DR. FRIEDRICH HEER

In meinen Vernehmungen in Nürnberg habe ich den SS-Obergruppenführer Max Amann, Hitlers Feldwebel im Ersten Weltkrieg, später »Reichsleiter für die Presse« und Chef des Eher-Verlages, über die Entstehung von »Mein Kampf« und die Gelder vernommen, die Hitler daraus zugeflossen sind. Aus diesen Vernehmungen im August und Oktober 1947 darf ich folgendes zitieren:

Im August 1947 hatte ich Amann über Hitlers »Mein Kampf« gefragt: »Wer hat Hitlers 'Mein Kampf' geschrieben?«

Amann: »Hitler selbst. Ich selbst habe die Handschrift des ersten Bandes gesehen.«

Frage: »Sind Sie sicher?«

Amann: »Ich habe den ersten Band auf einem Parteitag in Nürnberg selbst gesehen, als er in einem Glasschrank ausgestellt war. Er hat ihn Frau Bechstein in Berlin geschenkt. Wahrscheinlich 1926 oder 1927 ... Es war das Manuskript des ersten Bandes, das ich später auf dem Parteitag in Nürnberg gesehen habe.«

Frage: »Wieviel Seiten hat Hitler Ihnen diktiert?«

Amann: »Ungefähr 100 bis 120 Seiten. Einer Angestellten von mir, einem gewissen Fräulein Wendel, diktierte er in München.«

Frage: »War das, was Sie seinerzeit gesehen haben, identisch mit dem, was später gedruckt worden ist?«

Amann: »Ja, ich glaube schon ...«

Frage (bei Vernehmung im Oktober 1947): »Stimmt es, daß der Führer sein Barkonto auf dem Eher-Verlag hatte?«

Amann: »Jawohl, er hatte noch ungefähr sieben Millionen gehabt, die er nicht abberufen hatte ... sieben Millionen am Schluß, bei der Kapitulation.«

Frage: »Was war der Höhepunkt?«

Amann: »Meiner Schätzung nach waren es 15 Millionen. Im Laufe der Jahre, ab 1925, waren es ungefähr acht Millionen, die er bezogen hat.«

Von den Einnahmen des Buches »Mein Kampf« wurden auch Summen bezahlt, die Eva Braun von Hitler erhielt. Dies ergab sich aus meiner Vernehmung des SS-Obergruppenführers Julius Schaub, in dessen Hand die persönliche Betreuung Hitlers lag.

Lansdowne (USA)

DR. ROBERT M. W. KEMPNER

* Gemeinde-Rabbiner von Berlin.

Heer*

Kempner**

* Wiener Historiker ("Die Dritte Kraft«, »Europa - Mutter der Revolutionen"), der gegenwärtig an der Wiener Universität über »Historische Genesis des österreichischen Katholiken Adolf Hitler« im Rahmen einer Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen liest.

** Stellvertretender US-Hauptankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen.

Zur Ausgabe
Artikel 58 / 66

Mehr lesen über